NZZ Folio 02/03 - Thema: Haushalt   Inhaltsverzeichnis

Das Experiment -- Ganz der Papa

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Der Wunsch, sich selbst zu kopieren, macht vor keiner Methode Halt. Linktext
Von Reto U. Schneider
Der erste Menschenklon beschäftigte vor zwanzig Jahren die Gerichte – weil es ihn nicht gab. Oder doch?
IM SEPTEMBER 1973 bekommt ein amerikanischer Wissenschaftsjournalist einen geheimnisvollen Anruf. Als er in seiner Hütte am Flathead-See im Westen Montanas den Hörer abhebt, meldet sich ein Mann, der seinen Namen nicht nennen will: Er sei 67 Jahre alt, reich, unverheiratet, und er brauche einen Erben. Näheres will der Anrufer erst bei einem persönlichen Treffen sagen.

Mit dieser Szene beginnt David Rorviks Buch «Nach seinem Ebenbild». Es ist die abenteuerliche Geschichte eines alternden Millionärs, der sich mit Hilfe von Forschern, die ihm der Wissenschaftsjournalist vermittelt, klonen lässt. Der mittelmässige Science-Fiction im Milieu der Reproduktionsmedizin hat bloss einen Fehler: Rorvik behauptete, dass jedes Wort davon wahr sei, der Wissenschaftsjournalist im Buch ist er selbst.

Schon bevor das Buch am 31. März 1978 erschien, hatte die Presse Wind von der Geschichte bekommen. Die Boulevardzeitung «New York Post» informierte ihre Leser am 3. März in einer fetten Schlagzeile über den Anbruch des neuen Zeitalters menschlicher Fortpflanzung: «Säugling ohne Mutter geboren: Er ist der erste Menschenklon.» Und bis am Abend desselben Tages hatte es Rorviks Klon-Buch in alle Fernsehnachrichten zwischen New York und Los Angeles geschafft.
Die Wissenschafter hielten Rorviks Klongeschichte für erfunden. Rorvik sei «ein Betrüger und ein Esel», sagte zum Beispiel Beatrice Mintz, eine führende Mausgenetikerin, deren Arbeit in Rorviks Buch zitiert wird. Die Geschichte um den rätselhaften Anrufer, einen Geschäftsmann mit dem Codenamen «Max», war wirklich schwer zu glauben.

Im Buch erklärte Max, er sei bereit, «eine Million Dollar, eventuell auch mehr» auszugeben, um eine Reproduktion von sich selbst zu erhalten. Ein Kind, das genetisch identisch mit ihm wäre, einen um 70 Jahre zeitlich verschobenen Zwillingsbruder sozusagen, einen Klon. Rorvik, der früher Wissenschaftsreporter beim Nachrichtenmagazin «Time» gewesen war und mehrere Bücher über Fortpflanzungsmedizin geschrieben hatte, sollte den Kontakt zu Wissenschaftern herstellen, die bereit wären, das Experiment zu wagen.

Technisch besteht das Klonen eines Lebewesens aus mehreren heiklen Stufen. Als Erstes muss einer Frau ein Ei entnommen werden – oder besser gleich mehrere, da mit vielen Fehlversuchen zu rechnen ist. Aus dieser Eizelle entfernt man den Zellkern, der das Erbgut der Frau enthält. Die Person, die sich klonen lassen will, muss ebenfalls eine Zelle spenden. Grundsätzlich kommt fast jede Körperzelle in Frage, da, von wenigen Ausnahmen abgesehen, jede Zelle das komplette Erbgut eines Menschen enthält. Dieses Erbgut steckt im Zellkern, der aus der Körperzelle entfernt und in die leere Eizelle verfrachtet wird.

Das so zusammengebaute Ei enthält jetzt das exakte Erbgut des Spenders. Es wird ausserhalb des Körpers in einer Nährlösung gehalten, bis es sich einige Male geteilt hat, und dann in die Gebärmutter der Frau eingepflanzt, die das Kind austragen soll.

Die ganze Prozedur stellt Probleme, die der von Rorvik ausfindig gemachte Arzt (Codename Darwin) innerhalb von achtzehn Monaten gelöst haben wollte, obwohl ihrer die weltbesten Forscher in Jahrzehnten nicht Herr geworden waren. Allein ein befruchtetes Ei so einzupflanzen, dass es auch wirklich zu einer Schwangerschaft kommt, gelang offiziell erst 1978. Und das war noch die niedrigste Hürde.

