Während die Kutsche über das Kopfsteinpflaster rollt, haben wir Zeit, zwei unserer Reisegefährten etwas genauer zu betrachten und mit halbem Ohr ihrer Unterhaltung zu folgen. A ist eine kleingewachsene, bucklige Frau. Da sie niemals Gewicht auf äussere Wohlgefälligkeit gelegt hat, geht sie gekleidet wie eine Dame von sechzig bis siebzig Jahren. Auf ihren grauen, gepolsterten Ohrlocken sitzt eine Haube mit grünen Bändern, die über die schmalen Kinderschultern hinabfallen, und nie ist an ihrem kümmerlichen Kleidchen etwas wie Putz gesehen worden - ausgenommen die grosse, ovale Brosche, auf der in Porzellanmalerei das Bild ihrer Mutter prangt. B ist ein kräftiger Mann von vielleicht dreissig Jahren. Er ist mit einem grauen Rock, einem schwarzen Hut mit einer Kokarde, einer fleischfarbigen, gestreiften Weste, lichten Beinkleidern und Gamaschen ausstaffiert. A spricht mit lebhafter und stossweiser Bewegung des Unterkiefers und einem schnellen, eindringlichen Kopfschütteln, exakt und dialektfrei, dabei mit so viel Nachdruck, dass mitunter alle Vokale ihre Plätze wechseln, während B, zumindest in der hier beigezogenen Übertragung ins Deutsche, die von einem Zuchtmeister des Fachs aufs höchste gerühmt wurde, bisweilen berlinert. B trinkt Bier aus einem Deckelkrug und rülpst vernehmlich.
A: Das schickt sich nicht, mein Herr!
B: Vorbei ist vorbei, und die Sache lässt sich nicht mehr ändern. Das ist ein Trost, wie sie in der Türkei sagen, wenn sie dem Unrechten den Kopf abgeschlagen haben. Bin och keen Herr nich, sondern loofe einem mal voraus, mal hinterher.
A: So sind Sie Leibdiener?
B: Manchmal weiss ich selber nich, ob ich nen Bedienten, nen Stallknecht, nen Wildhüter oder einen Portier vorstellen soll. Scheine mir so ne Art Ragout von all dem zu sein. Un wat treiben Sie so?
A: Ich habe mich mein Leben lang um die Erziehung junger Mädchen gekümmert. Meine Zöglinge waren nicht zahlreich, denn die Pension nahm nur grössere Mädchen auf und besass, auch für externe Schülerinnen, nur die drei ersten Schulklassen; auch sah ich mit Strenge darauf, dass nur Töchter aus guten Familien ins Haus kamen.
B: Du grüne Neune, jibt et so wat immer noch! Is det nich langsam Schnee von jestern?
A: Keineswegs. Takt kennt keine Moden. Doch bin ich auch nicht mehr die jüngste und hatte viele Jahre meine ältere Schwester zu versorgen. Sie war von ihrem verstorbenen Gatten mittellos im Leben zurückgelassen worden und ertaubte nach und nach. Glücklicherweise machte sie sich kaum Gedanken darüber. Mein Gott, sie war ein Kind, sie ist niemals auf einen Zweifel gestossen, sie hat niemals einen Kampf zu bestehen gehabt. - Aber erlauben Sie: Für einen Leibdiener erscheint mir Ihr Aufzug etwas - eigenwillig.
B: Wirklich? Alles nagelneu aus dem Trödlerladen. Erspart die lästige und unbequeme Formalität des Massnehmens. Da hätten Sie mir mal sehen sollen, wie ich noch Stiefelputzer war im «Weissen Hirsch» oben - da war ich noch nich so geschniegelt wie heute! Gottseidank hat mein Herr mich dann da weggeholt - für zwölf Pfund im Jahr und zwei Anzüge.
A: Was sind denn die Obliegenheiten Ihres Herrn?
B: Er reist mit drei olle Dösköppe, was seine Freunde sind, durchs Land und erforscht mal dies, mal jenes, mal nen Tümpel und mal ne Inschrift. Viel kommt nich raus dabei, wenn Se mich fragen, aber ein herzensguter Mensch isser, mit nem starken Rechtsempfinden, und man kommt rum in der Welt. Wir machen nich Bankrott, werden aber auch nicht reich. Wir essen unseren Schöpsenbraten ohne Kapern und kümmern uns wenig um Meerrettich, wenn wir Ochsenfleisch kriegen können. Un Sie sinn auch immer wacker uff Trebe?
A: Nicht doch! Mein Platz auf der Welt ist das ziegelrote Vorstadthäuschen mit dem nett gehaltenen Garten am Mühlenbrink Numero 7! Hierhin hat der Herrgott mich gestellt . . .
B: Und wo fahrn Se jetz hin?
A: Ich bin zu Gast bei einer ehemaligen Schülerin. Leider hat sie nicht nur Glück gehabt im Leben. In zwei schlechte Ehen ist sie hineingestolpert, das gute Kind; erst ist sie an einen Agenten geraten, der falliert hat, und dann an einen Münchner, der die «Hetz», wie er sich ausdrückte, nicht schätzte. Nun ist auch noch ihr kleiner Neffe an Typhus gestorben, so ein begabter Junge! Ich hatte ihn immer gern bei mir, mit seinen Lieben, jeweils am dritten Weihnachtsabend, zu «Bischof», einem roten und süssen Punsch, der kalt getrunken wird und von dem ich einmal eine Kanne über die ganze Bescherung schüttete. Stets dachte ich, dass dies mein letztes Weihnachtsfest sei - und nun ist er ein Engel. Da hilft nur die Gewissheit, dass es ein Wiedersehen gibt -
B: Und dann auf immer, wie der Schendlmän zur Fünffundnote sagte!
A: Es ist nicht recht, über diese Dinge zu scherzen! Lassen Sie sich sagen, dass es nicht wohlgetan ist!
Die Kutsche hält, und A steigt aus. Im Weggehen wirkt sie noch winziger als vorhin im Gespräch. Bleibt anzumerken, dass B auch weiterhin so seinem Herrn anhängen wird, dass dieser ihn geradezu zwingen muss, mit dem Mädchen, dass er liebt, einen Hausstand zu gründen. A aber wird bei der Einladung, von der sie sprach, das letzte Wort behalten. Übrigens verbindet die beiden nicht nur das Alter ihrer Schöpfer - sie waren 25jährig -, sondern sie tragen auch, wenn wir von A's Kosenamen ausgehen, den sie sich in Kindertagen selbst gegeben und behalten hat, die gleichen Initialen.
Auflösung Rätsel Folio Nr. 9: A ist Sesemi Weichbrodt aus Thomas Manns «Buddenbrooks (1901); B ist Samuel Weller aus Charles Dickens' «Pickwick Papers» (1837), übersetzt von Gustav Meyrink, der von Arno Schmidt (dem Zuchtmeister) gerühmt wurde.