NZZ Folio 05/94 - Thema: Blaues Blut   Inhaltsverzeichnis

Carte blanche -- Was kann Literatur?

Von Brigitte Kronauer

Das Bevorzugen sexueller oder politischer Themen, eine Leidenschaft für Schilderungen der Natur oder älterer Herren, Begabung für satirische oder emphatische Tönungen, für Tragik, Komik oder beides zugleich - all das mögen Spezifika sein, nach denen ein Schriftsteller grob und fürs erste zu klassifizieren ist. Die Besonderheit des Autors XY, las ich kürzlich in einer Zeitung, einer angesehenen, sei aber die, dass es bei ihm auf das Wie ankomme. War das ironisch gemeint? Auf das Wie! Was für eine exklusive Kauzigkeit dieses XY!

Und wenn der Ausrutscher des betreffenden Rezensenten, das allgemeinste Charakteristikum von Literaturherstellern für eine individuelle Schrulligkeit zu halten, nichts weniger als ein Schnitzer wäre, vielmehr symptomatischer Ausdruck eines gewandelten Literaturverständnisses, das intelligentes Entertainment nach gefälligst amerikanischem Vorbild verlangt oder den Bücherschreibern einen Katalog von relevantem Was vorlegt: Neofaschismus, Kluft zwischen Erster und Dritter Welt, Konflikte durch die anstehenden grossen Völkerwanderungen, Niedergang der Sozialstaaten usw.?

Dabei müssen der Literatur das Was und sogar die offizielle Moral zunächst fast wurscht sein. Man weiss es doch: Wer sich in erster Linie inhaltlich berufen fühlt, sollte als Autor Nägel mit Köpfen machen und das Medium wechseln, mit allen Konsequenzen von Konkurrenz und Kompetenz. Andererseits ist pure Zerstreuung nett, gelegentlich notwendig und unerlässlich ohnehin. Aber auch da gibt es längst Besseres als Bücher. Selbst die Menge der Leser, die wie eh und je gesellschaftliches Engagement, ein bisschen schön geschrieben, oder Unterhaltung mit ein wenig Bildungsaura wollen, nimmt ja offenbar immer weiter ab.

Was kann Literatur? Selten das, was sie meist soll. Und: Herrscht an dem, worauf sie sich versteht, Bedarf?

«Die starken Gesten gehen uns ab. Es fehlt uns die Kraft und die Suggestion der Symbole.» - «Es gibt Tausende von Menschen, die ein Recht darauf haben zu erfahren, warum ihnen dies und jenes passiert ist.»

Das sind beinahe zufällig herausgegriffene Zitate, die sich mit Sicherheit zufällig in grosser Diagonale auf der Feuilletonseite der «Frankfurter Rundschau» unlängst gegenüberstanden. Im ersten Fall also der Ruf nach bildkräftigen, mit Bedeutung aufgeladenen Zeichen, im zweiten nach Darlegung von Schicksalslinien und wirkenden Schicksalsmächten. Zwei Forderungen, die sich ausgezeichnet ergänzen als Kardinalobliegenheiten der Literatur en détail und im Gesamtpanorama.

Aber vielleicht doch etwas veraltet inzwischen, zu klassisch, zu - attisch gedacht, als dass hier noch ein aktuelles Bedürfnis formuliert sein könnte? Auch wenn wir gern konzedieren, dass die Literatur auf den genannten Feldern tüchtig und jederzeit einfallsreich, nicht allein unser kulturelles, ebenso das soziale und politische Bewusstsein strukturell prägend, zu Werke gegangen ist. Auch wenn die zitierten Sätze ferne Erinnerungen wecken an hochemblematische Gesten in einem Roman, an die sinnspendende Entfaltung eines (konstruierten) Systems ineinandergefügter, verfugter Wirksamkeiten: Tempi passati?

Zitat eins stammt aus einem Interview des italienischen «Espresso» mit Wolf Lepenies, Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Sein Appell bezieht sich natürlich nicht auf literarische Praxis. Lepenies fordert, indem er einen «Mangel an rhetorischer Politik» beklagt, die pathetische Kraft von Symbolen, symbolischen Handlungen für die Wirklichkeit eines wiedervereinigten Deutschlands. Allerdings: Ist der Nerv dafür - solche Zeichen zu setzen und als solche überhaupt zu empfinden - ohne wachgehaltene literarische Kultur denkbar?

Im zweiten Zitat spricht sich, im weiteren Zusammenhang, der Dramatiker Heiner Müller dagegen aus, die Stasi-Akten vorzeitig zu schliessen. Aber schwingt nicht, in seinem völlig unliterarisch gemeinten Fazit, eine literarische Tradition existentieller Wahrheits- und Sinnsuche mit, bei der sich die Stasi dann als Modell einer metaphorisch-pathetischen Instanz begreifen liesse, deren Aufdeckung die Illusion vermittelte, es liesse sich eine Antwort finden auf die sehr alte und nach wie vor brennende Frage, warum uns je was geschieht?

