Irgendwann, denkt man, irgendwann muss dieser Mann doch mal zur Ruhe kommen. Müde werden. Abspannen.
Tut er aber nicht. Kann er nicht. Jedenfalls nicht heute. Es könnte einer der entscheidenden Tage für sein Unternehmen werden, wobei es in der Expansionsphase einer Firma gewöhnlich so viele folgenschwere Tage gibt, dass man erst sehr viel später wird sagen können, welcher von ihnen wirklich entscheidend war.
Dieser Tag beginnt, indem der Top-Manager exakt drei Minuten, bevor die Frühmaschine nach München abheben soll, durch die Detektorschleusen des Hamburger Flughafens hechelt, mit Lächeln und Senator-Card die Stewardess überzeugt, doch noch einmal das Gate zu öffnen, und sich dann erschöpft zwischen den genervt wartenden Geschäftsleuten auf seinen Sitz in der Business Class plumpsen lässt. Einmal durchatmen, lächeln, dann ist Andreas Schmidt wieder ganz bei sich selbst.
«Stress», schnauft der kräftig gebaute 38jährige, «Stress muss gar nicht negativ sein.» Im Gegenteil, Druck könne durchaus motivierend wirken. «Die letzten zehn Prozent Leistung kommen ja erst, wenn man unter Hochspannung steht.»
Heute scheint Schmidt es auf mindestens 20 Prozent Extraleistung angelegt zu haben. Noch im Flugzeug, wo ihn die Lufthansa-Stewardess wegen seiner pechschwarzen Haare und seines dunklen Teints hartnäckig auf englisch anspricht, gibt er das erste Interview des Tages. Eine Stunde später, auf dem Rücksitz einer Leihlimousine in die Münchner Innenstadt, organisiert er parallel seine Weiterreise in die USA, checkt per Laptop E-Mail-Nachrichten und erteilt bei einer Telefonkonferenz (die zweimal abstürzt) seinen Anwälten Order, wie sie gegen einen Konkurrenten vorgehen sollen. Der hatte am Vortag eine einstweilige Verfügung erwirkt, mit der Schmidts jüngste Werbeoffensive («Internet zum Festpreis») gestoppt werden soll. Bevor die richterliche Anordnung Schmidt erreichte, war sie schon in der Presse. «Schlechter Stil, so was», schimpft Schmidt, «aber ich bleibe da ganz gelassen.»
Im Foyer des Münchner «Forum»-Hotels verliert der Jungmanager dann doch für kurze Zeit seine Gelassenheit. Dort erwartet ihn sein nervöser Pressesprecher mit der Botschaft, die PR-Leute des Konkurrenten feierten ihren vermeintlichen Sieg bereits auf allen Kanälen. «Die spinnen wohl», knurrt Schmidt, während ihn ein Ordner bereits freundlich Richtung Tagungssaal schiebt. Auf dem Podium wird er vom Seminarleiter als «Herr Andreas Schäfer . . . äh . . . Herr Schmidt» vorgestellt und referiert dann vor ein paar Dutzend konferenzsatter Online-Experten über «Die Konvergenz der Medien und ihre strategische Nutzung». Am Schluss des Vortrages steht Schmidts Mantra Nr. 1, das er nicht müde wird zu wiederholen: «Bei allem, was wir tun, dürfen wir den Kunden nicht vergessen!»
Schläfriger Applaus. Keine Fragen? Danke. Draussen wartet schon der Fahrer.
Zwei Stunden später sitzt Schmidt wieder im Flieger, diesmal nach New York. Als die Maschine im JFK landet, ist es dank der Zeitverschiebung erst früher Abend, so dass er noch ein Bewerbungsgespräch führen und mit seinen Gesellschaftern über die Firmenstrategie konferieren kann. Wenn er in dieser Nacht in sein Hotelbett sinkt, wird Schmidt einen 24-Stunden-Arbeitstag hinter sich haben.
Wie hält man ein solches Tempo durch? Wann geht einem die Luft aus? «Weiss nicht», sagt Schmidt schulterzuckend, «ich bin ja noch ziemlich jung.» Seine Firma ist es auch. Im Moment kämpft sie gerade den Verteilungskampf ihres Lebens: Es geht um Claims in einer Branche, die vor wenigen Jahren eine Revolution angezettelt hat und jetzt unter sich ausmachen muss, wer in Zukunft den Revolutionsführer stellt. Die Branche heisst Online-Services, der Umsturz ist die weltweite Internet-Revolution, und das Unternehmen, dem Schmidt als Chief Executive Officer vorsteht, nennt sich AOL Europe.
