Eigentlich hätte sie die erste französische Premierministerin werden sollen - in den siebziger Jahren, wenn Giscard d'Estaing gewollt hätte, oder zur Zeit der Cohabitation, wenn Mitterrand gewollt hätte. Sie ist die populärste Politikerin und im misogynen Frankreich beliebteste Frau schlechthin geblieben: Simone Veil, seit 1979 ununterbrochen Europa-Abgeordnete und damit Frankreichs treuste Europäerin, die in Strassburg mit dem Undank des politischen Paris hadert. Ihr «sobriquet» oder landesweit bekannter, mehr respektvoller als spöttischer Übername «la mère Veil» zeugt vom ungeheilten Ödipuskomplex einer ganzen Nation, die damit verdrängt, dass sie ihr - der ersten Madame Ministre (von 1974 bis 1979 unter Giscard) - mehr zu verdanken hat als manchem männlichen Politiker.
Simone Veil empfängt, wie immer mit einem Deux-pièces bekleidet, erst reserviert, dann beredt, in ihrem Abgeordnetenbüro. Das Mütterliche an ihr dämpft ihre nervöse Resolutheit. Ihre Worte fallen schnell, aber präzis. Diese Sprache ist im guten Sinn weit hergeholt: aus einer profunden Erfahrung aufsteigend.
De profundis. Simone Veil hat drei nationalsozialistische Konzentrationslager überlebt. Darin umgekommen sind ihr Vater, der Architekt André Jacob, dem sie eine rigorose Ethik verdankt, die sie für sich selbst und andere liberalisiert, aber nicht verraten hat; ihre Mutter, Yvonne Steinmetz, der sie ihre Kultur, ihren Lebensmut, ihre Liebesfähigkeit verdankt; und ihr Bruder Jean. Nur die drei Schwestern überlebten.
Die Familie Jacob lebte in Nizza, wo Simone 1927 geboren wurde, in der bürgerlich-republikanischen, laizistischen Tradition. Der Vater war ein Veteran des Krieges 1914?18. Man konnte französischer nicht sein. Die italienischen Faschisten schützten die jüdischen Franzosen der Côte d'Azur während ihrer kurzen Okkupation vor dem Zugriff der eigenen französischen Polizei und der Gestapo.
Auch Franzosen versteckten Juden. Simone Veil nimmt ihre Landsleute vor dem Vorwurf, ein Volk von Kollaborateuren gewesen zu sein, in Schutz. Sie leidet unter dem Amalgam, das man heute oft leichthin aus dem nationalsozialistischen Genozid der Juden und der Verfolgung von Minderheiten in aller Welt macht.
Sie war gegen den Prozess Barbie, weil vierzig Jahre später das Ungeheuerliche, Unfassbare nicht mehr rekonstruierbar sei. Nicht mehr die Justiz, sondern nur noch die Gesellschaft kann, sagt Simone Veil, das allzu lange Schweigen brechen, das schon de Gaulle über das System von Pétain und Laval und deren Regime von Vichy verordnet hatte. Nur die Gesellschaft könne jene zur Rechenschaft ziehen, die sich einer Strafe entzogen hatten, aber deren Namen bekannt sind. Nach dem Krieg, erzählt Simone Veil, hatte man andere Sorgen. Das unterbrochene Studium musste fortgesetzt werden. Jurisprudenz an der Sorbonne und - ein französisches «Must» - Politische Wissenschaften an der Institution der Rue Saint-Guillaume, wo sie ihren Mann, Antoine Veil, kennenlernte. 1946 heirateten sie.
Beide schlugen zunächst eine Beamtenkarriere ein, die ein Eintauchen in den «Parisianisme» mit seinen politischen Zirkeln und Jahrgängerfreundschaften mit sich brachte. Die Veils blieben den damals noch einflussreichen Zentrumspolitikern treu, auf der Suche nach einem Liberalismus, den es in Frankreich nicht gab. Die Unabhängigkeit, die beide - er nach einer zweiten Karriere in der Wirtschaft, sie nach ihrem Ministeramt - heute mit ein wenig Eitelkeit hochhalten, sind die bitteren Kirschen einer Freiheit, welche die politische Klasse des Landes mit Misstrauen straft. Antoine Veil ist jetzt freier Unternehmensberater, Simone Veil ist in Paris heute vor allem für Umweltschutzorganisationen tätig.
