In wenigen Wochen feiern wir den Anbruch des dritten Jahrtausends, allerdings im falschen Jahr! Denn bei der Kalkulation des Geburtsjahrs Christi, das der christlichen Zeitrechnung zugrunde liegt, hat sich der Mönch Dionysius im sechsten Jahrhundert ein klein wenig verrechnet. Wenn Jesus vor dem Tod Herodes des Grossen im Jahre vier vor Christus geboren wurde, wie es in den Evangelien steht, hätten wir die Jahrtausendwende um die Mitte der neunziger Jahre feiern sollen.
Was wissen wir überhaupt über diesen Jesus, nach dem unsere Zeitrechnung benannt ist? Die wichtigste Quelle, das Neue Testament, zeichnet zwei recht unterschiedliche Bilder. Für den Autor des Johannesevangeliums, das Anfang des zweiten Jahrhunderts geschrieben wurde, war Jesus ein göttliches Wesen, das für kurze Zeit in menschlicher Gestalt unter den Menschen lebte, um danach in den Himmel zurückzukehren.
Diesem erhabenen Portrait stehen die synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus und Lukas) gegenüber, die vor dem Johannesevangelium entstanden sind und wesentlich ältere Überlieferungen widerspiegeln. Diese Evangelien stellen Jesus nicht als gottähnlich dar, sondern berichten im Gegenteil, dass Jesus sich dagegen verwahrt habe, als gut bezeichnet zu werden, weil nur Gott allein gut sei. Bei diesem sehr menschlichen Jesus, mit dem ich mich im folgenden beschäftigen will, handelte es sich um einen Zimmermannssohn aus Nazareth. Er lebte mit seinen Eltern, Josef und Maria, seinen vier Brüdern, Jakob, Josef, Judas und Simon, und mit mehreren Schwestern in Galiläa, das damals von Herodes Antipas regiert wurde.
Was wissen die Historiker über ihn zu sagen? Die wesentlichen Züge der Geschichte Jesu wurden im Markusevangelium aufgezeichnet, dem ältesten der vier Texte. Dieser enthält weder die einführende Erzählung von Jesu Geburt noch den abrundenden Bericht über die Erscheinungen Christi nach der Auferstehung, die man bei Matthäus und Lukas findet. Das Markusevangelium hebt mit dem öffentlichen Lebenslauf Jesu an und weiss über Kindheit, Jugend, Ausbildung und die ersten Mannesjahre nichts mitzuteilen. Als Jesus zu lehren begann, wunderten sich die Leute offensichtlich darüber, wie ein ungebildeter Mann so viel Weisheit hatte erwerben können.
Es steht nirgends geschrieben, dass Jesus verheiratet war. Ein Leben im Zölibat war unter Juden jedoch ungewöhnlich, nur die bei Flavius Josephus und in einer der Schriftrollen von Qumran beschriebenen mönchischen Essener pflegten der Ehe zu entsagen. Aber in den Evangelien findet sich keinerlei Hinweis darauf, dass Jesus Essener gewesen ist, ja seine religiösen Ansichten widersprechen den ihren. Seine Entscheidung für das Junggesellenleben dürfte also eher durch seine prophetische Berufung motiviert gewesen sein, die um der Aufrechterhaltung seiner spirituellen Wachsamkeit willen den völligen Verzicht auf weltliche Freuden verlangte.
Erst nach rund dreissig Jahren trat Jesus aus dem Dunkel heraus und folgte einem Aufruf Johannes des Täufers zu Busse und Taufe. Er blieb bei Johannes, bis dieser von Herodes Antipas gefangengenommen wurde. Jesus beschloss, die Mission des Täufers in Galiläa fortzuführen, wo er den unmittelbar bevorstehenden Anbruch des Gottesreichs verkündete und die Sünder zur Reue aufrief. Er predigte in Dorfsynagogen am Rande des Sees von Genezareth und unterstrich seine Lehren mit charismatischen Heilungsakten und Dämonenaustreibungen. Man nannte ihn den «Propheten Jesus aus Nazareth in Galiläa».
