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NZZ Folio 08/03 - Thema: Wir Affen   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich fahre Taxi, bis ich tot umfalle

© Christina Förch
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Von Christina Förch

SUHAIR KAYES, BEIRUT (RL), ist 44 Jahre alt, verheiratet, hat eine Tochter. Sein Hobby ist Lesen, vor allem Lenin, von dem er immer ein Buch dabeihat. Er fährt einen alten Mercedes, Baujahr 1975. Der Tachometer ist längst kaputt, den Motor hat er viermal ausgewechselt. Beirut, die Hauptstadt Libanons, hat 1,5 Millionen Einwohner.
Suhair Kayes verdient im Monat etwa 990 000 libanesische Pfund (umgerechnet 880 Franken). Davon lebt die dreiköpfige Familie, und auch die Eltern werden mitversorgt. Die 5-Zimmer-Eigentumswohnung kostet monatlich 460 Franken, die Suhairs Frau bezahlt. Sie ist Grafikerin.
Taxameter gibt es nicht. Eine Fahrt im Sammeltaxi kostet normalerweise 90 Rappen, eine Taxifahrt CHF 4.50.


Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?

Etwa 50 Stunden. Vormittags bin ich als Fahrer bei der Radiostation Stimme des Volkes angestellt, nachmittags fahre ich selbständig das Sammeltaxi.

Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?

Eine private Altersvorsorge kann ich mir nicht leisten, und eine staatliche gibt es nicht. Wir leben in einem unterentwickelten Land. Was Lenin sagte – «Einen Schritt vorwärts, zwei zurück» –, stimmt leider für Libanon. Ich werde Taxi fahren, bis ich tot umfalle. Hoffentlich hilft mir meine Tochter im Alter – aber eine Garantie dafür gibt es nicht.

Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?

Ich war noch nie im Urlaub, es ist zu teuer, in einem Hotel zu übernachten. Aber Libanon ist ein sehr schönes Land. Am Wochenende fahre ich mit meiner Familie in die Berge oder an den Strand.

Warum wurden Sie Taxifahrer?

Ich hatte keine Wahl. Meine alte Firma ist Bankrott gegangen, und in Libanon gibt’s keine Jobs. Da wurde ich eben Taxifahrer, es war die einfachste Art, Geld zu verdienen – dachte ich.

Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?

Rund 100 Kilometer. Beirut ist klein, aber chaotisch. Kurze Fahrten ermüden mehr als lange auf der Autobahn. In Beirut schalte ich fast nie in den 4. Gang und verbrauche viel Benzin.

Welches war Ihre längste Fahrt?

Einmal kam mich ein Freund mit seiner Frau besuchen. Beide wohnen im Ausland. Ich habe sie auf eine Tagestour in den Norden Libanons mitgenommen, das waren 200 Kilometer.

Was tun Sie in den Wartezeiten?

Ich habe keine, ich fahre herum und hoffe, Passagiere einzusammeln!

Wer war Ihr prominentester Fahrgast?

Die libanesische Prominenz nimmt keine Taxis, vor allem keine Sammeltaxis – die sind für die Armen da.

Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?

Normalerweise geben die Leute dem Fahrer eines Sammeltaxis kein Trinkgeld. Aber einmal liess eine Jordanierin ihre Handtasche liegen, mit Pass und allem. Als ich es merkte, suchte ich nach der Frau. Sie hatte mir gesagt, dass sie auf der Hamra einkaufen gehen wolle. Tatsächlich fand ich sie! Sie gab mir 50 Dollar und schickte mir eine Postkarte aus Jordanien.

Wie reagieren Sie im Stau?

Am Anfang habe ich auf die Politiker geflucht. Jetzt bin ich dran gewöhnt. In Beirut steckt man immer fest.

Sprechen Sie mit den Fahrgästen?

Meistens schimpfen wir gemeinsam über die Politiker. Die sind doch alle korrupt. Ein paar Mal war auch schon ein Geheimdienstagent mein Fahrgast. Aber normalerweise stellen die so dumme Fragen, dass ich das sofort merke. Dann halte ich die Klappe oder sage, alles sei wunderbar.

Wie hoch war Ihre teuerste Busse?

Einmal habe ich ein Polizeiauto angehupt, das beinahe in mich reingefahren wäre. Ich sollte 225 Franken Busse zahlen. Zum Glück hatte ich einen Anwalt mit Beziehungen zur Polizei.

Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin vom Flughafen aus?

Der schönste Ort ist «Chez André», eine Kneipe auf der Hamra. Da gehe ich ab und zu hin und betrinke mich. Eine Fahrt dorthin in meinem Taxi kostet neun Franken, in einem Flughafentaxi mindestens das Doppelte.

Haben Sie Angst vor Überfällen?

Ich fahre nicht mehr nachts. Früher hatte ich Angst vor Überfällen. Einmal wollte ein Mann unbedingt in eine kleine dunkle Strasse in der Beiruter Vorstadt. Er war irgendwie seltsam. Ich hielt an, stellte den Motor ab und sagte, ich hätte eine Panne. Da stieg er zum Glück aus.

Womit verwöhnen Sie sich?

Wenn ich nach Hause komme, dusche ich, und dann spiele ich mit meiner kleinen Tochter.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Ich würde unseren Premierminister dafür bezahlen, dass er einen Tag lang als Taxifahrer arbeitet. 


LIBANON
Einwohner: 4 328 000
BIP pro Kopf: CHF 5690
Benzin: 1 l CHF 0.95
Milch: 1 l CHF 1.60
Coca-Cola: 1 l CHF 0.90
Brot: 1 kg CHF 0.90
Reis: 1 kg CHF 2.25
Kinobillett: CHF 6.25
Zigaretten: 1 Packung CHF 0.90


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