NZZ Folio 06/99 - Thema: Krieg um Kosovo   Inhaltsverzeichnis

Das Herz Serbiens

Um das Amselfeld in Kosovo rankt sich der serbische Nationalmythos.

Von Juliane Besters-Dilger

Seit 1991 befindet sich Serbien im Krieg. Die Ziele haben sich in den letzten Jahren verändert: Zunächst ging es darum, mit Hilfe der serbisch dominierten Bundesarmee die Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens von Restjugoslawien zu verhindern. Dann sollte der serbischen Bevölkerung Bosnien-Herzegowinas ein möglichst grosser Anteil an dieser ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik gesichert werden. Nun wird versucht, Kosovo von seiner albanischen Bevölkerungsmehrheit «ethnisch zu säubern» und mit Serben zu besiedeln. Sucht man nach Erklärungen für das Vorgehen der Serben, stellt sich die Frage, ob es seinen Ursprung in der Vergangenheit und ihren nationalen Mythen hat.

Nationale Mythen sind bei allen Völkern verbreitet und stellen keine Besonderheit der Slawen oder gar der Südslawen dar. Woher kommt unsere Sippe, unser Volk? Wer sind wir? Auf diese Fragen haben Stammesführer, Weise und Dichter auf der ganzen Welt in ähnlicher Weise geantwortet: Unser Volk ist etwas Besonderes, es unterscheidet sich durch seine Entstehung und Entwicklung von allen anderen, es hat eine besondere Aufgabe zu erfüllen. Nationale Mythen beziehen häufig historische Ereignisse ein, meist Kriege oder Wanderbewegungen. Solche Ereignisse brauchen nicht in grauer Urzeit angesiedelt sein, sie können durchaus im Mittelalter oder in der Neuzeit stattgefunden haben. Und schliesslich: Nationale Mythen inspirieren Dichter und Schriftsteller zu Liedern, Epen und historischen Romanen, sie gehören zum kollektiven Gedächtnis. Sie können lange vergleichsweise inaktiv sein; wirksam werden sie vor allem dann, wenn eine Nation in eine Situation gerät, die begründete oder unbegründete Zweifel an ihrem Weiterbestehen weckt. All dies gilt generell. Wo aber liegt das Spezifische der serbischen Mythen?

Der Göttinger Slawist Reinhard Lauer hat serbische Volkslieder und Epen ausführlich untersucht und vier Hauptmythen gefunden, die sich allerdings stark mit denen anderer Balkanvölker, besonders der Kroaten, Slowenen, Albaner und Bulgaren, überschneiden: den Wolfsmythos, den Mythos um den Königssohn Marko, den Haiduckenmythos und den Kosovo-Mythos. Obwohl letzterer nicht der literarisch am häufigsten verarbeitete ist, muss er als der grundlegende, ethnizitätsstiftende Mythos der Serben angesehen werden.

Der Kosovo-Mythos rankt sich um die Niederlage der Serben gegen die Türken in der Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo Polje) am 28. Juni 1389 (nach dem orthodoxen Kalender am 15. Juni). Der serbische Fürst Lazar Hrebeljanovic kämpfte mit etwa 25 000 Mann gegen ein türkisches Heer unter Sultan Murad I., das sowohl zahlenmässig als auch technisch weit überlegen war. Lazar geriet in türkische Gefangenschaft und wurde getötet.

In einem Interview hat der in Jugoslawien geborene, seit 52 Jahren in Österreich lebende Schriftsteller Milo Dor kürzlich darauf hingewiesen, dass die Serben die Teilnahme der Albaner an dieser Schlacht gerne verschweigen. Trotz der verwirrenden Quellenlage ist einigermassen sicher, dass nicht nur diese, sondern auch Männer des bosnischen Königs auf der Seite der Serben kämpften. Die Vereinnahmung eines von mehreren Völkern geteilten Mythos durch eines von ihnen ist ein relativ häufiges Phänomen.

Der Kosovo-Mythos weist zwei interessante Merkmale auf: Zum einen ist er aus einer historischen Niederlage entstanden, was auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint und von manchen Fachleuten als einzigartig bezeichnet wird. Dies trifft allerdings nicht zu, auch in der griechischen Mythologie findet man geschichtlich belegte Niederlagen, die zu Mythen umgestaltet wurden. Zum anderen ist er in seiner Entstehung, dem auslösenden historischen Ereignis, räumlich und zeitlich genau festlegbar.

Kern des serbischen Kosovo-Mythos ist die Überzeugung der Serben, das Abendland vor den Türken gerettet und sich dabei für dieses geopfert zu haben. Denn trotz ihres Sieges auf dem Amselfeld zogen sich die Türken nach der Schlacht nach Adrianopel (heute Edirne, bis 1453 die türkische Hauptstadt) zurück. Sie setzten ihren Weg nicht weiter gegen Nordwesten fort, sondern begnügten sich mit der Eroberung Serbiens (und Bulgariens im Jahre 1393). Der Grund war wohl, dass ihr Anführer, Sultan Murad I., während oder nach der Schlacht von dem serbischen Ritter Milos Obilic getötet wurde. Erst mehr als hundert Jahre später setzten die Türken ihren Expansionskurs nach Europa fort, der sie im Jahre 1529 bis vor Wien brachte, das sie bekanntlich zweimal (das zweitemal 1683) vergeblich belagerten.

