NZZ Folio 02/04 - Thema: WWW   Inhaltsverzeichnis

10 Millionen Partien Online

© Daniel Mayer, München
«Kann man das nicht irgendwie übers Internet machen?»: Alexander Zbiek. Linktext
Als er zu Hause keine Gleichgesinnten mehr fand, verlegte er Spiele, die nie für den Computer gedacht waren, in den Cyberspace. Alexander Zbiek, Spielmacher bei www.brettspielwelt.de.

Von Tom Felber

Bis sich ein Gegner meldet, verstreichen nur Sekunden. «Supersepp» hat soeben eine Anfrage gestartet, um online bei Brettspielwelt eine Partie «Lost Cities» zu spielen. Er sitzt am Computer in seiner Wohnung im Münchner Vorort Olching, sein Gegner irgendwo, vielleicht tausend Kilometer entfernt. «Sorry, bin etwas unerfahren», kommentiert «Supersepp» die ersten Züge, während sein Mitspieler nicht ahnt, dass er es in Wahrheit mit dem Entwickler der Brettspielwelt, Alexander Zbiek, zu tun hat. Zbiek ist allerdings leicht handicapiert, weil sein knapp zweijähriges Söhnchen Laurin ständig auf der Tastatur herumhämmert.

In der Brettspielwelt werden keine Computerspiele gespielt, sondern solche, die auch real als Brett- oder Kartenspiele existieren. Oft sind 800 Spieler an einem Abend gleichzeitig im Netz. Es gibt weltweit 38 000 registrierte Benutzer. 45 Multi-User- und 14 Single-User-Spiele sind online. Am 6. Januar 2004 fand die zehnmillionste Partie statt.

Für diesen Erfolg gibt es mehrere Gründe: Online kann man nicht nur leichter Mitspieler finden und sich trotzdem um die Kinder kümmern, es wird auch automatisch der Spielstand ausgerechnet – und es wird nicht geschummelt. «Wenn man gegen starke Gegner spielen und verschiedene Strategien ausreizen will, kommt man fast nicht um die Brettspielwelt herum», ist der 33-jährige Zbiek zudem überzeugt.

Angefangen hat alles 1997, erzählt Zbiek und bietet einen selbstgebackenen Haselnusskuchen an. Schuld war das Spiel des Jahres 1995, «Die Siedler von Catan» von Klaus Teuber, das damals einen wahren Brettspielboom auslöste. Mit Freunden spielte Zbiek «endlos viel». Als die Kollegen wegzogen, wollte Zbiek die Spielrunden nicht missen und fragte sich, «ob man es nicht irgendwie übers Internet machen kann». Neben seinem Informatikstudium arbeitete er im Leibniz-Rechenzentrum der Münchner Hochschulen als Nachtoperateur. In Java programmierte er während seiner Schichten «Die Siedler von Catan» und liess es über eine Webadresse des Rechenzentrums laufen. Das sprach sich herum.

So programmierte Zbiek laufend neue Spiele. Seine Lebenspartnerin Regina Michl und zwei diplomierte Mathematiker, die 2000 deutsche Mannschaftsmeister im Brettspiel geworden waren, stiessen zum Betreiberteam. Für die angebotenen Spiele zahlte Zbiek den Herstellern nie Lizenzgebühren. Zu Beginn fragte er die Verlage nicht einmal an, ob er die Spiele online anbieten dürfe. Das hat sich geändert. Aber solange sie nicht kommerziell ist, wird die Brettspielwelt von den Verlagen toleriert, zum Teil sogar gefördert. Bereits in den Spielregeln zu «Carcassonne» fand sich ein Hinweis auf die Brettspielwelt. Die Website ist nach wie vor Hobby ohne finanziellen Gewinn. Ihren Lebensunterhalt verdienen Zbiek und seine beiden Kollegen inzwischen mit einem Projektauftrag von Catan-Erfinder Klaus Teuber. Für T-Online entwickeln sie die «CatanOnlineWelt».

Die Brettspielwelt hat ein virtuelles Eigenleben entwickelt, an dem die Benutzer tatkräftig mitarbeiten. Sie verfügt über eine Weltkarte mit Regionen wie der «Ebene der trockenen Kehlen» oder den «Feldern der Fruchtbarkeit». In den Regionen gibt es Rohstoffe, und die Benutzer können auch Städte gründen. Mittlerweile sind es 106. Als User kann man Bürger einer Stadt werden und sich später auch zum Bürgermeister wählen lassen. Es werden Steuern in Form von virtuell erspielten Talern erhoben. Mit den Talern kann man Rohstoffe kaufen, mit Rohstoffen Häuser bauen.

Häuser klickt man an, um darin Spiele zu spielen. Je nach Anzahl gespielter Spiele steigt ein Benutzer vom Bettler über den Kaufmann bis zum Fürsten, Baron oder zur Prinzessin auf. Wer lieber Single-User-Spiele spielt, wählt die «geistliche» Richtung, die vom Ministranten zum Kardinal führt. Zu jedem Spiel gibt es eine Gilde samt Gildenmeister. In unzähligen Ligen bis hin zur Champions League werden Meisterschaften ausgetragen. Im Dezember 2003 gab es die ersten Olympischen Spiele. Die Statistik hält alles fest: die seit 1999 gespielten Spiele, die Gewinnquoten, wer um welche Tageszeit spielt, dass HagenX schon 6395 «Lost Cities»-Partien gespielt hat.

Für Alexander Zbiek ist der soziale Aspekt, das Chatten während der Spiele, wichtig. «Ich sitze oft vor dem Computer und lache mir einen Ast.» Die meisten Benutzer spielen nach wie vor lieber mit Gegnern in der realen Welt. Es gibt regelmässige Treffen, zum Beispiel auf der Burg Rieneck bei Frankfurt. Gegen die Abgabe von Spieltalern kann man auch die Brettspielwelt-Zeitschrift «Yell» online abonnieren. In der Dezemberausgabe startete eine Serie mit «Lovestories» über Begegnungen in der Brettspielwelt, die zu realen Liebesbeziehungen führten. Darin hat der zweifache Vater Zbiek Erfahrung: Er lernte seine Partnerin beim Chatten in der Brettspielwelt kennen.

Tom Felber ist NZZ-Redaktor im Ressort Zürich.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.