Jesus war ein gewinnender Lehrmeister, und schon bald hatte er zwölf Jünger und eine kleine Gruppe von engen Schülern um sich geschart, die meisten von ihnen Fischer aus der Umgebung. Sein Leben als Wanderprediger führte ihn kaum je aus Galiläa hinaus und beschränkte sich dann auf die angrenzenden Distrikte von Tyros und Sidon, Caesarea Philippi und das heidnische Territorium der griechischen Dekapolis. In seinem Herzen blieb er ein Landmensch, der sich auf dem Dorf, in Weinbergen und Obstgärten und unter den Lilien auf dem Felde am wohlsten fühlte. Um Städte machte er einen grossen Bogen. Laut den ersten drei Evangelien gelangte er nur ein einzigesmal nach Jerusalem und kehrte von dort auch nicht mehr zurück.
Die Zuhörer empfanden seine Lehren als neu, weil sie die tief religiöse Bedeutung und unveränderte Geltung der mosaischen Gesetze betonte, aber auch weil sich der Lehrstil Jesu merklich von dem sonst in den Synagogen gebräuchlichen unterschied. Im Gegensatz zu den Schriftgelehrten sah Jesus keine Notwendigkeit, seine Botschaft durch biblische Textbelege zu untermauern. Er bekräftigte seine spirituelle Autorität durch seine Taten, durch die Heilung von Kranken und die Dämonenaustreibung bei Besessenen.
Nach Auffassung Jesu und seiner Zeitgenossen waren nämlich böse Geister für Krankheit, Besessenheit und Sünde verantwortlich. Was damals als Besessenheit angesehen wurde, gilt mittlerweile als nervöse, psychische oder psychosomatische Erkrankung. Der junge Taubstumme zum Beispiel, den Jesus von seinen Teufeln befreite, würde heute auf Grund seiner Symptome als Epileptiker diagnostiziert: Schüttelkrampf, Fallsucht, Wälzen auf dem Boden, Schaum vor dem Mund. Für Jesus, aber nicht nur für ihn, bedeuteten Heilung, Dämonenaustreibung und Vergebung der Sünden ein und dasselbe. Die Schriftrollen vom Toten Meer erwähnen beispielsweise einen jüdischen Exorzisten, der einen babylonischen König durch Sündenvergebung von einer langwierigen Krankheit heilt.
Jesus heilte seine Patienten in der Regel durch Berührung, Dämonen trieb er durch die Gewalt seines Wortes aus. Keine dieser beiden Tätigkeiten wurde als «Arbeit» angesehen, weshalb ihm auch keine Missachtung des Gesetzes der Sabbatruhe angekreidet werden konnte.
Jesus war nicht der einzige charismatische Heiler seiner Zeit. Auch Honi der Gerechte und der viel besuchte galiläische Heiler Hanina Ben Dosa waren für ihre Wunderkräfte berühmt und wurden als Heilige verehrt. Sie hatten ebenfalls Kranke geheilt und Dämonen ausgetrieben, vor allem jedoch standen sie im Ruf, Regen gemacht und dadurch eine Hungersnot verhindert zu haben. Wie Jesus wurden auch sie als Nachfahren des Propheten Elia verehrt. Kurz, Jesus passte recht gut in die spirituelle Landschaft Palästinas im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Der unparteiische Geschichtsschreiber Flavius Josephus stellte Jesus gegen Ende des ersten Jahrhunderts als einen Weisen dar, der erstaunliche Werke vollbracht hatte. Für seine Anhänger dagegen war Jesus «ein Mann, der von Gott beglaubigt ist durch Machttaten und Wunder und Zeichen», wie es in der Apostelgeschichte heisst.
Es war die schlichte Schönheit und die Anziehungskraft seiner Botschaft, die Jesus von den anderen Heiligen seiner Zeit unterschied. Er war kein Philosoph, und für abstrakte Gedanken hatte er nichts übrig. Er verkündete den baldigen Anbruch des Gottesreichs, weigerte sich jedoch, es zu beschreiben. Statt dessen verglich er es mit dem winzigen Senfkorn, das auf wundersame Weise zu einem Baum heranwächst, oder mit dem Sauerteig, der aus Mehl Brot macht. Alle diese Gleichnisse verwiesen auf eine neue Welt, in deren Mittelpunkt Gott stand und zu der Jesus den Weg ebnete.
