ZWEI GESTALTEN ziehen durch die Nacht. A, sichtlich vergnügt, trägt unter dem Mantel, den er sich von einem Unbekannten geliehen hat, eine Gans, die sich auf der Gasse verspätet hatte. B ist hier frei und unbekannt und bemüht sich, mit langen schweren Schritten zu gehen; er trägt einen Sack mit drei Flaschen Wein auf dem Rücken und eine Nähmaschine in der Hand.
A: In die Gänse ist keine gute Zucht zu bringen. Sie gehören, wenn's Abend ist, ins Haus oder unter gute Aufsicht.
B: Ihr habt sie doch nicht etwa gestohlen?
A: Sei's drum! Immerhin stehle ich nie aus Not oder Gewinnsucht oder aus Liederlichkeit, sondern aus Liebe zur Kunst und zur Schärfung des Verstandes. Aber was treibst du hier? Ihr scheint mir von weit zu kommen!
B: Ich bin Wanderarbeiter. Grabe da auf einem Pfarrhof einen Brunnen und streiche dort für einen alten Kapitän einen Schuppen an; es ergibt sich vielleicht eine unglückliche Liebe, und dann wird eine Sauferei von einundzwanzig Tagen daraus. Mit der Zeit wird es mir zu langweilig, noch länger bewusstlos zu sein, und ich wandre wieder weiter und suche mir ein neues Handwerk.
A: Diese Unstetigkeit ist mir fremd! Mein Bruder und ich treiben schon von Jugend auf das Handwerk unseres Vaters, der bereits am Auersbacher Galgen mit des Seilers Tochter kopuliert war. Wir morden nicht und greifen keine Menschen an, sondern visitieren nur so bei Nacht in den Hühnerställen und, wenn's Gelegenheit gibt, in den Küchen, Kellern und Speichern, allenfalls auch in den Geldtrögen, und auf den Märkten kaufen wir immer am wohlfeilsten ein. Wollt Ihr mittun?
B: Ich suche lieber eine Arbeit, die ich kenne. Mauerwerk flicken, Zäune ausbessern, Bäume fällen. (stolz) Ich habe sogar eine Baumsäge erfunden, aber ich kann sie nicht mehr aufstellen. Die grösseren Teile liegen immer noch in einem Schuppen auf dem Pfarrhof.
A: (schaut auf die Uhr, die er unterwegs an einem Nagel gefunden hat) Wir sollten lieber noch etwas zustrecken bis in die nächste Stadt. Um neun Uhr kommt der Mond. Ich habe nämlich heute den Weg aus dem Zuchthaus allein finden müssen. Ich wollte so spät den Zuchtmeister nicht mehr wecken.
B: Sagt, wisst Ihr, ob es hier draussen auf den Höfen Klaviere gibt, die gestimmt werden müssten?
A: Versteht Ihr Euch darauf?
B: Das nicht gerade. Aber mein Freund Falkenberg hat mir gezeigt, wie man sie so stimmt, dass es nicht schlimmer ist als zuvor. Er hatte freilich ein besseres Ohr . . . Ich hab' ihm gesagt, genausogut könnte ich einen Mühlstein stimmen, als er mir seinen Schlüssel schenken wollte. Aber jetzt . . . Doch sagt, wollen wir nicht irgendwo Nachtquartier nehmen?
A: Ich bin seit jeher ein halber Kakerlak gewesen, das heisst ein Mensch, der bei Nacht fast besser sieht als bei Tag. Doch meinethalben können wir einem alten Freund von mir noch einen Besuch abstatten. Er wohnt nicht weit von hier, und wir haben mit ihm schon mancherlei Schabernack getrieben. Seiner Frau haben wir sogar einmal das Leintuch stibitzt, ohne dass sie's merkte, und das kam so: . . .
Die beiden schreiten munter fürbass; den B führt sein Weg dabei durch mehr als ein Buch. Übrigens liegen zwischen den Geburtstagen ihrer beiden Autoren, deren Nachnamen mit dem gleichen Buchstaben beginnen, geradeaus neunundneunzig Jahre.
A ist der Zundelfrieder aus Johann Peter Hebels «Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes (1811); B ist der Erzähler aus Knut Hamsuns Romanen «Unter Herbststernen» (1906) und «Gedämpftes Saitenspiel» (1909).