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NZZ Folio 09/92 - Thema: Der Krieg auf dem Balkan   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Drei Wüte über zahllose Aktivitäten

Von Wolf Schneider

So, wie ein einziges Furunkel dem kundigen Arzt den Zustand des ganzen Körpers, der es hat, entschlüsselt - so gibt es Modewörter, die grell und giftig den Zustand der Sprache beleuchten, die wir sprechen und schreiben.

Modewörter, selbst wenn sie einmal gut waren, haben immer drei Nachteile. In ihrer unerbittlichen Häufung gehen sie, zum ersten, sprachempfindlichen Gemütern auf die Nerven (wer tausendmal statt «ja» «genau» vernommen hat, wäre für ein schlichtes Ja recht dankbar). Zum zweiten veröden sie eine ganze Sprachlandschaft um sich herum, sie drängen Dutzende schöner Wörter und feiner Unterscheidungen in die Vergessenheit.

Wo man heute beispielsweise «Aktivitäten» liest, las man früher von Taten, Handlungen, Aktionen, Wirken, Arbeit, Aufgabe, Rührigkeit, Engagement, Pflicht oder Leistung. Aus dem Amerika-Geschäft einer Firma sind längst ihre US-Aktivitäten geworden, und ein Manager, der früher einfach keine Zeit hatte, zieht es heute vor zu sagen, dass seine Aktivitäten ihm keinen Spielraum liessen.

Zum dritten schliesslich macht ein typisches Modewort sich gern auch dort breit, wo man früher geschwiegen hätte und noch heute schweigen sollte. Wenn ein Unternehmen seine Marketing-Aktivitäten rühmt, dann tut es so, als ob «Marketing» keine Tätigkeit wäre; es ist aber in sich schon die Summe aller Aktionen, die ein Produkt in den Markt drücken. Noch aktiver als durch Marketing kann man überhaupt nicht sein. Die regierenden Modewörter unterwerfen ihre trendbewussten Benutzer eben der Zwangsvorstellung, dass man sie oft genug in alle Texte einstreuen müsse, ob sie passen oder nicht. Wer eine Seite ohne «Aktivitäten» abliefert, scheint zu fürchten, man könnte ihn für faul oder gar für altmodisch halten.

So lauten die drei Einwände gegen Modewörter, die einmal gut waren. Viel ärgerlicher sind natürlich solche, die schlecht oder falsch sind vom ersten Tag an. Die Amerikaner lieben also die activities. Gutes Englisch sind sie nicht, weder Shakespeare noch Hemingway haben sie verwendet; doch praktisch sind sie: social activities, das klingt anspruchsvoll, ohne den Sprecher festzulegen auf eine bestimmte soziale Tat - wohlfeiles Geschwätz also.

Dieselbe Eigenschaft hat das Wort im Deutschen beliebt gemacht; bei uns hat es noch einen Vorzug mehr: Es ist ein Import aus Amerika (über Anglizismen im allgemeinen ein andermal an dieser Stelle). Leider haben wir dabei die activities nicht übersetzt, wie es sich gehören würde, also sie dem Deutschen anverwandelt - sondern sklavisch nachgeahmt haben wir sie, auf einem Niveau, als ob wir das oval office im Weissen Haus als Ovaloffizium wiedergeben würden oder die outdoor activities nicht als Spiel und Sport im Freien, sondern als Aussentüraktivitäten.

Auf deutsch ist es nämlich schlicht falsch, von Aktivität einen Plural zu bilden. Auch Passivitäten kennen wir ja nicht, so wenig wie Fleisse oder Zörne. Die Aktivität ist erstens die Summe aller Aktionen, zweitens das aktive Verhalten, die Tatkraft, die Geschäftigkeit. «Uno-Aktivität zur Lösung der Südafrika-Krise», das wäre eine saubere Überschrift gewesen; die NZZ zog es indessen vor, von Uno-Aktivitäten zu berichten.

Warum dieser Plural, der logisch falsch und sprachlich töricht ist? Er macht den dritten Reiz des Modewortes aus, neben dem Unpräzisen und dem Amerikanischen: Plural ist akademische Mode, vermutlich weil er zum einen die Silbenzahl vermehrt und zum andern den Eindruck einer abdeckenden Ausdrucksweise vermittelt, eines sprachlichen Zugriffs auch auf die letzte Einzelheit. Niemand möchte mehr ein blosses Problem haben, wenn er sich mit Problemkreisen oder Problematiken schmücken kann, gegen die sich Problemlösungsaktivitäten ins Feld führen lassen. Längst greift der Missbrauch auf andere Wörter über, die den Plural nicht zulassen: Man liest von Sensibilitäten, Parallelitäten und Symptomatiken (obwohl doch die Symptomatik eben die Summer aller Symptome ist), und ein zeitgemässes soziologisches Werk heisst tatsächlich «Entwicklungsstrukturen von Verhaltensstandarden».

So spricht für die Aktivitäten: Sie sind unpräzise, also praktisch; zugleich klingen sie gründlich, also akademisch; sie sind amerikanisch, also chic; sie haben unnötig viele Silben, und Geschwätzigkeit ist ein Volksvergnügen; sie wirken bombastisch, sie sind modern. Dass sie obendrein noch Unfüge sonder Zahlen stiften - wer wollte bei solchen Vorzügen darüber seine Spötte ausgiessen?

Wer «Aktivitäten» verwendet, teilt seinen Lesern oder Hörern nur leider mit, dass er es mit der Zeitmode hält, sich beim Sprechen selber nicht mehr zuzuhören; denn sonst verböge sich ihm das Trommelfell. Wer sich aber selber nicht zuhören möchte - wie kann der fordern, dass andere ihm lauschen, falls er Journalist oder Schriftsteller, Lehrer oder Werbetexter ist? Lauschen wir Johann Peter Hebel! Gewiss hätte er gern von «unverhofften Wiedersehensaktivitäten» berichtet. Aber er konnte das Wort nicht kennen. Unsere Mitleide sind mit ihm.




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