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NZZ Folio 02/92 - Thema: Kuba   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Überleben in der Bergwelt

Von Heini Hofmann

Meterhoher Schnee, klirrende Kälte, pickelhart gefrorener Boden, alles durchdringender Wind und karge Futtergrundlage: Das sind die unerbittlichen Lebensbedingungen der Tiere im Bergwinter.

Hier, in der Abgeschiedenheit der eisigen Gebirgswelt, sind die Gesetze der freien Wildbahn besonders hart. Im Sinne einer gesunden Arterhaltung überleben kranke und schwache Individuen nicht; sie werden der Nahrungskette geopfert, verhungern und erfrieren. Die anderen führen einen erfolgreichen Überlebenskampf, denn ganz ohne Schutzeinrichtungen lässt die Natur ihre Geschöpfe nicht.

Grosse Vegetarier, vorab Steinbock und Gemse, fressen sich Fettpolster an, isolierende Notvorräte, die bis zu einem Fünftel des Körpergewichts ausmachen. Kleine Tiere und vor allem Vögel können sich dies aus Gründen der Proportionen nicht leisten. Ihre bescheidenen Fettpolster sind bei ausbleibender Nahrungszufuhr rasch aufgebraucht.

Die körpereigene «Notration» eines Schneehuhns beispielsweise reicht keine zwei Tage. Deshalb müssen Rauhfusshühner (zu denen neben dem Schnee- auch Auer-, Birk- und Haselhuhn gehören) täglich ihren Kropf füllen. Sie haben die Fähigkeit, eiweiss- und zuckerreiche Nahrungsbestandteile zu erkennen, wodurch die kleine Futterquantität durch bessere Qualität ausgeglichen wird.

Da kleine Körper eine verhältnismässig grössere Oberfläche aufweisen, sind grosse Lebewesen die besseren Wärmespeicher als kleine. Daher sind in höheren Regionen oder nördlicheren Breitengraden beheimatete Vertreter einer Art - so zum Beispiel Reh oder Braunbär - grösser als ihre Artgenossen in tieferen Lagen oder wärmeren Gefilden.

Der Wärmeverlust an der Körperoberfläche hängt aber nicht nur von der Leibgrösse, sondern auch von besonderen Körperteilen ab. Was weit vom Leib absteht, erkaltet rascher, das heisst Ohren, Schwanz und Beine. Deshalb haben der in höheren Lagen lebende Schneehase und der Eisfuchs in der Antarktis kleinere Ohren als ihre Verwandten, der Feldhase und der Rotfuchs.

Im Zuge des Energiesparens haben wir Menschen das Isolieren neu entdeckt. Isolation ist ein bewährtes Prinzip der Natur. Dazu dient, abgesehen von der mehr oder weniger ausgeprägten Fettschicht unter der Haut, das Haar- oder Federkleid. In seiner Funktion ist es einer Doppelverglasung vergleichbar. Die in ihm gefangene, statische Luftschicht verzögert den Wärmeaustausch, und zwar so gut, dass Temperaturunterschiede zwischen Körperinnerem und Aussenwelt von weit über 50 ºC aufgefangen werden können.

Wenn wenig Nahrung zur Verfügung steht, darf man auch weniger Energie verbrennen, das heisst, man muss die Aktivitäten einschränken. Das tun beispielsweise die grossen Huftiere in ganz besonderem Masse. Hirsche und Gemsen verharren länger als sonst in den Einständen, bleiben oft bis in den Vormittag hinein liegen und beschränken ihren Speisezettel vorübergehend notfalls auf Bartflechten und Fichtenzweige.

Störungen durch den Menschen (Wintersportler abseits von Pisten und Loipen) bewirken grosse und unnötige Energieverluste, die das Tier auf der Flucht durch Tiefschnee bis zur Erschöpfung führen können. Da die günstigen Wintereinstände in den Alpen ohnehin schon knapp an Zahl sind, werden durch gebietsweise auftretende Störungen ganze Sozialgefüge gesprengt; es kommt zu Massierungen in den wenigen ungestörten Einständen, was wiederum zu Wildschäden am Bergwald und zu Bestandeseinbrüchen beim Wild selber führt.

Auch für die Rauhfusshühner, zumal für das Birkhuhn, gilt: viel Schlaf und wenig Bewegung. Es gräbt sich, um trotz grosser Kälte möglichst wenig Energie zu verlieren, abends und nach der morgendlichen Aktivitätsphase in die lockere Schneedecke ein. Im Hochwinter verlässt es diesen «Iglu» nur für wenige Stunden. Selbst bei Aussentemperaturen von minus 30 ºC und Schneetemperaturen in Höhlentiefe (das heisst etwa vierzig Zentimeter unter der Schneeoberfläche) von vielleicht noch minus 18 ºC steigt die Temperatur im selbstgegrabenen «Iglu» immerhin auf knapp unter 0 ºC, mindestens aber auf minus 5 ºC, was gerade ausreicht, da ein Birkhuhn erst ab minus 6 ºC friert.

Wird es nun aber beispielsweise von einem Variantenskifahrer aufgeschreckt, verbraucht es nicht bloss Energie auf der Flucht, sondern noch viel mehr Aufheizenergie beim anschliessenden Nächtigen in der Kälte ausserhalb der schützenden Schneehöhle. Der dadurch enorm gesteigerte Nahrungsbedarf kann innert nützlicher Frist nicht mehr gedeckt werden. Der Hunger-, Schwäche- und Kältetod ist ihm gewiss.


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