NZZ Folio 08/91 - Thema: Wege der Schweiz   Inhaltsverzeichnis

Fremd im Land

Daniel, Vasantha und Renika - ein tamilisches Schicksal.

Von Yvonne Léger

Ein Sonntagnachmittag in der kleinen Schweizer Stadt U. Im zweiten Stock eines mehrstöckigen Hauses eine tamilische Familie. Vater, Mutter, Kind. Das Zimmer ist hell, spartanisch, aber zweckmässig eingerichtet. Gleich beim Eingang eine Einbauküche, vis-à-vis das Badezimmer samt WC. Im Schlaf- und Wohnzimmer ein beigefarbener Spannteppich. Das grosse Bett dient als Schlafstelle und Sofa. Vorne, beim Fenster, in dem sich das Nachbarhaus spiegelt, steht ein Tisch. Stühle. Das schweizerische Daheim für die Asylanten liegt in unmittelbarer Nähe eines Spitals, in dem Vasantha während fünf Tagen putzt. Ist die Arbeit streng? Die dreissigjährige Frau und Mutter der viereinhalbjährigen Renika schüttelt ihr langes, seidenschwarzes Haar. Nein, sie mache die Arbeit gern: D'Arbeit guet. Lüüt guet. Sie lächelt, schaut zu ihrem Mann, der im Moment ohne Arbeit ist. Daniel trägt dunkle Hosen, weisses T-Shirt, ist barfuss wie seine Frau und spricht in gebrochenem, schwer verständlichem Englisch. Er sei nicht untätig, bringe das Töchterchen in den Hort, hole es wieder ab. Koche. Erledige den Haushalt, und ohne eine Frage abzuwarten, fügt er rasch hinzu, es gefalle ihm in der Schweiz. 100 times better here than in Sri Lanka.

Ceylon, seit 1972 Sri Lanka, «das königlich leuchtende Land», liegt im äussersten Süden des indischen Subkontinents. Eine tropische, grüne Insel. Mit Ruinen von Königspalästen, hinduistischen und buddhistischen Tempeln. Staatssprache ist seit 1963 Singhalesisch. Auch das Tamil wurde zwei Jahre später zugelassen. Unter den Engländern genoss die Minderheit der Tamilen Privilegien, im Gegensatz zur Mehrheit der Singhalesen. Als die Briten sich zurückzogen, kam es zwischen Tamilen und Singhalesen zu blutigen Rassenunruhen.

Über die Hälfte der Menschen in Sri Lanka sind in der Landwirtschaft tätig. Wie Daniel, seine Brüder und Schwestern. Er lebte und arbeitete im Norden der Insel, dort, wo seit bald zwanzig Jahren die Liberation Tigers of Tamil Eelam für einen unabhängigen tamilischen Staat kämpfen.

Daniel schildert die Situation in seinem Heimatland leidenschaftslos. Als Zuhörerin lauscht man, versucht sich einzufühlen, versucht sich das ferne, ins Chaos getauchte Land vorzustellen, aus dem Menschen zu uns flüchten, weil sie um ihr Leben bangen. Er erzählt von Flugzeugangriffen, bei denen Bauern auf offenem Feld schwer verwundet oder getötet wurden. Hätte er sie einfach verbluten lassen sollen? Er schaut auf seine kräftigen Hände. Sie haben verbunden, haben geholfen, die Getroffenen auf Bahren zu legen. Er habe doch nur seine Pflicht getan. Sie wurde ihm, wie unzähligen anderen Samaritern, zum Verhängnis. Als Verdächtige der Tiger-Organisation bedrohe man sie mit dem Tod.