Doch nun Scherz beiseite und sehr viel bescheidener. Im Roman «Die Mutprobe» bedauert Nabokovs jugendlicher Held Martin anlässlich des Todes des Emigranten Jogolewitsch die Austauschbarkeit der von Nachwortschreibern verfassten Sprüche zum politisch-patriotischen Leben des alten Mannes und trauert um die nirgendwo aufbewahrte «Originalität des Verstorbenen, die wahrhaft unersetzbar war». Was man darunter zu verstehen hat? Ein plötzliches schüchternes Lächeln, sein Jackenknopf, an einem Faden hängend, seine unverwechselbare Art, Briefmarken aufzukleben beispielsweise.

Das Wie des Individuums, die vom Vergessen, von Nivellierung und faktischer Unerheblichkeit bedrohte Qualität der Einzelheiten! Hier ist Literatur moralisch zuständig, solche Art von Humanität kann man von ihr erwarten: Die Feier der einzigartigen, einmaligen, zerbrechlichen Ausformung einer Gestalt, mit sanfter Miene durchaus kämpferisch eingesetzt gegen Pauschalisierung, Begriff, Ideologie. Der Modus des unwiederholbaren Einzelwesens gegenüber der alles niederwalzenden und täglich zunehmenden Quantität. Die es ja aber unvermeidlich mit bildet.

Denn das ist der andere Punkt: Literatur steht, meine ich, da, wo sie wirklich zur Sache geht, nie auf seiten von «Eliten», weder was ihre Hersteller noch ihre Gegenstände, noch ihre Adressaten betrifft. Die «Phantasie des Dichters» ist ja nicht eine rechte, wie sich Botho Strauss etwas übereilt zurechtlegte, sondern - ihr Dilemma oft genug - eine partei- und klassenlos subversive. Und sehr wohl ist sie, von Homer über Hölderlin zu Hopkins, Trägerin einer irdischen Heilsgeschichte, nämlich der, das originäre Empfindungsvermögen potentiell in jeder Menschenperson zu vermuten und es durch das Medium der Sprache ans Licht zu fördern, zu «realisieren», Fleisch werden zu lassen, zu retten. Anders gesagt und um noch einmal Nabokov, hier in seiner in ausserliterarischen Bereichen manchmal, in literarischen nie schnöselhaften Autobiographie «Erinnerung, sprich» zu zitieren, angesichts eines auf sein Spiegelbild zustürzenden Blattes: «. . . den Bruchteil einer Sekunde fürchtete man, das Kunststück würde misslingen, das geweihte Öl sich nicht entzünden, das Spiegelbild würde das Blütenblatt verfehlen, und dieses müsste allein wegtreiben. Aber jedesmal fand die zarte Vereinigung statt, magisch genau wie das Wort des Dichters, das seiner eigenen Erinnerung oder der eines Lesers auf halbem Weg entgegenkommt.»

Was nun die etwas zwielichtige Attraktion von Symbol und Schicksalsmythos anbelangt: Sie spielt im Werk der recht verschiedenen Autoren Joseph Conrad, Tania Blixen, Leo Perutz (zumindest die beiden ersten konservativ eingestellt, alle drei sehr hierarchiebewusst) eine wichtige, ja konstituierende Rolle, und an jedem von ihnen lässt sich studieren, welche, psychologisch gesehen, Ingredienz, künstlerisch betrachtet, welche Technik verhindert, dass aus solchen Wichtigkeiten Wulstigkeiten werden.

Je atemberaubender, schwindelerregender (bei Blixen bis zur Absurdität präzise) nämlich die Konstruktionsbahnen der (bei Conrad und Perutz) oft tragischen Geschicke ineinandergreifen, ein wunderbares Geborgenheitsgefühl stiftend, ja hin und wieder geradezu Lebensvertrauen - wie die Eiskunstläuferin, die exakt in der begonnenen Kreislinie endet -, desto deutlicher wird bei diesen halsbrecherischen Fügungen das schiefe Lächeln einer Skepsis, ein dauerndes Fragezeichen, eine Nervosität, ein Vibrieren in der sich ordnenden Romanwirklichkeit, etwas Aufrührerisches, Unstabiles. Durch einen winzigen Beleuchtungs-, Perspektivenwechsel, eine falsche Bewegung, eine Lücke im guten Willen des Autors geriete das alles ins Schlingern, Leere oder Chaos brächen ein, risse sich die Konstruktionsmaschinerie nicht schleunigst zusammen. Es ist ein, jawohl, dialektisches Auf-die-Spitze-Treiben und, ohne je davon zu reden, zutiefst antidoktrinär, antifaschistoid. Kein Mytheln, sondern diskret an die Fundamente gehende Wirkung durch Form!

Was aber Literatur für den Leser, der für sie geboren ist, unersetzlich macht, zeigt Gottfried Keller in den ersten zehn Absätzen oder Seiten von «Pankraz, der Schmoller», die einfach durch nichts auf der Welt zu übertreffen sind. Hier ereignet sich das Freude oder Erschauern auslösende Wunder des Literarischen: Satz um Satz entstammt der Realität und wird Satz um Satz, ohne den geringsten Lebensverlust, Bestandteil eines organischen Bauwerks aus einer ganz und gar anderen, in der Natur nicht vorkommenden, aber dem Vergleich mit ihr standhaltenden, atmenden Substanz.

Sehr viel mehr kann sie eigentlich nicht, die Literatur.


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