AOL ist nicht irgendwer. America Online ist der mächtigste Online-Dienst und zugleich grösster Internet-Provider der Welt, der vor 14 Jahren als kleine Klitsche angefangen hat und mittlerweile mehr als 18 Millionen Mitglieder in aller Welt zählt. Die europäische Filiale, 1995 von AOL und Bertelsmann eröffnet, ist nicht ganz so erfolgreich. In Deutschland, dem wichtigsten Markt, hinkt AOL Europe um über zwei Millionen Nutzer hinter dem Branchenersten her. Und Schmidt weiss, wenn er jetzt nicht dramatisch aufholt, wird er auf absehbare Zeit auch Zweiter bleiben. «Vor uns liegt harte Arbeit», meint der AOL-Boss, «aber ich verlange nichts von anderen, was ich nicht selbst zu leisten bereit bin.» Konkret heisst das: sechs Tage pro Woche 16 Stunden Arbeit. Wenn's sein muss, auch mehr. Sein Jahresurlaub 1999: ein verlängertes Segelwochenende auf der Ostsee.
Ein Knochenjob. Zugleich der denkbar spannendste. Zehn Monate macht Schmidt ihn jetzt - eine Ewigkeit im Online-Business. Nirgendwo sonst ist das Window of Opportunity, das Zeitfenster, durch das Chancen aufscheinen und gleich wieder verschwinden, derart eng. Reaktionsschwäche ist unverzeihlich, Ausruhen unmöglich, Stillstand tödlich. Wer nicht mit den Earlybirds Würmer picken geht, endet schnell als vertrocknetes Suppenhuhn.
Schmidt muss deshalb sozusagen ständig online sein, aufmerksam auf Marktsignale lauschen, nach Business Opportunities searchen, mit Kooperationspartnern in aller Welt chatten und überall, wo es nur geht, in die Businesspläne der Konkurrenz hacken. «Man muss schneller lernen als die anderen und versuchen, schon beim erstenmal zu kapieren, wie etwas funktioniert.» Im Konzern sagt man, Schmidt sei reaktionsschnell, ehrgeizig, brillant im Eigenmarketing, kreativ, extrem belastbar. Also der ideale Alpha-Wolf für AOL. Und was auch nicht ganz unwichtig ist: Trotz seiner 38 Jahre verfügt er bereits über Erfahrungen, für die andere drei Leben brauchten.
Schmidt wurde 1961 in Göttingen geboren, als 16jähriger schmiss er die Schule und heuerte beim Bundesgrenzschutz an, «um rauszukommen aus Hessisch-Sibirien». Mit 22 Jahren war er Frührentner. Direkt neben seinem Kopf war eine Übungshandgranate explodiert und hatte sein rechtes Ohr lahmgelegt. Für immer. «Das spart mir heute den Kauf teurer Stereoanlagen», witzelt er. Aber damals war es wohl nicht so lustig. Der Twen-Pensionär musste nämlich feststellen, dass es in seiner Berufsalternative, dem Journalismus, ohne Abitur keine Jobs gibt. «Ich war deprimiert, doch dann schwor ich mir: Ich zeig's euch. Ich bin doch nicht blöd.» Vielleicht bildet diese Erfahrung den Treibsatz für Schmidts ungeheuren Arbeitseifer. Jedenfalls war es exakt der Zeitpunkt, an dem er zu einer Aufstiegsbewegung im Gigahertz-Takt ansetzte.
Zwischendurch hat Schmidt noch zwei Töchter in die Welt gesetzt, den frühen Tod seiner ersten Frau überwinden müssen und ein halbes Jahr allein in einer bescheidenen Blockhütte gelebt. Als Einsiedler. In Kanada. Wie bitte? «Tja, das passt nun gar nicht in Ihr Bild, was?» sagt Schmidt, der immer wieder betont, wie wenig es ihn interessiere, was Zeitungen über ihn schrieben - «Das alles ist doch morgen schon Fischpapier!» -, sich andererseits aber wiederholt beschwert, dass sein öffentliches Image als eine Art aggressive Dampfmaschine ihm nicht gerecht werde. (Womit er natürlich recht hat. Aber welches Image wird schon irgendwem gerecht?) Also: Das mit der Blockhütte sei ein alter Kindheitstraum gewesen. 1985 habe er deshalb kurzentschlossen seine Sachen gepackt, sei nach Vancouver geflogen und habe sich in einer selbstgezimmerten Hütte eingerichtet. Mit langen Haaren, Rauschebart und einem vierbeinigen Begleiter, den er aus dem Tierheim geholt hatte. «War 'ne schöne Zeit», sagt der Workaholic. «Und privat baue ich mir auch heute noch viele kleine Blockhütten. Im übertragenen Sinne.»
Man fragt sich nur: Wann?
