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NZZ Folio 09/07 - Thema: Sicherheit   Inhaltsverzeichnis

Absolute Spitzel-Klasse

© George Steinmetz/Corbis/RDB
Überwachungskamera (mit Scheibenwischer!) vor dem Gebäude des Greater London Council – eine von 4,2 Millionen in Grossbritannien. Linktext
Zehn Jahre Labour-Regierung machten aus England den radikalsten Überwachungsstaat der westlichen Welt. Ein Spaziergang durch London.

Von Nigel Barley

Selbst wenn es tropisch heiss ist, verzichten die Bewohner unserer Strasse darauf, nackt zu schlafen, und ziehen Pyjamas und Morgenmäntel an. Der Grund dafür ist eine Überwachungskamera an der Ecke, etwa von der Grösse eines Schuhkartons, die an einer langen Metallstange befestigt ist und in unser Schlafzimmer linst.

Sie wurde natürlich nicht zu diesem Zweck dort angebracht. Eigentlich soll sie die Bibliothek auf der anderen Strassenseite überwachen, wo die Jugendlichen unseres Viertels keine Bücher ausleihen, sondern die Fahrräder mitlaufen lassen, die im Veloständer im Angebot sind. Oder sie schlagen die Scheiben der parkierten Autos ein, um sich einen CD-Spieler, oder was sonst auf dem Sitz herumliegt, unter den Nagel zu reissen.

Aber unsere neue Kamera hat ihre eigenen Interessen. Sie schwenkt und kippt und zoomt, was das Zeug hält, und nachts kann man hören, wie sie sich in den Schlaf summt oder sich mit einem kleinen Scheibenwischer das Gesicht abwischt. Wenn sie ein Auge auf jemanden geworfen hat, folgt sie ihm mit dem Blick die Strasse hinunter, bis er hinter der nächsten Ecke verschwindet, schmachtet ihm einige Sekunden lang hinterher, um sich schliesslich mit einem Seufzer wieder den Velos zuzuwenden, die ihr täglich Brot sind. Man munkelt, dass sie auch in der Dunkelheit sehen könne, weil sie mit einem Infrarotgerät ausgerüstet sei, das die Frau an der Ecke, die zu viel Superman-Filme schaut, als «Röntgenblick» bezeichnet.

Das Merkwürdigste ist, dass wir keine Ahnung haben, wer sich die Bilder ansieht. Die Polizei mit Sicherheit nicht. Die ist viel zu sehr damit beschäftigt, mit Blaulicht durch die Gegend zu rasen. Vielleicht sind es Leute von der Gemeinde, die Hamburger mampfen und sich Ketchup vom Kinn wischen, während sie von Bild zu Bild zappen und gebannt die Überfälle an den Busstationen und den Vandalismus in den öffentlichen Parks betrachten; oder sie starren einfach ins Leere oder werfen wie die Religionspolizei in Malaysia – nur ab und zu, aus blosser Neugierde – ­einen Blick in unser Schlafgemach.

Aber es ist noch eine ­weitere Möglichkeit denkbar. Manche Kameras sind inzwischen computergesteuert, sie fokussieren auf bestimmte Bewegungen oder können sogar Gesichter erkennen, die sie dann weiter verfolgen oder auch nicht. Möglicherweise sitzt also gar niemand dahinter. In London wird jeder täglich von Hunderten von Kameras gesichtet. Vermutlich werden jeden Tag mehr Aufnahmen von uns gemacht als von Greta Garbo während ihrer gesamten Karriere. Es gibt keine Nachrichtensendung mehr, die ohne die sprunghaften, grobkörnigen Bilder der sogenannten CCTV-Kameras (Closed Circuit Television) auskäme, mit denen dieser Unfall oder jenes Verbrechen gefilmt wurde. Wenn ich das Haus verlasse, bin ich kaum aus dem Blickfeld meiner eigenen Kamera entschwunden, da werde ich schon von der lauernden Kamerameute vor dem Kinderheim und der Gemeindeverwaltung aufs Korn genommen. Sie sehen alle gleich aus. Vielleicht sind sie miteinander befreundet. Vielleicht sprechen sie miteinander. Auf der Bank starrt mich eine aus dem Geldautomaten heraus an, während über mir eine weitere in der Luft schwebt. Sie könnten von einem Verbrechersyndikat installiert worden sein, um meine PIN-Nummer auszukundschaften. Woher soll mans wissen?

