Wollte man seinen Blick beschreiben, man müsste ihn unschuldig nennen. Überhaupt wirkt der Mann verletzlich, schutzbedürftig in seiner etwas linkischen Jungenhaftigkeit. Aber wenn er nachts mit seiner Kamera hinausgeht auf die Strasse, wird er, wird sein Blick ein anderer. Der Mann sucht Frauen auf in der Absicht, sie zu töten - und sie dabei zu filmen. Was ihn antreibt, ist der Zwang, zu sehen. Zu sehen, wie die Todesangst in die Augen seiner Opfer tritt, wenn er sich ihnen nähert. Er bannt in diesen Momenten seine eigene Angst, indem er wiederholt, was ihm selbst als Kind widerfahren ist: das Entsetzen angesichts der teuflischen Experimente, denen sein Vater, ein rücksichtsloser Wissenschafter, ihn unterwarf - und ihn dabei beobachtete.
«Peeping Tom», der Film über einen Voyeur und Mörder, den Michael Powell 1960 gedreht hat, ist nicht nur ein Film über den Film und eine Analyse der Aggressivität, die dem Filmemachen immer auch innewohnt. Er pervertiert darüber hinaus den Zusammenhang zwischen Sehen und Erkenntnis, auf dem die Tradition des abendländischen Denkens gründet. Dieser Zusammenhang ist in unserem visuellen Jahrhundert, im Zeitalter der Sehsucht, unter dem Ansturm der Bilderfluten zerbrochen. Bilder aus aller Welt prasseln uns unablässig auf die Netzhaut, Bilder sind der Stoff der Sehsucht. Daran, dass sie mit der Welt nicht unbedingt etwas zu tun haben, werden wir uns gewöhnen müssen: das Virtuelle ist nicht aufzuhalten. Ganze Industrien geraten im Hinblick auf seine Möglichkeiten in Euphorie, und nicht wenige Kulturpessimisten in Verzweiflung.
Ist der Preis zu hoch, den wir dafür zahlen, dass uns der aufrechte Gang auch den freien Blick bescherte und unser Auge zum Herrscher im Reich der Sinne machte? Sind wir inzwischen Süchtige, die die Dosis ständig erhöhen müssen und mit immer schlechterem Stoff versorgt werden? Oder ist alles nur eine Frage der Perspektive? Vielleicht wäre uns die Gelassenheit zu wünschen, mit der Italo Calvino seinen passionierten Augenmenschen Herrn Palomar sagen lässt: «Erst wenn man die Oberfläche der Dinge kennengelernt hat, kann man sich aufmachen, um herauszufinden, was darunter sein mag. Doch die Oberfläche der Dinge ist unerschöpflich.»