SIE HAT SICH von den Bedingungen faszinieren lassen, die eine Grossbaustelle an alle Beteiligten stellt, und sie ist ihnen gewachsen: Seit zweieinhalb Jahren ist Anja Maissen Verantwortliche des Qualitätsmanagements des Kultur- und Kongresszentrums Luzern. Im Auftrag der Trägerstiftung stellt sie sicher, dass die Räume, Bilder und Töne so Wirklichkeit werden, wie der Architekt Jean Nouvel und der Akustiker Russell Johnson es sich ausgemalt haben. Sie ist zuständig für die Überprüfung der Statik, der Konstruktionen, der Materialien und der haustechnischen Anlagen und schliesslich auch für die Bauabnahme und für die Übergabe an den Betreiber. In ihrem Büro neben der Baustelle erarbeitet sie sowohl die Vorgaben an den Totalunternehmer als auch die Kontrollmittel für den Informationsfluss und die Ausführung.
Das 200-Millionen-Projekt ist mit seinen 160 000 Kubikmetern nicht nur gross, sondern bildet mit Konzertsaal, Museum, Luzerner Saal und Kongresszentrum unter einem Dach eine komplexe Struktur. Für die Bauplanung und -ausführung haben sich ein Generalplaner und eine Generalunternehmung zusammengeschlossen und die Aufträge an über 200 Betriebe und verschiedene Planer vergeben. Dass da Störungen in der Kommunikation auftreten, bezeichnet Anja Maissen gelassen als «situationsbedingt». Ihr Ziel ist es, die Probleme aufzudecken, bevor sie betoniert und zugepflastert sind. Konflikte zu lösen, ohne für Handwerker, Architekten, Ingenieure oder Planer Partei zu nehmen, und dabei die Interessen der Bauherrschaft zu wahren, ist nicht immer einfach. Da muss sie die verschiedenen Sprachen und Mentalitäten verstehen und im Detail wie auch strategisch denken können. Ihre Kunst des «Controlling» ist es, tausend Fäden nicht allein in der Hand zu halten, sondern zu einem Strang zu verspinnen, an dem alle ziehen.
Während der Testkonzerte, die Anja Maissen als Leiterin der Prüfphase organisiert hat, beobachtet sie Beleuchtung und Haustechnik im Zusammenspiel, prüft die Schwerhörigenanlage, berät die Betreiber der Lüftungsanlage und befragt den Dirigenten nach der Akustik. Am Tatort Baustelle kann die Verhaltensanalyse die Fachanalyse ersetzen: Ein Blick für die Gesten der Handwerker, ein Ohr für ein zu langgezogenes «Das geht schon gut» sagt unter Umständen mehr als der Blick auf Kabel, Platten und Schrauben. «Ich glaube, ich konnte die meisten Schwachstellen rechtzeitig aufdecken», sagt die Projektleiterin. «Im nachhinein recht zu haben nützt niemandem.»
Kein Terminverzug, kein Ausfall der Lüftungsanlage und kein Streit unter den Beteiligten scheinen Anja Maissen aus der Ruhe zu bringen. Mit unerschütterlicher Übersicht schlägt sie Brücken zwischen Baustelle, Architekturbüro und Sitzungszimmern, ohne auf den Wogen des Geschehens den Horizont aus den Augen zu verlieren. Geht ihr der ständige Druck denn nie unter die Haut? «Ruhe bewahren konnte ich schon immer. Und Probleme zu lösen habe ich gelernt.» Seit dem Abschluss des Studiums an der ETH Zürich hat die Architektin eine Grossbaustelle für Oerlikon-Bührle und einen Bau für ein renommiertes Architekturbüro geleitet und dazwischen eigene Projekte entworfen. Da hat sie erfahren, dass der Sinn für Zusammenhänge genauso wichtig ist wie das Fachwissen im Detail.
Unter dem ständigen Druck auf Kosten, Termine und Qualitätskontrolle kommt Anja Maissen allerdings manchmal an einen Punkt, an dem sie, wie sie sagt «ins blosse Erledigen» verfällt. «Das kann den Kopf voll besetzen.» In der Architektur dagegen hat sie ihre Denkform aber mehr im Wünschen. Ein bisschen Freiraum im Kopf hat sie sich mit einer Assistentenstelle an der Architekturabteilung der ETH geschaffen. Dass Zürich und Luzern eine Dreiviertelstunde auseinander liegen, hilft ihr, auch im Kopf die Türen zuzumachen. Nach der Eröffnung des Konzertsaales am 18. August wird die Koordinatorin die Klinke zum eigenen Büro wieder öfter in die Hand nehmen können. Ob ihr dort nicht die Grösse und die Dynamik der Baustelle in Luzern fehlen werden? «Nein», sagt sie, «die Vorgänge sind ja dieselben.»