NZZ Folio 09/96 - Thema: Krank im Kopf   Inhaltsverzeichnis

Zahlen bitte -- Ungenaue Genauigkeit

Von Herbert Cerutti

IN DER MATHEMATIK gehört Genauigkeit zu den Grundregeln: 23 × 72 sind nun mal 1656 - und nicht eins mehr oder eins weniger. Genauigkeit kann aber zum Unsinn werden, wenn sie dort gepflegt wird, wo sie nicht hingehört. So geisterte vor ein paar Jahren die Meldung durch die Presse, die Mafia mache in Italien jährlich einen Umsatz von 23,42 Milliarden Franken. Nach anfänglicher Verwunderung, wie man die dunklen Geschäfte der kriminellen Organisation so genau kennen könne, löste sich das Rätsel, als man las, dass der Meldung eine italienische Studie zugrunde lag, die das Mafiageschäft auf 20 Billionen Lire schätzte. Und wenn im Biologiebuch die Maximalgeschwindigkeit der Weinbergschnecke mit 0,00324 Kilometern pro Stunde angegeben wird, ist ebenfalls mit der Genauigkeit Unfug getrieben worden.

Die Verlockung ist offensichtlich: Genauigkeit weckt Vertrauen. So sagt die Bibel, Methusalem sei 969 Jahre alt geworden, und für die Bundeslade habe man Gold im Gewicht von 29 Talenten und 730 Schekeln verwendet. Damit hatten die Autoren allfällige Zweifel an der Sache gründlich ausgeräumt. Aus dem gleichen Grund steht heute in der Spesenabrechnung weit eher «für Büromaterial Fr. 68.75» als «70 Franken».

Dass selbst renommierte Wissenschafter der Verführung erliegen, zeigt das Beispiel von Robert Peary. Der amerikanische Polarforscher hatte am 6. April 1909 als erster Mensch den Nordpol erreicht. Als Beweis stand in seinem Tagebuch die Position 89 Grad, 57 Minuten und 11 Sekunden nördlicher Breite, ein Ort rund 5 Kilometer vom Pol entfernt. Für damalige Ansprüche war dies ein Volltreffer - Peary hatte sein ehrgeiziges Ziel erreicht. Jahre später entbrannte um den Sieg Pearys eine heftige Kontroverse. Fachleute hatten gemerkt, dass die angegebene Genauigkeit unmöglich stimmen konnte. Denn eine Bogensekunde entspricht 30 Metern, eine Präzision, wie sie selbst heute nur mit moderner Satellitennavigation erreichbar ist. Pearys Freunde mussten eingestehen, dass ihr Held mit seinen Mitteln die Position bestenfalls auf einige Bogenminuten genau messen konnte. Die zusätzlichen Ziffern hatte er schlicht erfunden.


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