Im U-Bahnhof verfolgen mich die mageren, unterernährten Spanner durch sämtliche Gänge. Im Zug werde ich von je einem Gerät an beiden Enden des Waggons beäugt. Seit den jüngsten Terroristenfahndungen weiss ich, dass die meisten davon entweder kaputt, unbemannt oder ausser Betrieb sind, weil niemand sich die Mühe gemacht hat, sie einzuschalten. Es gibt sie im Taxi und im Bus, aber in den neuen Bussen, wo die Türen hinten sind, lösen immer noch 90 Prozent aller Fahrgäste kein Billett, so dass die Touristen meinen, die Fahrt sei umsonst. Zum Glück werden wir wenigstens von einem Touristen mit Handy gefilmt, der die Bilder direkt nach Usbekistan sendet. Die Leute winken und lächeln. Schliesslich sind sies gewohnt, vor der Kamera zu stehen, in Grossbritannien gibt es schätzungsweise 4,2 Millionen. Die Leute, die sich im Fernsehen «Big Brother» ansehen, meinen wahrscheinlich, dass Überwachungskameras schon immer zum Leben gehörten.

Als ich aussteige, werde ich durch eine Tafel darüber informiert, dass der Bus probeweise mit Aussenkameras ausgestattet wurde, um Autofahrer zu überführen, die auf der Busspur parkieren und den Verkehr lahmlegen. Vor der nächsten U-Bahn-Station stosse ich auf Verkehrsüberwachungskameras, darunter eine fahrbare auf dem Dach eines Minis, mit deren Hilfe man jenen Sündern auf die Schliche kommt, die ihre Staugebühr nicht bezahlt haben. Ein Stück weiter laufe ich unversehens in ein Digitalfoto hinein, das ein Parkwächter von einem riesigen neuen Bentley macht, um beweisen zu können, dass er falsch parkiert war. Ich stütze mich arrogant mit dem Ellenbogen auf dem Dach ab und tue so, als sei es mein Wagen, aber der Kontrolleur fängt bloss an zu kichern und winkt mich aus dem Bild.

Auch in den Läden sind Kameras allgegenwärtig. Sie verstecken sich hinter blauen Schüsseln wie coole Jungs hinter Sonnenbrillen, damit keiner errät, wohin sie gerade schauen. In der Herrenabteilung irritiert mich ein Schild an der Tür zur Umkleidekabine: «Keine Überwachungskameras in diesem Bereich» steht dort zur Ermutigung der Schüchternen und der Ladendiebe zu lesen. Oder ist es als Warnung für die Ängstlichen gedacht, dass sie hier nicht von Big Brother beschützt werden? Bei dem Gedanken, dass es inzwischen winzige Kameras gibt, die in Kleider­bügeln versteckt werden können, und in die Verpackung eingebaute Zielverfolgungsgeräte, die anzeigen, wo man steht und geht, läuft es mir kalt über den Rücken.

Ich nehme den Aufzug. Der kleine Punkt an der Decke, der vorgibt, eine Niete zu sein, ist wahrscheinlich eine weitere Kamera. Vor einigen Jahren wurde ein Video auf den Markt geworfen, das zeigte, was Leute im Lift treiben, wenn sie sich unbeobachtet glauben – vom Wasserlassen bis zum Gruppensex. Es gab einen gewaltigen Aufschrei, aber der Film fand reissenden Absatz.

Ich bin im Museum zum Kaffee verabredet. An der Tür werde ich von einem schrankgrossen Sicherheitsbeamten gemustert. An seinem Revers hat er einen merkwürdigen Anstecker, das Ding in der Mitte könnte eine Linse sein, und an seinem Hals baumelt ein Kabel. In unregelmässigen Abständen weist er rüde mit den Armen Leute zurück, um den Besucherfluss durch die Tür zu regulieren. Keiner murrt, wahrscheinlich wegen der Uniform. Einmal bekam ich mit, wie ein Betrunkener renitent wurde, als ihn der Museumsdirektor anwies, das Gebäude zu verlassen, doch kaum kreuzte ein grüner Junge von der Security mit schmucker Dienstmütze auf, gehorchte er wie ein Lamm. Im Café weitere Kameras, die von allen ignoriert werden. Nur ein ehemaliger Fernsehmoderator arrangiert instinktiv sein Haar, um die schütteren Stellen zu überdecken.