Renika setzt sich auf den Schoss ihrer Mutter, hört aufmerksam zu, obwohl sie kein Englisch versteht. Mit ihren Eltern spricht sie Tamil. Mit uns Schweizerdeutsch. Sie war noch ein Baby, als die abenteuerliche Flucht begann. Für die gefährliche Odyssee musste die Familie einem Schlepper ihr letztes Geld übergeben. Ein Flugzeug brachte sie nach Rom. Von dort wurde sie in einem Auto nach Mailand gefahren, dann «durch einen Wald», wie sich Daniel erinnert, anschliessend gelangten sie illegal in unser Land. Am 22. April 1987 meldete er sich bei der Fremdenpolizei in Zürich. Als Übergangslösung folgten drei Monate in der alten Kaserne und nochmals drei Monate in einem anderen Camp. Später lebten sie mit anderen Asylanten in einem Foyer, bis dann 1990 der Umzug in die Wohnung in U. erfolgte.

Immer wieder, unerwartet im Erzählfluss, schweift Daniel ab und betont den Wunsch, hierbleiben zu dürfen. Er wünsche sich für seine Tochter eine friedliche Heimat. Er und seine Frau Vasantha gäben sich alle Mühe, Schweizerdeutsch zu lernen. Und plötzlich spürt man die Angst; sie ist unausgesprochen, liegt in den dunklen Augen von Mann und Frau, in einem Zucken der Mundwinkel. Werden sie den schwarzen Koffer, der oben auf dem Schrank liegt, wohl wieder packen müssen? Die lindengrüne Asylbescheinigung, die als behelfsmässiger Ausweis gilt und weder zum Grenzübertritt noch zur Rückkehr in die Schweiz berechtigt, haben sie. Alle sechs Monate muss sie erneuert werden, bis dann vielleicht eines Tages und unbefristete Niederlassungsbewilligung ausgestellt wird.

Wie ein Foto gemacht werden soll, zeigt sich die Angst auch in Worten. Daniel wehrt ab. Kein Foto. Jemand, irgend jemand könnte sie erkennen. Ihren Angehörigen in Sri Lanka schaden. Seit 1987 überfliegen Briefe die Kontinente, aber seit einem halben Jahr bleiben die Antworten aus. Wie geht es den Eltern, Brüdern, Schwestern? Stille. Renika mischt sich ein, sie möchte auf das Foto. Dagegen hat der Vater nichts einzuwenden. Wir gehen hinaus in einen langen Korridor. Renika schaut in die Kamera. Die Eltern blicken ihr von der Wohnungstüre aus zu - als Schattenwesen.

1984 haben sie geheiratet. Durch einen Heiratsvermittler, wie in Sri Lanka üblich. Aber es gab noch eine Schwierigkeit zu überwinden. Vasantha war Hindu, ihr angehender Mann Daniel aber gläubiger Christ. Sie konvertierte und trat, in einem golden verzierten roten Seidensari, mit Daniel vor den Traualtar. Längst hat sich Vasantha in der Schweiz unserer Mode angepasst. Nur den roten Punkt auf der Stirn hat sie behalten, das Zeichen einer verheirateten Frau.

Ihre nackten Füsse sind schmal und schön. Bei einer Heirat spiele die Mitgift eine grosse Rolle, sagt Vasantha, aber der Schmuck der Haare und die Schönheit der Füsse würden vom angehenden Ehemann auch begutachtet. Es kommt nicht an den Tag, wie gross ihre Mitgift war, aber Vasantha ist eine schöne Frau. Bevor sie in die Schweiz kam, ass sie am liebsten Gemüse und Lamm. Heute isst sie alles.

Alles. Ein Wort: alles. Flüchtlinge lassen alles zurück. Ihre Heimat. Ihre Gewohnheiten. Ihre Freunde. Im neuen Land müssen sie sich an alles neu gewöhnen. Sich anpassen. Versuchen, unter keinen Umständen aufzufallen. Auch wenn ihre Hautfarbe anders ist. Weder Daniel noch Vasantha haben sich mit einem einzigen Wort beklagt. Wie sieht es wohl in ihrem Innern aus? Ausser dem Wort Heimweh kommt davon nichts über ihre Lippen.

Yvonne Léger ist Buchautorin und lebt in Langnau ZH.


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