Die grösste Schwierigkeit bestand darin, den Zellkern einer Körperzelle mit der entkernten Eizelle so zu verschmelzen, dass sich daraus wieder ein ganzer Mensch entwickelte. Zwar trägt jede Körperzelle in ihren Genen den kompletten Bauplan des jeweiligen Menschen, doch viele Gene einer Zelle werden während der Entwicklung ausgeschaltet. In einer Leberzelle sind nur noch jene Gene aktiv, die sie zur Erfüllung ihrer Aufgabe braucht, ebenso in einer Haut- oder Hirnzelle.

Das Problem besteht darin, die stummen Gene wieder zum Sprechen zu bringen, nachdem man sie in die leere Eizelle verpflanzt hat. Man muss dem «erwachsenen» Zellkern irgendwie vormachen, dass er wieder jung ist, und ihn dazu bringen, die Entwicklung eines ganzen Menschen einzuleiten. Zwar beherrschte man damals das Klonen von Fröschen, aber eben nicht aus voll entwickelten Körperzellen, sondern aus ganz jungen, unspezialisierten Zellen eines Embryos, die noch keine Gene stummgeschaltet hatten. Solche Zellen werden Stammzellen genannt.

Doch nicht nur die wissenschaftlichen Details, auch der Ort der Handlung und die Besetzung in Rorviks Geschichte trugen nicht zu ihrer Glaubwürdigkeit bei. Der Arzt Darwin machte seine Untersuchungen auf einer ungenannten Pazifikinsel irgendwo hinter Hawaii, wo Max Gummiplantagen und einen Teil der Fischindustrie besass. Roberto, ein Angestellter von Max «mit einer Vorliebe für auffällige Kleidung und protzige Ringe», machte sich «in Fabriken und auf Farmen» auf die Suche nach einer geeigneten Kandidatin, die den Klon von Max austragen sollte. Max stellte zwei Bedingungen: Die Frau musste Jungfrau und hübsch sein. Nach einem längeren Evaluationsverfahren wurde schliesslich eine 17-Jährige (Codename Spatz ) gefunden, die das Baby zwei Wochen vor Weihnachten 1976 zur Welt brachte und in die sich Max prompt verliebte.

Obwohl mit dieser Geschichte offensichtlich etwas nicht stimmte, verfehlte sie ihre Wirkung nicht. Es war die Zeit, als die Öffentlichkeit der Wissenschaft zunehmend kritisch gegenüberstand. Ira Levin hatte eben ihren Thriller «The Boys from Brazil» herausgebracht über den Versuch von Altnazis, Hitler zu klonen, und es war noch nicht lange her, dass selbst einzelne Forscher ein Moratorium verlangt hatten für die eben erst entwickelte Technik, einzelne Gene ins Erbgut fremder Organismen einzuschleusen. Rorviks Buch entwickelte sich zum PR-Desaster für die Wissenschaft. Das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» titelte: «Genetik: Tausendmal schlimmer als Hitler.» Aus Angst, sie würden Rorvik noch grössere Publizität verschaffen, weigerten sich einige Wissenschafter, überhaupt etwas zum Buch zu sagen. Andere wollten eine öffentliche Debatte anstossen. «Eines Tages werden wir aufwachen. Vielleicht ist es dieses Mal nicht passiert. Aber das nächste Mal oder das übernächste Mal werden wir merken, dass wir ein Monster geschaffen haben, das wir nicht schaffen wollten», sagte der Biologe Jonathan Beckwith von der Harvard University.

Am 31. Mai 1978, zwei Monate nach Erscheinen des Buchs, fand vor dem amerikanischen Kongress eine Anhörung statt über das «Wissenschaftsgebiet, das am besten Zellbiologie genannt wird». In Wirklichkeit war es eine Untersuchung zu Rorviks Buch. Obwohl dabei der Verlag J. B. Lippincott unter Beschuss kam, weil er das Buch publiziert hatte, verkaufte es sich jetzt erst recht. Rorvik selbst, der bei der Anhörung hätte dabei sein sollen, sagte seine Teilnahme mit der Begründung ab, er verlängere seine Promotionstour in Europa.

