Seit einem Jahr haben unsere Leserinnen und Leser einen Vogel. Ein am 27. Februar 2005 im Natur- und Tierpark Goldau geschlüpftes Bartgeierküken wurde im Rahmen des internationalen Projekts zur Wiederansiedelung des Bartgeiers in den Alpen ausgewildert. Da ein so prächtiger Vogel auch einen ordentlichen Namen braucht, übernahm die Folio-Redaktion die Patenschaft und taufte die junge Bartgeierdame «Folio». Am selben Tag wie Folio war im Waadtländer Zoo de la Garenne ein weiteres Bartgeierweibchen geschlüpft, «Natura», auserkoren für ein Leben in Freiheit.
Am 11. Juni 2005 tragen Parkwächter die beiden 104 Tage alten und 5 Kilogramm schweren Jungvögel in Kisten ins Val Stabelchod und setzen die noch nicht flugfähigen Tiere in einer geschützten Felsnische aus. Von einer kleinen Holzhütte aus werden die beiden Vögel alle zwei bis drei Tage mit Fleisch versorgt und während der ersten sechs Wochen rund um die Uhr überwacht. In zwei bis drei Wochen sollten sie dann mit dem Fliegen beginnen. Bis sie selber ihr Fressen finden – Aas und Knochen von verendetem Wild –, werden weitere Wochen vergehen.
Die Tage und Nächte in der gemeinsamen Kinderstube sind nicht nur friedlich. Folio zeigt ein recht aggressives Verhalten. Sie stört Natura oft beim Fressen, was gelegentlich in Raufereien ausartet. Beide Vögel recken immer wieder die Flügel und machen Flugübungen. Am 17. Juni dann flattert Natura wild mit den Flügeln und äugt neugierig ins Tal hinunter. Eine sanfte Brise zieht den Hang hinauf und sorgt für günstigen Aufwind. Die Beobachter im Hüttchen erwarten, dass der 110 Tage alte Bartgeier erst in einer Woche zum Erstflug starten wird. Um 14 Uhr 30 gellt aber plötzlich der Warnruf eines Murmeltiers durchs Tal, und Natura segelt in der Luft. Nach spektakulären anderthalb Minuten landet sie etwas unbeholfen in einer Steinhalde.
Für Folio müssen die nächsten Wochen schrecklich gewesen sein. Während Natura bereits die höchsten Gipfel rund um das Val Stabelchod umkreist, hockt sie nach wie vor im Kinderzimmer. Zu allem Elend tauchen jetzt wiederholt fremde Bartgeier im Tal auf, die sich spielerisch mit Natura in den Lüften tummeln. Zum Trost macht sich Folio über die ausgelegten Fleischstücke und die Knochen her.
Bartgeier-Sturzflug
Am 29. Juli, Folio ist jetzt bereits 122 Tage alt, steht sie beim Nest am Rande eines kleinen Felsens und wippt den Körper immer wieder nach vorn. Als Zeichen der Anspannung färben sich die Augenringe rot. Um 14 Uhr bläst ein günstiger Aufwind. Folio spannt die mächtigen Schwingen. Und endlich ist auch sie in der Luft. Nach ein paar Runden steuert Folio mit Volldampf auf einen steilen Gegenhang zu. Dem Beobachter stockt der Atem. Im Landen noch völlig unerfahren, knallt Folio unsanft ins Gras.
Rasch steckt sie den Patzer weg und erkundet munter die neue Umgebung. Bald schon dreht Folio anmutig ihre Runden. Manchmal kommen Bergdohlen zu Besuch, umkreisen neugierig den riesigen Vogel und verleiten den jungen Bartgeier zu eindrücklichen Luftspielen. Da Folios Flugmuskeln noch nicht voll ausgebildet sind, muss sie nach ein paar Flugminuten eine Zwischenlandung einschieben.
Die Betreuer wissen auch ohne Sichtkontakt, wo sich ihre Schützlinge aufhalten. Erstmals mit Erfolg im Juni 2004 am Bartgeierweibchen Ortler im Nationalpark Stilfserjoch ausprobiert, wurde nun auch bei Folio und Natura eine elektronische Fernvermessung eingesetzt. Ein mit einem Band auf dem Vogelrücken befestigter, 100 Gramm leichter Radiosender meldet über einen Satelliten den jeweiligen Aufenthaltsort der Tiere. Projektverantwortlicher für diese Satellitentelemetrie ist der Zoologe Daniel Hegglin. Über den Link «Bartgeier unterwegs» auf der Internetseite www.bartgeier.ch kann auch das Publikum den alpinen Vogelflug mitverfolgen.
Während das mittlerweile anderthalbjährige Bartgeierweibchen Ortler im Sommer 2005 von seinem Auswilderungsort in Südtirol bereits 400 Kilometer weit bis in die französischen Westalpen düst, kreisen Folio und Natura vorläufig noch in der ihnen vertrauten Umgebung des Val Stabelchod. Gelegentlich streiten sich die Damen noch am Futterplatz. Weit häufiger aber drehen sie in Eintracht gemeinsame Runden.
