NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Was wäre, wenn Lady Di noch lebte

Von Helmut Maria Glogger
Paris vibriert. Die Nacht lädt ein. Eine elegante Dame mit modisch-blonder Bob-Frisur und amüsiert-amüsanten Fältchen um die königsblauen Augen spielt mit ihrem Ring. Ein Meisterwerk des Londoner Royal-Juweliers Aspery. Ein Geschenk ihres Ex-Mannes. Prinzessin Diana, geborene Lady Spencer, geschiedene HRH von Windsor, nippt ein letztes Mal am erdigen Chablis, dann steigt sie in den Fond des schwarzen Leih-Mercedes des Hotels Ritz. Um 0.25 Uhr donnert der Wagen in Pfeiler Nr. 13 im Tunnel dAlma. Die Britin mit der weltweit bekanntesten Passnummer B 42 48 37 stirbt.

Was wäre, wenn Diana den Unfall überlebt hätte? Das Blut aus ihrem Brustkorb konnte abgesaugt werden. Die Pulmonalvene zwischen Herz und Lunge konnte genäht werden. Die Herz-Lungen-Maschine arbeitete. Um 4.05 Uhr war Diana klinisch tot. Um 4.20 Uhr holten die Professoren Riou und Pavie die berühmteste Frau der Welt ins Diesseits zurück. Nichts bekam Diana mit. In den nächsten Stunden, Tagen, Wochen. Nicht die Wut ihres Ex-Schwiegervaters, Königsgemahl Prinz Philip («Warum war die Schnepfe nicht sofort tot?»). Nicht die Hoffnung ihres Ex-Mannes, Thronfolger Charles («Kann die nicht endlich ihren Mund halten!»). Nicht die Trauer und die Hoffnung von Millionen Menschen weltweit.

Diana war wieder da! Schmal, filigran, transparent. Erst tastend, dann zupackend. Ein Interview mit der «New York Times» genügte, und Ex-Gatte Charles konnte seine Thronfolge («Schlicht unfähig») plus seine geplante Ehe mit Camilla Parker-Bowles («Ein Rottweiler mit Cellulitis») vergessen. Eine BBC-Dokumentation, und ihr verhasster Schwiegervater Prinz Philip («Der wollte mich ermorden lassen!») wurde als Drahtzieher ihres Todes verdächtigt. Ein Flirt mit Premierminister Tony Blair – und sie wurde «Botschafterin für besondere Aufgaben».

Schüchtern-inszenierte Auftritte vor der Uno, Besuche bei Kindern mit Hunger, Aids und Krebs. Kein Wunder: «Daddys little girl» ist auch dieses Jahr Anwärterin auf den Friedensnobelpreis!

Und privat? Die angeblich «grosse Liebe» mit dem muslimischen Herzchirurgen Dr. Hasnat Khan? Sie war für ihn zu prominent, wie Pop-Poet Bryan Ferry für sie. Es folgten (offiziell) Herz- und Gutmenschen, aber auch (fürs Bett) Fitnesstrainer à la carte.

Unkündbar bewohnt Diana ihr 380 Quadratmeter grosses Apartment im Londoner Kensington Palace. Dort liess sie für ihre Söhne William und Harry die zwei unteren Stockwerke räumen. Als künftige Königsmutter berät sie William. Und Harry hat nichts zu lachen. Diana schritt ein, als Harry zum Nachtclubsäufer mutierte. Sie weiss, was sich für eine Königsfamilie im 21. Jahrhundert gehört.

Nebenbei: Lady Di kommt nächste Woche nach Genf zur Uno. Pascal Couchepin und Micheline Calmy-Rey streiten sich noch, wer neben ihr stehen darf. Denn der gewinnt Herzen. Weltweit.

Helmut Maria Glogger ist Journalist; er lebt in Wettswil am Albis.

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