«Um das Kind vor schädlicher Publizität zu schützen», weigerte sich Rorvik auch, den direkten Kontakt zu den Beteiligten herzustellen. Selbst der Verlag hatte keinen einzigen Beweis in der Hand, dass die Geschichte stimmte. Rorvik hielt gerade die Unglaubwürdigkeit des Buches für einen Beleg dafür, dass alles wahr sei: Ein alternder Millionär? Eine tropische Insel? Eine 17-jährige Leihmutter? «Würden Sie es wagen, eine solche Geschichte zu erfinden, wenn Sie ich wären? Sie würden damit Ihre ganze Karriere aufs Spiel setzen.»

Drei Monate nach der Publikation des Buches reichte der Genetiker J. Derek Bromhall eine Sieben-Millionen-Dollar-Klage wegen Verleumdung ein. Sein Name taucht im Buch auf. Mit einer Abwandlung seiner bei Kaninchen entwickelten Methode wird Max geklont. Rorvik hatte Bromhall im Mai 1977 in einem Brief um nähere Informationen zu dieser Technik gebeten – fünf Monate nachdem der Klon laut Buch geboren worden war. Im Verlauf des Verfahrens gab Rorvik zu, dass er drei Personen – darunter Roberto – erfunden hatte. Er schlug schliesslich einen Bluttest vor, unter der Bedingung, dass Max die Leute selbst auswählen dürfe, die ihm und dem Kind die Proben nehmen sollten.

Der Richter lehnte ab und erkannte auf Betrug. Am 7. April 1982 schloss der Verleger mit Bromhall einen Vergleich: Lippincott bezahlte ihm 100 000 Dollar und gab bekannt, dass der Verlag die Geschichte im Buch für unwahr halte. Rorvik behauptete immer noch, sein Buch entspreche der Wahrheit.

Das Rätsel, warum Rorvik diesen Betrug begangen hatte, blieb bis heute ungelöst. Es wurde vermutet, dass sein Buch eine getarnte politische Stellungnahme sei oder dass es ihm einfach ums Geld ging. Vielleicht steckt auch etwas anderes dahinter. Ein früherer Kollege sagte über ihn: «David ist intelligent. David ist ein guter Schreiber. David ist ein bisschen komisch.»

In einem Beitrag für das Online-Magazin «Omni» relativierte Rorvik 1997 seine Position, wenn auch nur geringfügig: «Ich war nicht in jedes Detail des in meinem Buch beschriebenen Projekts eingeweiht, und mir wurde nie ein Beweis präsentiert. Trotzdem liessen mich die Indizien den Schluss ziehen, dass das Projekt erfolgreich war. Ich glaubte das in den späten siebziger Jahren, und ich glaube das heute.» Rorvik gefällt sich heute in der Rolle des Mahners in der Wüste, der schon immer auf die Möglichkeit des Menschenklonens hingewiesen haben will.

Tatsächlich lagen einige Wissenschafter mit ihren Prognosen ziemlich daneben. Zum Beispiel der Entdecker des genetischen Codes und Nobelpreisträger James Watson in einem Interview mit «People» im Jahr 1978. Auf die Frage, wann der erste Mensch geklont würde, antwortete er: «Ganz sicher nicht, solange wir leben.» Und später sagte er: «Wenn einer meiner zwei kleinen Söhne Wissenschafter werden möchte, würde ich ihm vorschlagen, sich vom Klonen fernzuhalten. Das hat keine Zukunft.»

Im Jahr 1997 wurde die Geburt des Schafs Dolly bekanntgegeben, des ersten geklonten Säugetiers.

Am 26. Dezember 2002 soll zum zweiten Mal der erste Menschenklon geboren worden sein. Wiederum an einem ungenannten Ort. Laut der Pressemitteilung von Clonaid, einer von der Ufo-Sekte der Raelier gegründeten Klonfirma, ist Eve gesund und besitzt das Erbgut der etwa dreissigjährigen Frau, die eine Körperzelle gespendet hat.

Der angekündigte Gentest durch einen unabhängigen Experten ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden, weil die Mutter des Säuglings befürchte, man könnte ihr das Kind wegnehmen.



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