NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch   Inhaltsverzeichnis

Juden in der Schweiz

Von Bettina Spoerri
Bei der letzten Schweizer Volkszählung im Jahr 2000 bekannten sich 17 914 Personen (das entspricht 0,25 Prozent der Bevölkerung) zum jüdischen Glauben, rund drei Viertel davon waren Mitglied einer Gemeinde. Zum Vergleich: 33 Prozent der Schweizer waren reformiert, 42 Prozent römisch-katholisch, 4 Prozent zählten sich zur islamischen Gemeinschaft. Mehr als die Hälfte der Juden (56 Prozent) leben in grossen Städten; in der Westschweiz leben doppelt so viele wie in der übrigen Schweiz. Allerdings ist bei den Zahlen Vorsicht geboten: Viele Juden bezeichnen sich aus verschiedenen Gründen (unter anderem aus Angst vor Verfolgung) nicht als der Glaubensgemeinschaft zugehörig; sie fallen in die wachsende Bevölkerungsgruppe «ohne Angabe» bezüglich ihrer Religion (diese Gruppe betrug 11 Prozent der Gesamtbevölkerung). Zudem ist die Frage nach der Identität entscheidend: Nach jüdischem Gesetz ist jeder, der eine jüdische Mutter hat, Jude. Wenn aber der Vater zum Beispiel Katholik ist, wird das Kind in der Schweiz offiziell als katholisch erfasst; das bedeutet, dass eine nicht genau zu bestimmende Zahl von Personen in der Schweiz nach jüdischem Gesetz jüdisch, aber statistisch anders registriert ist – unabhängig davon, ob diese Personen sich eine jüdische Identität zuschreiben. Knapp die Hälfte der Schweizer Juden sind im Ausland geboren. 79 Prozent haben den Schweizer Pass – demgegenüber leben rund 30 Prozent der Juden mit Schweizer Pass in Israel. Ein Fünftel der Juden leben in religiös gemischten Haushalten; der Anteil der Ehen, die innerhalb der Gemeinschaft geschlossen werden, ist, in Anbetracht der geringen Mitgliederzahl, mit 54 Prozent sehr hoch. 43 Prozent der Juden haben eine universitäre Ausbildung, 44 Prozent eine höhere berufliche Stellung. Die meisten arbeiten im Gesundheits- und Sozialwesen, in Banken, als Lehrer; freie Berufe sind überdurchschnittlich stark vertreten, ungelernte Arbeitskräfte sind unterrepräsentiert.

Bettina Spoerri ist Journalistin; sie lebt in Zürich.


Leserbriefe:

Zu Juden in der Schweiz - NZZ-Folio Jung und jüdisch (01/08)

So verwirrend die Aussagen sind in der Frage, wer und was ein Jude ist, so verwirrend sind die spärlichen Angaben zur Zahl und Macht der Juden in der Schweiz. Da lese ich unter Juden in der Schweiz, dass sich 17 914 Personen zum jüdischen Glauben bekannt hätten in der Volkszählung im Jahre 2000 und dass 56% in grossen Städten und doppelt so viele (also 2/3 aller Juden der Schweiz) in der Westschweiz lebten. Daraus folgere ich, dass rund 10 000 Juden in den Städten leben und gesamthaft knapp 6000 in der Deutschschweiz. Nun steht aber im (un)orthodoxen Glossar, dass allein in der Stadt Zürich 8000 Juden leben sollen! Wie sind solche Differenzen zu erklären? Wenn ich von dieser Zahl ausgehend rückwärts rechne, komme ich auf rund das Doppelte der Gesamtzahl, also 36 000 anstelle von 18 000 Personen, die zum Judentum in der Schweiz zu zählen sind. Zwar wird im erstgenannten Beitrag von der Vorsicht gegenüber den Zahlen gesprochen; bei solch grossen Abweichungen wäre es aber klüger, ganz auf Zahlen zu verzichten! Dann aber bliebe die Frage, welche Grösse und Macht das Judentum hat – hier jetzt weltweit betrachtet – auch in Bezug auf die Schweiz unbeantwortet. Dass dies – mit einem Seitenblick auf die USA (Israel Singer u.a.) – eine berechtigte Frage ist, sollte nicht mit dem Verdacht auf Antisemitismus unter den Tisch gewischt werden.
Gottfried Ringli, Zürich

Die Abweichung erklärt sich durch die wachsende Bevölkerungsgruppe, die bezüglich ihrer Religion «ohne Angabe» bleibt (diese Gruppe betrug bei der letzten Volkszählung 11 Prozent der Gesamtbevölkerung). Es wird vermutet, dass sich viele Juden aus verschiedenen Gründen (unter anderem aus Angst vor Verfolgung) nicht als der Glaubensgemeinschaft zugehörig zählen. (Die Red.)


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