Bei ihrer historischen Tat, der Errettung des Abendlands vor dem Islam, seien die Serben, so will es der Mythos, vom christlichen Europa im Stich gelassen worden. Daraus hat sich in Serbien eine Art Opfertrauma entwickelt, das in den letzten Jahren wiederbelebt wurde durch die Interventionen des Westens: die frühzeitige Anerkennung Sloweniens und Kroatiens, die Unterstützung der Muslime in Bosnien und der albanischen Autonomiebestrebungen in Kosovo.

An die Stelle der Türken treten nun andere Feinde. Mal sind es die Iraner, die nach serbischer Ansicht mit Hilfe der Bosnjaken die Islamisierung Europas betreiben wollen, mal sind es die Amerikaner, mal die Deutschen. Anstatt nämlich die Serben als Verbündete gegen die Ausbreitung des islamischen Fundamentalismus zu akzeptieren, hätten die USA und Europa die muslimischen Bosnjaken unterstützt. Es geht also nicht mehr nur darum, dass der Westen Serbien wie 1389 allein auf das Schlachtfeld ziehen lässt, vielmehr hilft er dem Feind und wird damit selbst zum Feind Serbiens. Aus dem Hass gegen den Islam, gegen Türken und Araber wird ein Hass gegen alles, was nicht proserbisch ist.

Verschärft wird die aktuelle Situation dadurch, dass Kosovo, anders als Slowenien oder Kroatien, aus Sicht der Serben einen Teil ihres historischen Kernlandes darstellt. Dort finden sich einige der ältesten serbischen Klöster und Kirchen, zum Beispiel in Pec, wo das serbisch-orthodoxe Patriarchat, der Bewahrer des geistig-kulturellen Erbes der Serben in der Osmanenzeit, seinen Sitz hatte. Vor allem aber liegt in Kosovo das Amselfeld, das oft als «heilig» bezeichnete Kosovo Polje. Kosovo den Albanern zu überlassen, kann Serbien daher nicht in Betracht ziehen, besonders weil die Albaner ethnisch, sprachlich und religiös den Serben fernstehen: Sie sind keine Slawen und bekennen sich zum grossen Teil zum Islam; sie sind also «fremd» und «anders».

Nach dem Kosovo-Mythos ist Serbien von der Vorsehung dazu auserwählt, für das Himmelreich zu streiten, zu leiden und zu sterben, so wie Christus für die Sünden der ganzen Welt gelitten hat. Fürst Lazar, der in türkischer Gefangenschaft getötete Anführer der Serben, erhält auf manchen Gemälden des 19. Jahrhunderts die Züge Christi, seine Ritter die der Apostel. Genau wie bei Christus habe ein gemeinsames Abendmahl vor der Schlacht stattgefunden, und es habe auch einen Verräter gegeben, nämlich den Schwiegersohn Lazars, Vuk Brankovic (was historisch nicht bewiesen ist), und Lazar habe den Verrat prophezeit - wobei er allerdings den Falschen als Verräter verdächtigte, nämlich seinen anderen Schwiegersohn Milos Obilic (den späteren Sultanmörder).

Selbst in der Auferstehung ähneln sich Lazar und Christus, auch wenn bei Lazar der Überlieferung nach nur der abgeschlagene Kopf auferstanden ist. Dem Opfertod Lazars und seiner Gefolgschaft, dem Untergang des Serbenreichs werde aber eine Auferstehung, und das heisst politisch gesehen die Wiedererrichtung des Serbenreichs, folgen. Dies alles ist in Gemälden, Dichtungen, Liedern, Epen und Erzählungen beschworen worden; vieles davon kann man in der Sammlung «Serbische Volkslieder» finden, die der serbische Philologe Vuk Karadzic schon Anfang des 19. Jahrhunderts veröffentlicht hat.

Eine Wiederbelebung des für die Serben identitätsstiftenden Kosovo-Mythos kann man nicht nur heute beobachten, sondern immer, wenn Serbien in den Kampf zieht: während der Aufstände von 1804-06 und von 1814-16 gegen die Osmanen, in den Balkankriegen 1912/13, im Ersten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg. Als eine Reaktion auf die Annexion Bosniens durch die habsburgische Doppelmonarchie ermordete am 28. Juni 1914, also auf den Tag genau 525 Jahre nach der Schlacht auf dem Amselfeld, der serbische Anarchist Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo und stellte sich damit in eine Reihe mit dem Sultanmörder und serbischen Nationalhelden Milos Obilic.

