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Der Feuerschlucker
Was andere kollabieren lässt, versetzt ihm einen Kick:Theo Kiapidis ist Weltmeister im Chiliessen. In zwölf Minuten schafft er 438 Gramm.
Von Eric Breitinger
Der böse Vampir hatte mich erwischt. Sein Biss brannte höllisch, ich schwitzte, ich rang um Luft, meine Nase lief, die Kopfhaut kribbelte. Kein Wunder, Vicious Vampire, zu deutsch: der böse Vampir, hat 250 000 Scoville auf der Skala, mit der Experten die Schärfe von Chilis messen. Er ist damit die schärfste Würzsauce, die man bei uns kaufen kann: 70 Mal schärfer als Tabasco, 8 Mal schärfer als Cayennepfeffer und genauso scharf wie mexikanische Habaneros, die schärfste der weltweit 500 Chilisorten.
Verabreicht hatte mir das Zeug Theo Kiapidis per Zahnstocher. Der 26-jährige Deutsch-Grieche aus Lindau am Bodensee ist einer, der gerne etwas schärfer isst als andere. Im Juni hat er das Chilischoten-Wettessen im schwäbischen Oberstenfeld gewonnen, das die Veranstalter als Weltmeisterschaft vermarkten. «Wie viel war das jetzt?» erkundigte ich mich, als mir Zunge und Lippen wieder halbwegs gehorchten. «Ach, nicht viel», sagte Kiapidis und winkte ab. «Ein halber Tropfen. Als ich für die WM trainierte, habe ich mir 10 Tage lang morgens und abends mit 20 Tropfen die Zunge eingerieben.» Danach hatte Kiapidis ein «seltsames Gefühl im Mund». Ich wäre kollabiert.
Das liegt an der Chemie. Den Stoff, der Chilischoten scharf und schmerzvoll macht, nennen Wissenschafter Capsaicin. In Reinform ist er farb- und geschmacklos, aber mörderische 16 Millionen Scoville scharf. Kommt man mit Capsaicin in Kontakt, löst es bei den Nervenenden, die sonst Verbrennungen ans Hirn melden, einen Fehlalarm aus. Die Nerven setzen einen Botenstoff in Gang, Substanz P. Die löst im Hirn das Löschprogramm aus: die bessere Durchblutung des Gewebes und die Ausschüttung von Schweiss und Sekreten, um die Hitze abzukühlen, und die Produktion schmerzlindernder, körpereigener Opiate, der Endorphine, um die Tortur zu überstehen. Wer Chilis nicht gewohnt ist, erlebt ihre Schärfe als Schmerz mit nachfolgendem Glücksgefühl. Chili-Routiniers schenkt das Capsaicin jedoch einen Kick ohne Pein. Denn der Schärfestoff hat mit der Zeit die Substanz P in den Nervenzellen abgebaut. Wenn man aufs neue scharf isst, pumpt der Körper Endorphine in die Blutbahn, aber der Schmerz bleibt aus.
Dass ihm die schärfsten Gewürze wenig anhaben können, merkte Theo Kiapidis vor anderthalb Jahren. Da mischte ihm sein bester Freund, Thai-Deutscher und Koch in einem Thairestaurant, aus Jux heimlich ein paar Chilis in den Glasnudelsalat. Kiapidis ass, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Freund war baff. Doch die Empfindlichkeit für Chilischärfe ist individuell verschieden und Kiapidis ein Naturtalent. Heute ist er versessen auf Chilis in jedweder Form: «Scharf schmeckt alles besser», sagt er. Chiliverächter mögen das für Humbug halten, weil sie Schärfe mit Schmerz gleichsetzen, aber in Wahrheit sensibilisiert das Capsaicin die Geschmacksnerven, statt sie zu schädigen.
Zugleich kann Capsaicin Leiden lindern, da es ebenjene Substanz P abbaut. Schon seit 1928 kommt Capsaicin in «ABC-Pflastern» zum Einsatz, die man sich gegen Rückenschmerzen, Hexenschuss, Ischias und Muskelschmerzen aufklebt. Als Wirkstoff in einer Salbe bekämpft es den Ausschlag der Gürtelrose. Zudem gibt es Berichte über die Behandlungserfolge von Capsaicin bei Arthritis, Kopfschmerzen, Krampfadern und Schuppenflechte. Der Chiliwirkstoff hat darüber hinaus blutgerinnungshemmende Eigenschaften und senkt möglicherweise das Risiko für Schlaganfälle und Herzkrankheiten.
Das Capsaicin lindert auch die Leiden des Theo Kiapidis. Für Journalisten war der neue Weltmeister ein gefundenes Fressen. Er schaffte es bis ins Fernsehen. Auch heute noch sprechen ihn fast täglich Unbekannte auf der Strasse an. Manchmal sagt einer: «Dich würde ich schlagen.» Dann mustert Kiapidis ihn und denkt: «Bürschchen, du klappst ja schon bei Tabasco zusammen.» So viel Selbstvertrauen ist neu für ihn, als Kind fand Theo, wenn er nach der Schule heimkam, das vorgekochte Essen im Ofen, die Mutter war in der Fabrik, der Vater auch. Migrantenalltag. Er ass masslos. Mit 23 wog er 165 Kilo. Seit er seine Liebe zu Chilis entdeckt hat, hat er 35 Kilo verloren. Das mag daran liegen, dass die scharfen Schoten Kreislauf und Verdauung ankurbeln, vielleicht liegt’s aber auch an der Vollwertdiät, an die er sich hält. Möglicherweise hat er auch nur einen Weg gefunden, sich anders mehr Gewicht zu verleihen.
Der Erfolg lässt ihn träumen. Seinen Job bei der Verkehrsüberwachung will er aufgeben, seit ein Mann vor ein paar Monaten wegen eines Fünf-Euro-Strafzettels durchdrehte und ihm auf der Strasse nachbrüllte, dass er ihn schlachten wolle. Lehrer wäre etwas, aber er hat keine Matura. Oder eine Würstchenbude aufmachen, wo die Kunden so scharf essen können wie noch nie in ihrem Leben. Die Saucen würde er selber kreieren und sich einmal im Jahr einem Wettessen stellen. Mit Überraschungen rechnet er jedoch nicht: Bei der Weltmeisterschaft löffelte er in 12 Minuten 438 Gramm gehackte Chilis in sich hinein. Am Schluss hatten alle aufgegeben, und der Europameister lag bewusstlos hinter der Bühne – eine Folge der Chili-Überdosis. In der Nacht seines Triumphs rebellierte auch Kiapidis’ Körper: Ihn quälten Magenkrämpfe, Capsaicin reizt die Schleimhaut. Er hatte es übertrieben. Aber es war bisher das einzige Mal, dass ihn die Chilis bös erwischt haben.
Eric Breitinger ist Journalist; er lebt in Pratteln BL.
Leserbriefe:
Zu Der Feuerschlucker - NZZ-Folio Schmerz (01/07)
Eventuell interessiert es den Autor, dass es seit dem Februar 2007 eine neue "schärfste" Chili gibt. Die Habanero wurde von der Bhut Jokala abgelöst mit über 1 Mio. Scoville. Der Link dazu: http://www.pepperworld.com/basics/news.htm#Bhut%20Jolokia%20Guinness Über weitere Beiträge zum Thema Chili würde ich mich sehr freuen. (Es gibt ja doch so viele, die von der Farbe und Form ganz anders aussehen und nicht nur die roten die man im M bekommt.) S.I. Kiener, per E-Mail
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