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Hauptsache laut
Warum Tontechniker so lange an ihren Knöpfen schrauben, bis das Radio fett klingt.
Von Burkhard Strassmann
Wer zum ersten Mal dem bekannten Moderator von Radio Dudelfunk leibhaftig begegnet, der reibt sich erstaunt die Augen (oder besser die Ohren!): Dieser Junge soll derselbe sein, der im Radio immer wie die perfekte Mischung aus Supermann, Lieblingsschwiegersohn und väterlichem Freund klingt? Dessen Stimme durch Mark und Bein und vielleicht sogar in den Unterleib dringt?
Der Unterschied zwischen Originalton und Radioton kann gewaltig sein. Der Grund dafür ist weniger der mickrige Verstärker oder die zu kleine Box. Es liegt auch nicht an der Atmosphäre oder einem schwachen Sender. Das Übel heisst Soundprocessing. Und zuzuschreiben haben wir’s uns selber. Genauer: unseren Ohren.
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Denn unsere Ohren sind auf eine empörende Weise dumm. Sie hören nicht etwa das, was akustisch, also physikalisch messbar angeboten wird. Sondern vor allem, was sie hören wollen. Psychoakustik heisst die Wissenschaft, die sich mit diesem Phänomen beschäftigt. Von den Psychoakustikern wissen wir zum Beispiel, dass die meisten Menschen eine sonore Männerstimme angenehm finden. Mithin kann ein Moderator, der nicht vom Zwerchfell aus und mit viel Volumen spricht, so intelligent und witzig plaudern, wie er will – die Leute hören nicht hin. Es sei denn, seine Stimme werde technisch, eben durch Soundprocessing, optimiert.
Ähnliches gilt für Frauenstimmen. Eigentlich eignen sie sich hervorragend für Verkehrsdurchsagen und sonstwie Dringliches. Experten vermuten, das habe mit einem bevorzugten Frequenzbereich in den meisten weiblichen Stimmen zu tun, um 6 Kilohertz herum. In diesem Bereich schreien nämlich auch Babies, worauf wir sinnvollerweise konditioniert sind. Doch will der Liebhaber leichter Popmusik zwischen den Musiktiteln von schreienden Babies erschreckt werden? Auch hier wird der Tonmeister Hand anlegen und die Frauenstimme lieber mit Anmut und einem Hauch Erotik auszustatten versuchen.
Eine der deprimierendsten Erkenntnisse der Psychoakustik für Radiomacher aber ist: Was laut ist, empfinden wir generell als schön, auch wenn es sich für den Kenner schrecklich anhört. Und ein perfekt abgemischtes Stück mögen wir nicht hören, wenn es zu leise ist. Seit sich dieser Zusammenhang herumgesprochen hat – und seit es beim Radio private Konkurrenz gibt, zu der wir ausweichen können, wenn unser Ohr geärgert wird, in der Schweiz seit 1984 –, gilt als Artikel eins des Grundgesetzes für populäres Radio: Laut muss er sein, der Sound. Fett.
Die zunehmende Anfettung eines Radiosounds kann man gegenwärtig in der Region Zürich live verfolgen: Radio Zürisee hat jüngst festgestellt, dass sein Sound, wie der Sounddesign-Berater Mike Fäh sagt, «zu altbacken klingt». Ein Redesign musste her. Erste Massnahme: Die Jingles, die Erkennungsmelodien eines Senders, wurden von einem professionellen Jingle-Producer auf den neusten Stand gebracht. Jetzt klingen sie satt, «volumiger», lauter. Dummerweise hören sich nun die Sprecher von Nachrichten oder vom Wetterbericht vergleichsweise dünn an. Also werden auch sie nachgebessert. Die Stimmen werden künftig «basslastiger» klingen, verspricht Radio-Zürisee-Chef Christoph Romer. Bei Dienstantritt wird sich der Moderator erst mal im Studio einloggen und damit automatisch sein persönliches Soundprocessing starten. Andere Sender arbeiten gleich mit einer personalisierten Chipkarte, auf der alle Einstellungen gespeichert sind.