Dass der Feind des Jahres 1914 kein Muslim war, spielte keine Rolle. Serbien, das ehemalige und das neue Opfer, hatte angeblich das Recht, zum Täter zu werden. Ein serbisches Lied zum Attentat von Sarajewo von 1914 stellt deutlich die Verbindung zur Schlacht auf dem Amselfeld her. Die Truppen des österreichischen Kaisers werden mit den Türken auf dem Kosovo Polje verglichen.

Jedes Jahr wird der 28. Juni (der St. Veits-Tag, serbisch Vidovdan) in Serbien feierlich begangen als der Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld. Bei der 600-Jahr-Feier im Jahr 1989 pilgerten etwa eine Million Serben zum Amselfeld, um die Rede des neuen Hoffnungsträgers Slobodan Milosevic zu hören, der bei dieser Gelegenheit von der Grösse, dem Mut und dem Stolz der Serben sprach und auch davon, dass neue Schlachten bevorstünden, die nur mit grosser Tapferkeit gewonnen werden könnten. Bei diesem Anlass bezeichnete Milosevic Kosovo als das «Herz Serbiens».

Später hat man diese Rede als Vorbereitung der Jugoslawienkriege interpretiert. Auch bei der Formulierung seines Wunsches, der russisch-weissrussischen Union beizutreten, und in den Gesprächen mit russischen Unterhändlern spielt Milosevic deutlich auf die Rolle Serbiens als Verteidiger der Orthodoxie und des Slawentums gegen Andersgläubige und die daraus erwachsende gemeinsame Aufgabe an.

In den letzten Jahren ist auch in der Literatur die Wiederbelebung der alten Kosovo-Lieder und Kosovo-Epen zu beobachten, und es gibt Neudichtungen nach dem alten Vorbild und Umdichtungen alter Lieder. Immer wird darin der Kampf gegen die Übermacht als notwendig und unausweichlich dargestellt, wobei einer heldenhaften Niederlage der gleiche Wert wie einem Sieg beigemessen wird. Lieber gehen die Serben in den Tod, als Kosovo aufzugeben. Die Opfer, die die Serben seit 1991 bringen, sind aus ihrer Sicht sinnvoll und notwendig für die Nation und die Zukunft des Serbentums.

Malte Olschewski berichtet im 1998 erschienenen Buch «Der serbische Mythos», dass sich in jüngster Zeit immer mehr Serben als die letzten Verteidiger des Nationalstaats sehen und der natürlichen menschlichen Gemeinschaft, die von Grossfamilie und Sippe geprägt ist; dass sie sich als die letzten Kämpfer gegen die Globalisierung sehen, gegen den Turbokapitalismus und gegen ein dekadent und senil gewordenes Europa.

Zwei weitere für die mündliche und schriftliche Literatur der Serben fruchtbar gewordene Mythen scheinen geeignet, die aus westlicher Sicht besondere Grausamkeit gegenüber Nichtserben und die unbedingte Treue der Serben untereinander verständlicher zu machen, nämlich der Haiduckenmythos und der Mythos vom Königssohn Marko.

Die Haiducken waren Freiheitskämpfer, die sich im 17. Jahrhundert gegen die osmanische Staatsmacht auflehnten; sie waren aber auch Strassenräuber und vereinigten in sich Tapferkeit und Räuberei, Heldentum und Verbrechen. Sie waren sehr grausam, sie konnten sich aber auch edel und grossmütig verhalten. So galt es, dem Mythos entsprechend, als höchste Ehre, dem Freund das eigene Leben zu opfern. Wir beobachten hier eine Verwischung der Grenze zwischen Heldentum und Verbrechen, und Böses kann zu Gutem erklärt werden.

Auch die historische Figur des Königssohns Marko, der im 14. Jahrhundert lebte, ist eine zwiespältige Gestalt. In ihm verbinden sich Mut und ausserordentliche Kraft mit Grausamkeit und Brutalität selbst denen gegenüber, die ihm vertrauen, aber keine Serben sind. So tötet er nach der Überlieferung die «Mohrenprinzessin», die ihn aus der Gefangenschaft befreit hat und ihn liebt, indem er sie, während sie ihn umarmt, mit dem Säbel entzweihaut.

Nationale Mythen haben nicht das Ziel, historische Ereignisse wahrheitsgetreu widerzuspiegeln; sie deuten vielmehr die Geschichte um, verändern und überhöhen sie, so dass die Ereignisse einen Symbolwert erhalten, welcher der geschichtlichen Realität nicht entspricht. Dementsprechend wird auch in einigen serbischen (und kroatischen) Jubiläumsbänden zur 600-Jahr-Feier der Schlacht auf dem Amselfeld festgestellt, nicht die historischen Tatsachen zählten, sondern das, was die mündliche Tradition aus dieser Schlacht gemacht habe.

Juliane Besters-Dilger ist Professorin für Slawistik an der Universität Wien.


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