Jesus selbst war davon überzeugt, dass sein charismatisches Wirken ein sicherer Vorbote dieser neuen Wirklichkeit war. Wo Blinde sehend wurden und Lahme wieder gingen, wo Aussätzige gereinigt wurden und Taube hörten, ja wo selbst Tote auferstanden, so verkündete er in Anspielung auf Jesaja, da könne der Tag Gottes nicht mehr fern sein. Auch in den Schriftrollen von Qumran wird die Ankunft des Messias als eine Zeit beschrieben, wo Gefangene die Freiheit erlangen, wo Blinde wieder sehen und Niedergedrückte sich aufrichten, wo Kranke geheilt und Tote zu neuem Leben erweckt werden.
Jesus hatte klare Vorstellungen von den Pflichten seiner Anhänger, die ins Reich Gottes eintreten wollten. Am wichtigsten waren ihm Bussfertigkeit, Vertrauen und kindliche Einfalt, gefolgt von totaler Ergebenheit und der Bereitschaft, sich selbst und alle seine Besitztümer dem kommenden Reich zu verschreiben. Die Gegenwart sollte die Zukunft vorwegnehmen. Jede Form von Zukunftsplanung hielt er für sinnlos, denn die Stunde dieser Welt und ihrer Institutionen konnte schon morgen geschlagen haben.
Die Lehren Jesu waren voller Eindringlichkeit und Begeisterung, aber auch voller Mitgefühl und Liebe. Wenn Jesus jemanden mit besonderer Aufmerksamkeit bedachte, dann waren es Geringe und Verachtete. Seiner Ansicht nach erregte die Heimkehr eines einzigen verlorenen Schafs, ob Steuereintreiber oder Hure, im Himmel mehr Wohlgefallen als das sichere Voranschreiten von neunundneunzig Gerechten.
Das charismatische Wirken Jesu wurde als Zeichen für die Heraufkunft des messianischen Zeitalters gedeutet, und so sahen viele in ihm den König Messias, der die Römer vertreiben und auf Erden Gerechtigkeit und Frieden herstellen würde. Die ersten drei Evangelien legen indes die Vermutung nahe, dass Jesus nicht darauf erpicht war, zum Heiland erklärt zu werden. Er besass keinen politischen Ehrgeiz. Wenn man von einigen zweifelhaften Textstellen absieht, hat er die Frage «Bist du der Messias?» nie direkt bejaht. Für gewöhnlich gibt er Antworten wie «Du sagst es» oder «Ihr sagt, ich sei es», als füge er insgeheim ein «aber nicht ich» hinzu.
Die Gerüchte, dass er der Messias sein könnte, trugen zu seinem Untergang bei, doch wurde sein tragisches Ende durch eine unglückselige Episode im Tempel von Jerusalem beschleunigt. Das geschäftige Treiben der Händler und Geldwechsler im Hof des Gotteshauses empörte Jesus so sehr, dass der erzürnte Landheilige ihre Tische umstiess und sie hinauswarf, was einen grösseren Tumult verursachte. Es war die Zeit vor Passah, die Juden erwarteten die Ankunft des Messias, und die Stadt war voller Menschen. Jesus stellte eine potentielle Gefahr für Ruhe und Ordnung dar. Den Behörden blieb nichts übrig als einzuschreiten, was sie denn auch umgehend taten. Die jüdischen Beamten zogen es allerdings vor, die Verantwortung an Pontius Pilatus weiterzureichen. Am Ende starb Jesus an einem römischen Kreuz, weil er sich zur falschen Zeit am falschen Ort zur falschen Tat hatte hinreissen lassen.
Doch Jesus hatte einen so tiefen Eindruck bei seinen Jüngern hinterlassen, dass sie das Fortwirken ihrer charismatischen Heilkräfte und Exorzismen auf die Macht seines Namens zurückführten. Gekreuzigt, tot und begraben, auferstand Jesus in den Herzen seiner Schüler und lebte durch ihre Liebe zu ihm fort.