Zurück in Deutschland, landete Schmidt dann doch noch im Journalismus, beim Springer-Verlag. Weil er dort seine Idee einer «Tele-Bild» nicht durchsetzen konnte, heuerte er beim Konkurrenten Bauer an und entwickelte eine Programmzeitschrift namens «TV Movie», die Bauer eine Menge Geld und Schmidt den ersten Ruhm brachte. Der Senkrechtstarter: «Und, boooomm! ging die Rakete ab.» Mit 29 Jahren trug er bereits den Titel Gründungsgeschäftsführer, mit 31 wechselte er dennoch zur Bertelsmann-Tochter Gruner + Jahr als Macher von «TV Today» und Geschäftsführer einer eigenen Verlagsgesellschaft.
Kaum hatte der Job-Nomade «TV Today» durch einen mörderischen Preiskampf geführt, zündete die nächste Stufe: Schmidt erfuhr, dass er bei Gruner + Jahr «auf der Liste» stand, also für höhere Konzernweihen vorgesehen war. Zur Vorbereitung schickten ihn seine Chefs erst mal an die Harvard University. Fitmachen fürs richtig grosse Geschäft. Als Schulabbrecher an der weltberühmten Elite-Universität - «das war wie ein Ritterschlag für mich. Da wird einem auch nach zehn Jahren im Geschäft noch mal so richtig das Gehirn aufgebohrt.» Dann kamen Bertelsmann und AOL, dann der Herbst 1999 und die «Operation Jump», Schmidts bisher grösste Herausforderung. Ein hübsches Plus in der Jahresbilanz reicht jetzt nicht mehr aus. Für ein Joint venture des weltgrössten Online-Dienstes mit Europas mächtigstem Medienkonzern kann es keinen anderen Platz als den ersten geben. Und für Schmidt sowieso nicht.
«Mit dem Rücken zur Wand bin ich am kreativsten», tönte er einmal, als er noch Chefredaktor bei «TV Today» war. Jetzt, bei AOL Europe, steht er nicht mit dem Rücken zur Wand, er läuft gegen eine. Und die heisst T-Online.
T-Online ist eine Tochterfirma der Deutschen Telekom und sozusagen der Volkswagen unter den deutschen Online-Services. Vertraut, verlässlich und weit verbreitet. Was aber für Schmidt sehr ärgerlich ist: T-Online ist nicht nur deutlich grösser, sondern wächst auch schneller als AOL. 3,4 Millionen Deutsche gehen T-Online und schaufeln so über Mitgliedsbeiträge und Telefongebühren gleich doppelt Geld in die Kassen des Ex-Monopolisten Telekom. «Die zocken zweimal ab», schimpft Schmidt über die Gelddruckmethode seines Konkurrenten, «und stopfen sich so die Taschen voll.» Schon vor Monaten hat der Herausforderer deswegen Klage in Brüssel eingereicht, wie überhaupt die Hakeleien der Online-Dienste ein prächtiges Geschäft für Juristen abgeben. Doch dann trat die EU-Kommission zurück, in Brüssel bewegt sich nichts mehr, und Schmidt verliert langsam die Geduld. «Zurzeit ist das doch so, als müssten Sie beim Zeitunglesen für jede Seite nochmals einzeln bezahlen. Das darf nicht sein.» Schmidts Mantra Nr. 2 lautet daher: «Die Telefongebühren müssen runter!»
In den USA, wo das längst geschehen ist, liegt die Durchschnittsnutzung heute bei 30 Online-Stunden pro Monat. In Europa sind es erst neun. Was da für ein Geschäft lauert . . . Schmidt hat kürzlich an 10 000 repräsentativ ausgewählten AOL-Europe-Mitgliedern testen lassen, wie sich das Surfverhalten entwickelt, wenn der Telefongebührenzähler abgeschaltet wird. «Es war erschreckend», sagt Schmidt, «erschreckend positiv: Die waren sofort bei 50 Stunden pro Monat. Das ist wie bei einem Verdurstenden, dem man Wasser reicht: Der kann erst mal auch nicht genug kriegen.»
In Zukunft möchte Schmidt einer Menge Menschen, die heute noch nicht mal Durst verspüren, Wasser reichen: den Neu-Einsteigern, den Durchschnittsbürgern, denen die virtuelle Welt noch zu teuer, zu kompliziert oder zu fremd ist. «Unsere Stunde schlägt», glaubt der AOL-Mann, «wenn sich das Internet zum Massenmedium wandelt. Wenn es ein Alltagsgegenstand wie Telefon und Fernsehen wird.» Deshalb drängt er darauf, dass Endgeräte so simpel sind wie das Radio. Deshalb beschäftigt er eine ganze Kompanie von Redaktoren und Grafikern, die kilobyteweise Netzinhalte aufsaugen und nutzerfreundlich wieder ausscheiden. Deshalb hat er jetzt eine Offensive losgetreten, die ihn in die Gewinnsphären von T-Online katapultieren soll. Codename: «Operation Jump». Also der ganz grosse Sprung nach vorne. Wenn nicht jetzt, dann vielleicht nie mehr.