Die technische Basis des Soundprocessing im Radio ist eine kleine Kiste mit ein paar Knöpfen, die so viel wie ein gut ausgestatteter Kleinwagen kostet und beim Sender meist im Keller steht: der Kompressor. Was immer aus dem Studio kommt, Rock, Pop, Klassik, Wetterbericht oder die Liveschaltung aus dem Fussballstadion – alles erreicht, bevor es ausgestrahlt wird, den Kompressor. Unkomprimiert versendet, würden sehr «dynamische» Programmteile, also etwa eine Ballade, die sehr leise und sehr laute Partien hat, Ärger machen. Zu laut heisst, die für alle Radios weltweit festgelegte Obergrenze der Signalenergie auf UKW zu überschreiten – und damit womöglich Nachbarfrequenzen zu stören. Zu leise aber bedeutet: Beim Abwaschen oder Zähneputzen hören wir nichts. Der Kompressor macht Lautes leiser und Leises lauter. Und hebt dann den Pegel des neuen Signals so weit an, dass das Bakom, das für die Kontrolle des Radios zuständige Bundesamt für Kommunikation, nicht einschreiten kann oder muss.
Nun sind Kompressoren heute weit mehr als ein Mittel, Signale zusammenzudrücken. Es sind Waffen im Kampf um Hörer, Reichweiten und Marktanteile. Besonders hoch entwickelt ist das Waffenarsenal der Sounddesigner in Deutschland, wo Hunderte von Radiostationen um die Gunst der Hörer buhlen. Einer der besten Spezialisten ist Stefan Scheurer. Er sitzt in Baden-Baden und arbeitet für die Rock- und Popwelle SWR 3, die auch weite Teile der Schweiz befunkt.
Scheurer, gelernter Medieningenieur und Moderator, erklärt die Bedeutung des Komprimierens im Radio gern am Beispiel des WDR-Intendanten Fritz Pleitgen, von dem man sich erzählt, dass er morgens ins Auto steigt und den Sendersuchlauf startet. Hört er bei einer Station nichts mehr, weiss er: Hier bin ich richtig! Auf WDR 3, der Klassikwelle des Senders. Klassische Musik, vom Tonmeister sparsam komprimiert, weil sonst die Fans auf die Barrikaden gingen, ist eben oft leise und kommt gegen den Strassenlärm nicht an. Das Gegenteil, maximale Kompression, wird bei der Werbung eingesetzt. Hier geht es nur noch um Auffallen, nicht um Purismus. Am deutlichsten erlebt man das im Fernsehen, wenn zum Beispiel ein Herz-und-Schmerz-Film für die Werbung unterbrochen wird: Alles Wissens werte über Bier, Autos und Parfum hört man bis zur Toilette.
Wer einem Kompressor bei der Arbeit zuhören möchte, dem empfiehlt der Experte, beim schwedischen House-Produzenten Eric Prydz reinzuhören. Sein Hit «Call on me» ist dermassen überkomprimiert, dass man das «Pumpen» hört: Das Schlagzeug wird kräftig zusammengestaucht, die Vokalphase umso mächtiger verstärkt. Sounddesigner sind sich einig, dass dies eigentlich eine fehlerhafte Produktion ist, die sich vermutlich übermässigem Alkoholgenuss verdankt – doch beim Publikum schlug der ausser Rand und Band geratene Kompressor grandios ein.
Nun können moderne Kompressoren wie der Optimod – ein US-Produkt, das heute wie Uhu oder Maggi Marken- und Gattungsname zugleich ist – viel mehr als Krach machen. Als Multiband-Kompressoren können sie einzelne Frequenzbereiche lauter oder leiser machen, was wieder psychoakustische Tricks erlaubt. Unterdrückt man etwa für das Ohr nicht so wichtige Bereiche, hebt dagegen den Babyschrei-Bereich an, kommt dem Hörer am Küchenradio das Programm lauter vor, obwohl Messgeräte den gleichen Pegel anzeigen. Die Psychoakustik unterscheidet nämlich zwischen objektiver Lautstärke und subjektiv empfundener «Lautheit». Mit diesem Trick arbeiten heute mehr oder weniger alle Sender. Selbst kommerzielle Klassikradios poppen Mozart und Händel auf «und locken so den Taxifahrer von der Popwelle weg», wie SWR-Mann Scheurer festgestellt hat.
Das Autoradio ist überhaupt der Ort der Wahrheit. Der Sounddesign-Praktiker rennt immer mal wieder aus dem Studio über den Parkplatz und überprüft seine jüngsten Massnahmen. Denn an keinem anderen Ort in der Radiowelt wird um die Hörergunst unerbittlicher gestritten als im Auto. Zu Hause hören wir zwei, drei Sender. Im Büro meist nur einen Dudelfunk. Doch im Auto zappen wir schon wegen der sich dauernd ändernden Empfangssituation wie die Weltmeister. Zum Erleichtern des Zappens gibt es den Autoscan, der uns die besten sechs oder zehn empfangbaren Sender sucht. Doch welche sind die besten?