Draussen in den Ausstellungsräumen hängt ein Schild «Blitzlichtaufnahmen verboten». Wenn sie wüssten, wie viele Kameras aus allen Ecken auf sie gerichtet sind. Kameras sind viel billiger als Menschen in Uniform und gehören zum Besten, was die Museen heute aus Israel bekommen, wo diese Geräte entwickelt und mit einem ganzen Arsenal an zweifelhaften, hochtechnisierten, personalfeindlichen Fertigkeiten ausgerüstet werden, die sich am Sicherheitszaun am Gazastreifen als nützlich erwiesen haben.

Vor der Eingangstür befindet sich an einem Gerüst über der Strasse ein Radarkasten, aus dem es hin und wieder blitzt. Das Gerät ignoriert mich, aber seine Aufstellung an dieser wichtigen Kreuzung lässt vermuten, dass es jeden Monat Hunderttausende Pfund an Bussgeldern einbringt. Der Kasten ist gross und hat gelbe Streifen wie ein Feldweibel, um die Autofahrer einzuschüchtern. Im Internet gibt es eine Seite, wo man den Standort der Radarfallen erfährt und ob sich ein Film darin befindet oder ob sie bloss bluffen. Ein zorniger Bürger hat sie eine Weile lang mit Farbe und Kettensäge attackiert und wurde von der Presse zum Helden der Autofahrer gekürt. Am Ende wurde er erwischt, weil er eine Überwachungskamera übersehen hatte.

Ich rufe einen Freund an. «Hör mal», sage ich, «du als Soziologe weisst doch über alles Bescheid. Bringen diese Überwachungskameras eigentlich irgendetwas?» Wie jeder Sozialwissenschafter, dem man eine Ja/Nein-Frage stellt, reagiert er instinktiv ausweichend.

«Die Daten lassen verschiedene Interpretationen zu», gibt er zu bedenken, «es kommt darauf an, was man erreichen will?…»

«Ja, ja. Aber es geht hier nicht um einen Drittmittelantrag. Ich will wissen, ob sie etwas bringen oder nicht!»

«Sie verlagern die Kriminalität, verhindern sie aber nicht. Sie vermitteln den Menschen die Illusion von Sicherheit, und der Schlüssel zur Verbrechensbekämpfung besteht heute darin, die Leute glauben zu machen, sie würden auf jeden Fall geschnappt. Aber in neun von zehn Fällen werden die Bilder überhaupt nicht ausgewertet, und die echten Kriminellen wissen natürlich, dass der Anteil an aufgeklärten Verbrechen jedes Jahr sinkt. Eine britische Langzeitstudie von 13 Videoüberwachungssystemen in Gebieten mit hohen Kriminalitätsraten zeigte übrigens, dass nur in einem Fall die Straftaten deutlich zurückgegangen sind – und das zu einem hohen Preis: Das Verhindern eines Autodiebstahls durch Überwachungskameras kostet ungefähr 2000 Euro. Die Kriminalität nachhaltig zu senken, lässt sich nur mit einer Null-Toleranz-Strategie wie in New York erreichen, bei der ab der dritten Gesetzesübertretung drakonisch gestraft wird – aber das ist viel zu teuer.»

«Würde ‹Zero Tolerance› in Europa etwas bringen?»

«Die Voraussetzung dafür ist ein allgemeines Schamgefühl, aber das ist längst passé – von daher: nein. Die Zeiten, wo es einem noch peinlich war, bei den Nachbarn ins Gerede zu kommen oder auf einem Fahndungsplakat zu erscheinen, gehören der Vergangenheit an. Heute filmen sich die Leute mit dem Handy selber, wenn sie ein Verbrechen begehen, und sei es ein Mord. Sie werden geschnappt, weil die Polizei das Video findet, das sie stolz an ihre Freunde verschickt haben. Manche Schläger nehmen einen Kameramann mit, wenn sie nachts losziehen, um Leute zu verprügeln. Wusstest du übrigens, dass in Shoppingcentern jetzt Kameras mit Lautsprechern getestet werden, die dich anbrüllen, wenn du Müll auf den Boden wirfst? Die Idee ist, dass die Leute sich missbilligend nach dir umsehen.»