«Der Online-Markt», sagt Schmidt, «wird schliesslich nur einmal verteilt.» 200 Millionen Marketingmark darf er in diesem heissen Herbst ausgeben. Damit die Welt auch etwas von seinem Sprung mitbekommt. In drei Jahren soll sein Marktanteil bei mindestens zehn Millionen Mitgliedern liegen.
Dann könnte Schmidts Online-Dienst endlich einen «Multi Revenue Stream» anstechen, also einen Gewinnfluss, der parallel aus drei Quellen sprudelt: Mitgliedsbeiträge, Werbeeinnahmen und E-Commerce. Dann liesse sich das ausspielen, was Schmidt neben «Community, Content, Communication» für das «vierte wichtige C» im Online-Business hält: «Convergency». Convergency wäre zum Beispiel, wenn Bertelsmann-Blätter wie «Stern», «Brigitte» oder «Geo» für AOL werben und der Online-Redaktion Inhalte zuliefern würden. Im Gegenzug könnten AOL-Mitglieder auf Websites der Zeitschriftentitel gelenkt oder zum Bertelsmann-Online-Versand bol.com dirigiert werden, wo sie Bücher des Bertelsmann-Autors Nicholas Evans oder CDs von Whitney Houston bestellen dürfen, die ebenfalls bei Bertelsmann unter Vertrag steht. Ein geschlossenes Marktsystem also. Ein mediales Perpetuum mobile. Jeder Klick ein doppelter, drei-, vier- oder fünffacher Gewinn. Kein Unternehmen könnte so etwas besser bedienen als die multinationale, multifunktionale Medienmaschine Bertelsmann. Theoretisch jedenfalls.
Praktisch ist es so, dass der Gütersloher Konzern, der mit Buchclubs gross wurde und seine 65 000 Mitarbeiter noch heute jedes Jahr mit einem launigen Jahresmotto beglückt, aus einer Vielzahl eigenständiger Profitcenter besteht, die nur sich und ihren Bilanzen verpflichtet sind - ein Organisationsprinzip, das nicht Vernetzung, sondern Egoismus fördert. Dank diesem Prinzip war es möglich, dass die konzerneigene Frauenzeitschrift «Brigitte» kürzlich die Aktion «Frauen ins Netz» startete - und dem Heft eine CD-Rom mit Software von T-Online beilegte. «Klar, dass wir darüber nicht glücklich waren», sagt Schmidt.
Er ist überzeugt, dass Bertelsmann die eigentliche Evolution noch bevorsteht. «Wenn wir das Geschäft mit den 40 Millionen Kunden, die wir in den verschiedenen Bereichen haben, virtuos beherrschen wollen, müssen wir auf der horizontalen Ebene viel durchlässiger werden, Vernetzungen schaffen. Wir denken heute noch sehr stark in vertikalen Linien.»
Der Geschäftsführer von AOL Europe denkt derzeit vor allem an die nächsten Monate. Die entscheidenden. Sieg oder Sibirien, sozusagen. Wenn sich im Frühjahr 2000 die Pulverschwaden über der «Operation Jump» verzogen haben, die Marketingmillionen ausgegeben und die Bilanzen gezogen sind, wird sich herausstellen, wie weit seine Sprungkraft ihn getragen hat. Wo AOL gelandet ist. Und ob seinem Konkurrenten, dem T-Online-Chef Wolfgang Keuntje, das Lachen vergangen ist.
Noch kann Keuntje herzhaft über Schmidts Angriffsversuche lästern. «Die müssen jetzt etwas tun, sonst katapultieren sie sich aus dem Markt hinaus», spottet Keuntje. Sicherheitshalber hat der Branchenerste aber mitten in der AOL-Kampagne einen neuen Dumpingpreis eingeführt und bewirbt ihn in ganzseitigen Zeitungsanzeigen: «Die Konkurrenz wird uns hassen: Der neue T-Online-Tarif ist da.» Und so wie es derzeit aussieht, wird T-Online auch als erster an der Börse sein.
Das Rennen geht in seine nächste Runde. «In diesem Geschäft gibt es keine Sekunde Ruhe.» Schmidt sagt das ohne Bedauern. Jeder der Teilnehmer weiss, dass es kein Ziel gibt. Nur Etappensiege.
Harald Willenbrock ist freier Journalist; er lebt in Hamburg.