Der Autoscan filtert wie unser Ohr und wählt den Krach aus. Laut ist eben schön! Kein Wunder, dass in Gebieten wie Berlin, wo sich über 30 Sender Gehör verschaffen möchten, so mancher am Limit oder auch jenseits funkt. Besonders grosszügig drehen die Sender an den Knöpfen, wenn in Deutschland zweimal im Jahr die Hörerzahl gemessen wird. Dann dröhnen die Wellen im Bussgeldbereich. In der Schweiz, wo man die Einschaltquote mit der von ausgewählten Hörern ganzjährig getragenen Radiocontrol-Uhr ermittelt, verteilt sich der Stress etwas.
Nun gibt es gottlob auch Hörer, die nicht nur das Laute suchen. Diese versucht das Radio mit einer bestimmten Atmosphäre, einer «Anmutung», zu binden. «Wenn ein hiesiger Hörer aus Frankreich in die Rheinebene kommt und SWR 3 hört, muss er das Gefühl haben, zu Hause angekommen zu sein», sagt Stefan Scheurer. Ein Sender möchte eine «corporate identity» haben, da spielt das «corporate sound design» eine wichtige Rolle.
Das Radio soll zuallererst eine Art Familie sein, die Moderatoren sind die Familienmitglieder, «die man gern duzen möchte». Elektronisch wird ihren Stimmen ein warmer Klang verpasst. Rührt man dazu noch ein paar ausgesuchte Obertöne hinein, bekommt der Sprecher eine Portion «Charisma». Man darf es allerdings nicht übertreiben mit dem sonoren Unterbau und dem «Crisp» obenrum, sonst ist das Resultat ein balzender Teppichverkäufer. Sehr grosser Wert wird heute auf allen Wellen, die mehr als Musik bieten, auf Verständlichkeit gelegt. Bei Telefoninterviews mit Hörern, die sich über Handy oder Internettelefon melden, ist das keineswegs trivial, sondern eine echte Herausforderung des Soundprocessing.
Dem aufmerksamen Radiohörer wird auffallen, dass es sehr unterschiedliche Auffassungen von «corporate sounddesign» gibt. Typischerweise sind es heute die öffentlichrechtlichen Radios, die sich dem Wettbewerb mit der Anmutung «zurückhaltend» stellen. So hat der norddeutsche Rundfunk NDR jahrelang den Trend zum lauten Flachfunk mitgemacht; jetzt rudert er zurück, will «journalistischer» werden und glaubwürdiger, und das heisst auch: ruhiger.
Eine ähnliche Entwicklung machte DRS 3 durch. Als erstes Rock- und Popradio der Schweiz hat es in den 1980ern und 1990ern voll auf Kompression und Durchsetzungsfähig keit im Frequenzband gesetzt. In der Schweiz hat DRS 3 das Formatradio eingeführt, das sein Musikprogramm auf wenige Mainstreamtitel beschränkt. Doch seit drei Jahren will man beim Geschrei der Privaten nicht mehr mitmachen. Man möchte wieder verständlicher werden. Die Sprecher sollen natürlich klingen, ihre Stimmen rund und warm. Überhaupt soll das Wort mehr Platz bekommen; die «Musikbetten» für Nachrichten zum Beispiel, also die notorische Rieselmusik, mit der Wortbeiträge untermalt werden, sind komplett aus dem Programm geflogen.
Ein Rückschritt nach vorn, der in erheblichem Masse das Soundprocessing betrifft. Es wird subtiler. Der Griff zum Kompressor wird vorsichtiger. «Schluss mit Bumm-Bumm-Radio! Wir bleiben heute weit unter dem Limit und gestatten uns so viel Dynamik wie möglich», sagt Moderationschef François Mürner. Sein Ziel: «Relevantes Radio». Man muss es sich nur leisten können. Radio DRS kann es sich leisten. Bei 64 Prozent Marktanteil und gebührenfinanzierter Rundumversorgung darf man sich und uns den Luxus der leisen Töne gönnen.
Burkhard Strassmann ist Autor der «Zeit», Schwerpunkt Wissen; er lebt in Bremen.
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