«Und funktioniert es?»

«Höchstens, weil du dir blöd vorkommst, mit einer Kamera zu streiten, der du nicht die Fresse polieren kannst, weil sie ausser Reichweite hängt.»

Ich schlendre durch die Menschenmenge auf dem Strassenmarkt zurück. An einem Ort wie diesem, wo so viele zweifelhafte Geschäfte getätigt werden, sollte man Heerscharen von Kameras erwarten, aber es ist weit und breit keine zu sehen. Vielleicht kommen bei den Marktleuten altbackenere, unfreundlichere Formen der Justiz zum Einsatz. Aber selbst hier gibt es neue Entwicklungen. Ein mit Tätowierungen übersäter Händler hat sich auf den Verkauf gerahmter ASBO (Anti-Social Behaviour Orders) spezialisiert, richterlicher Anordnungen, die für Vandalismus und asoziales Verhalten verhängt werden. In solchen Anordnungen wird zum Beispiel ein Ausgehverbot verfügt oder das Verbot, bestimmte Gegenden zu betreten oder Dinge zu tun, die normalerweise völlig legal sind. Am Stand kann man auch leere ASBO-Formulare kaufen. Man trägt seinen eigenen Namen ein und hängt sie an die Wand, um bei Freunden Eindruck zu schinden – vergleichbar mit jenen völlig bedeutungslosen akademischen Titeln, die man bei obskuren Universitäten erwerben kann.

Angesichts der Tatsache, dass manche seiner Kunden nicht schreiben können, bietet der Standbesitzer als Gratisdienstleistung an, die Blankoformulare mit seiner eigenen, festen Handschrift auszufüllen. Das Schamgefühl hat hier restlos ausgedient. Es geht nur noch um das Zelebrieren einer jämmerlichen Form von Machismo. Am selben Stand kann man Fussfesselimitate kaufen. Mit den echten überwacht die Polizei sonst die Freigänger. Wer mit so einem Ding umherstolziert, kann seinen Kumpels weismachen, er habe mannhaft das Gesetz übertreten.

Am Billettschalter der U-Bahn versuchen die Angestellten gerade ein grosses Plakat aufzuhängen, auf dem die Gesichter von Übeltätern abgelichtet sind, die von Überwachungskameras gefilmt wurden. Die Öffentlichkeit soll bei der Identifizierung helfen. Das ist neu. So etwas habe ich hier noch nie gesehen. Als ich stehenbleibe, um mir das Plakat genauer anzuschauen, werde ich von hinten angerempelt und mit Schimpfworten bedacht, die bestimmt eine ASBO rechtfertigen würden. Oben in der Ecke schmollt eine Kamera und blickt dezidiert in die andere Richtung. Keine feste Männerstimme ertönt, um den Hooligan zur Raison zu rufen. Kein grimmig dreinblickender Gesetzeshüter tritt auf, um dem Rüpel Fussfesseln anzulegen.

Die Fotos auf dem Plakat sind alle so unscharf, verwaschen und grobkörnig, dass es unmöglich ist, irgendjemanden mit Sicherheit zu erkennen. Viele der Bildchen sind schwarzweiss und erwecken die Sehnsucht vergangener Tage. Nur der atemberaubenden Ineffizienz des gesamten Überwachungssystems haben wir zu verdanken, dass unsere bürgerlichen Freiheiten nicht ernsthaft bedroht sind.

Doch bei genauerer Betrachtung weist eine beunruhigende Anzahl von Fahndungsfotos, sogar von Frauen, eine verblüffende Ähnlichkeit mit mir selbst auf, wenn ich schlecht geschlafen habe. Wie es scheint, werde ich im Zusammenhang mit schwerer Körperverletzung in Wandsworth, einem Ladendiebstahl in Neasden und einer mitternächtlichen Attacke gegen U-Bahn-Beamte im Westend gesucht. Auf dem Weg zur Schranke ziehe ich die Kapuze tiefer ins Gesicht und wickle mein Foulard ums Kinn: Lebend werdet ihr mich niemals kriegen!

Nigel Barley ist Ethnologe. Er lebt in London.
Übersetzung: Robin Cackett, Berlin.

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