Ein Zeichen gegen den künstlichen Manichäismus der Berufspolitiker setzt der «Club Vauban». Rein äusserlich eine typische Pariser Institution - jeder Politiker, der auf sich hält, hält seinen parteilichen Debattierklub -, versammelt der «Club Vauban» (die Veils wohnen in Paris an der Place Vauban) heute einmal im Monat an der Rue Bixio im Pariser Büro von Simone Veil untypisch unparteiisch Zentrumsdemokraten, Gaullisten und selbst Sozialisten. Sogar ein hoher sozialistischer Minister? fragt man in Anlehnung an ein Pariser on dit. Simone Veil will keine Namen nennen, aber die Pariser Presse weiss Bescheid.
Simone Veil fühlt sich als nunmehr «einfache» EG-Abgeordnete wohl in ihrem persönlich eingerichteten Büro im EG-Hochhaus in diesem international-europäisch-französisch-provinziell-elsässischen Strassburger Agglomerat, wo sie sich eine Woche pro Monat aufhält. Über Landesgrenzen hinweg wird man besser verstanden denn als Prophetin im eigenen Land. Sie war - als erste Frau - Präsidentin des volksgewählten EG-Parlaments, musste aber wegen einer französisch-deutschen, konservativ-liberalen Kabale nach nur zweieinhalb Jahren 1982 den Sessel vorzeitig räumen. Sie war Präsidentin der Liberalen Gruppe, bevor sie auch hier französischerseits vertrieben wurde - von Valéry Giscard d'Estaing, nachdem sie 1989 auf einer Liste der Zentrumsdemokraten gegen ihn angetreten war; sie hatte dabei ihr bisher schlechtestes Wahlresultat erreicht. Sie ist noch Mitglied der Umweltschutz- und der (aussen)politischen Kommission, international gefragt und stets auf Auslandreisen.
Es bleibt ihr wenig Zeit für Privates: der Galeriebesuch am Samstag ist heilig, die Kunstsammlung fast das einzige Hobby; an der Bürowand hängt ein modernes Bild des Pariser Malers Agam. Die einzige Leidenschaft, vom Kampf um das Recht und die Menschenrechte einmal abgesehen, bleibt ihre Familie. Aber die drei Söhne - zwei Advokaten, ein Mediziner - haben keine Zeit für die Politik. «Leider arbeiten sie zuviel.»
Die studierte Juristin hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit behalten, aber nicht für die Gerechtigkeit der Paragraphen, sondern für diejenige, die Toleranz heisst. Sie ist mehr Verteidigerin als Staatsanwältin, aber Richterin über modische und parteiliche Weichheit im Argumentieren. Dem rechtsextremen Le Pen wirft sie seinen offenen Antisemitismus weniger vor als gewissen Grünen ihren versteckten (und den Sozialisten die Nachsicht gegenüber solchen Grünen).
Das Abwägen und Vergleichen ist für sie Stärke. 1974/75 kämpfte sie mit intelligenter und hartköpfiger Überzeugungskraft als Gesundheitsministerin gegen schlimmste männliche und weibliche Anfechtungen für die «loi Veil» zur Liberalisierung der Abtreibung. Ihre Popularität rührt noch aus dieser Zeit, obwohl das Gesetz inzwischen (fast) zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist.
Heute bleibt ihr - sie sagt es mehr selbstsicher als resignierend - nur noch ihre Freiheit von jeglicher Parteimitgliedschaft, nachdem sie einige Jahre lang vergeblich versucht hatte, die liberal-konservative Wahlallianz UDF (Union pour la démocratie française), die man für Giscard d'Estaing geschaffen hatte, etwas aufgeschlossener und sozialer zu machen. Sie hat die Freiheit zu sagen, was sie für richtig hält, in der Hoffnung, dass das Differenzieren und der Respekt über Parteigrenzen hinweg doch einmal auch in Frankreich Fuss fassen könnten. Sie wünschte sich eine Koalitionsregierung, in der die Diskussion nicht in den ewiggleichen Gräben verläuft. Weil man dann nicht beweisen müsste, dass man in der richtigen Partei ist, sondern dass man die besseren Ideen hat.