Am Morgen des 9. August kriegt das Überwachungsteam einen gehörigen Schreck. Beim Abrufen der Satellitendaten meldet das im Sender eingebaute Thermometer eine Temperatur von nur noch 4 Grad, während es infolge der Körperwärme doch mindestens 18 Grad sein sollten. Die Angst, dem kostbaren Vogel sei etwas zugestossen, weicht grosser Erleichterung, als Folio im Laufe des Tages heil am Himmel auftaucht. Sie hat ihren Sender verloren. Vermutlich hat sie bei der Pflege des Gefieders auch das Sendergeschirr mit dem Schnabel erwischt.
Lückenloses Erfassen der individuellen Aufenthaltsorte der freigelassenen Bartgeier ist für das internationale Bartgeierprojekt von grosser Bedeutung. Und so macht sich das Forscherteam sofort an die Arbeit, den verlorenen Sender zu ersetzen. Dazu muss Folio aber eingefangen werden. Eine heikle Sache, denn die Zeit in freier Wildbahn hat den Vogel scheu werden lassen. Ein paar Tage nach dem Senderverlust scheint die Lage günstig. Folio hat als Schlafplatz eine Nische in einer niedrigen Felswand gewählt, die für die Betreuer zugänglich ist.
Wie Indianer schleichen sich die Fänger in der Dämmerung bis auf wenige Meter an Folio heran. Das junge Bartgeierweibchen ist jedoch auf der Hut. Die dramatischen nächsten Minuten schildert Daniel Hegglin auf der Bartgeier-Homepage: «Unendlich langsam, Zentimeter um Zentimeter, nähern wir uns. Nur ein Handgriff fehlt noch für den Rückfang. Da hebt Folio ihr Hinterteil, spritzt die Überreste ihrer letzten Mahlzeit auf unsere Kleider und entschwindet mit leichtem Flügelschlag in den dämmerigen Himmel.»
Strichcode am Himmel
Folios Abschied aus der Satellitentelemetrie ist bedauerlich, aber keine Katastrophe. Denn schon seit dem Beginn des Bartgeierprojekts vor zwanzig Jahren hat man die Jungvögel vor der Freisetzung optisch markiert, so dass man sie auch in grosser Flughöhe identifizieren kann. Der Trick: Noch in der Zuchtstation werden dem Tier einige der braunschwarzen Federn an den Schwingen und am Schwanz mit Wasserstoffsuperoxid gebleicht, durch eine individuelle Auswahl der Federn schwebt ein persönlicher Strichcode am Himmel. Im dritten Altersjahr verliert der Bartgeier mit der Mauser allerdings sein Jugendkleid und damit das künstliche Erkennungsmuster.
Am 4. September 2005 entdeckt eine Touristin in Vorarlberg einen Bartgeier, der Richtung Piz Buin zieht. Das Foto zeigt ein Federmuster, das eindeutig Folio gehört. Nur drei Tage später sichtet ein Wanderer Folio auf der Wetterspitze nördlich von Landeck, 80 Kilometer vom Auswilderungsplatz entfernt. Im Spätherbst wird Folio sowohl im Unterengadin als auch in Tirol beobachtet. Sie gibt sich ausgesprochen sozial, mal kreist sie mit einem jungen Bartgeier, mal mit drei Adlern. Da der junge Bartgeier keine Federmarkierungen zeigte, muss er zum Bestand des in Freiheit geborenen Nachwuchses gehören.
Es ist nicht selbstverständlich, dass Bartgeier den ersten Winter in der Wildnis überleben. Die Kargheit wird erst zur reich gedeckten Tafel, wenn die Schneeschmelze die Wildtiere freigibt, die durch Hunger oder Lawinen umgekommen sind. Dass Folio die weisse Bewährung gemeistert hat, zeigen Ende April 2006 Meldungen aus Juppa im Averstal sowie Sils im Oberengadin.
Bis Folio selber Nachwuchs haben wird, dürfte aber noch mancher Winter vergehen, denn Bartgeier werden erst mit sechs bis acht Jahren geschlechtsreif. Das Fortpflanzen in freier Natur ist der Beweis, dass sich ausgewilderte Tiere in der Wildbahn zurechtfinden. Seit der ersten Auswilderung eines Bartgeiers 1986 im österreichischen Rauristal sind bis im Sommer 2006 in den Alpen 144 Bartgeier freigelassen worden. Die erste erfolgreiche Wildbrut ereignete sich 1997 in Hochsavoyen. Mittlerweile sind in den Alpen 34 Bartgeier geboren worden. Von den 179 Bartgeiern haben etwa 120 überlebt.
Im Schweizerischen Nationalpark sind zwischen 1991 und 2005 insgesamt 24 junge Bartgeier ausgewildert worden. Gebrütet aber hat in den Schweizer Alpen bisher noch kein Paar. Im angrenzenden italienischen Nationalpark Stilfserjoch brüten indes regelmässig drei Paare, die sich vorwiegend aus Bartgeiern der Engadiner Auswilderung gebildet haben. Wir hoffen, dass Folio dereinst neben Fressen und Fliegen mütterliche Talente zeigen wird.