NZZ Folio 09/09 - Thema: Der Lehrlingsreport   Inhaltsverzeichnis

Handwerker de luxe

© Markus Bühler-Rasom, Zürich
Er erschafft Kunstwerke aus Mahagoni für Asphalt und Wasser: Jan Lüscher, Skateboarder und Bootsbauerlehrling bei Pedrazzini in Bäch. Linktext
Seine Hände erschaffen, was nur wenige sich leisten können, seine Fähigkeiten werden auch in anderen Branchen gefragt sein: Jan Lüscher, Bootsbauerlehrling bei Pedrazzini in Bäch.

Von Gudrun Sachse

Der Ort Bäch am Zürichsee ist vor allem als Steuerzuflucht bekannt. Dabei ist Bäch vor allem eins: sehr schön. Am schönsten wohl ist der Arbeitsplatz von Jan Lüscher, Bootsbauerlehrling bei Pedrazzini. Die Werft öffnet sich über zwei Stockwerke zum See hin, die Mittagssonne prallt auf das Wasser, am gegenüberliegenden Ufer liegen Weinberge, und in der Grösse von Zahnstochern sind Kirchtürme auszumachen.

In einer der Werkhallen liegt ein Schiffsrumpf. Hunderte Schraubzwingen bringen das Holz in Form, wie Lockenwickler widerspenstiges Haar. Jährlich verlassen nur acht Schiffe die Werft. Es duftet nach Harz, Leim und Öl, im Hintergrund surren Bohrmaschinen, gleichmässig streichen Pinsel über Holzleisten. Hier werden die Schwäne unter den Wasservögeln hergestellt, Run-abouts, Mahagoni-Kunstwerke, die schon in den 1950er Jahren den Playboys dazu dienten, Stars wie Brigitte Bardot von ihrem vortrefflichen Geschmack zu überzeugen.

Als Jan in seinem ersten Lehrjahr mit einem Hebekran ein solches Boot vom Trockenlager ins Wasser lassen musste, tat er das mit Bedacht, aber ohne Nervosität. «Das Handwerk fasziniert mich, nicht der Luxus», sagt der 19jährige. Dass er sich von seinem Lehrlingslohn von 800 Franken nicht mal den schlichten Schriftzug für den Bootsnamen leisten könnte, kommentiert er mit einem Achselzucken – «Was soll’s.»

In Bäch werden nur drei Modelle hergestellt, die Capri ist mit einer Länge von 7,45 Metern und 320 PS das kleinste Boot, und das günstigste ab 300 000 Franken. Hinzu kommen Extrawünsche der Kunden: Sonnenverdeck 3900 Franken, Ersatzpropeller 1500 Franken, Bugstrahler 11 000 Franken. Die Vivale und die Special sind noch exklusiver. Sie kosten mehr als eine halbe Million.

Jan kauert in blauen Arbeitshosen und einem Sweater auf dem Teakholzboden einer Capri und passt die Schränke im Schiffsinnern an. Er war bei ihrem Entstehen dabei, von der Lockenwicklerphase bis zum Innenausbau, den Polstern aus feinstem weissem Leder. In wenigen Wochen wird dieses Run-about in die Ukraine verfrachtet. Bis dahin werden 2000 Arbeitsstunden vergangen sein, mindestens. Allein der Beschlag am Bug des Schiffs hat 20 Stunden beansprucht. Er ist ein Paradestück, das nur von gestandenen Bootsbauern wie Jürg Merens gefertigt werden kann. «Es ist extrem, was der alles kann», sagt Jan bewundernd. Jürg ­Merens ist Anfang fünfzig, sonnengebräunt, drahtig und Jans Lehrmeister.

Der Lehrmeister und sein Lehrling – man ist sich kollegial verbunden. Merens ist kein Vaterersatz und auch kein Oberlehrer. Und Jan ist keiner, «dem man hinterherrufen muss», so Merens. Jährlich schliessen in der Schweiz 15 bis 20 Bootsbauer die Ausbildung ab. Bootsbauer sind Schlosser, Sattler, Schreiner und Zimmermann, sie sind Allrounder, und das macht sie begehrt als Formenbauer beim Formel-1-Team Sauber, bei Flugzeugbauern wie Pilatus oder in der Möbelindustrie. «Jan arbeitet sehr selbständig», lobt der Meister. Der Lehrling fixiert verlegen den Boden der Werkhalle, eine Locke fällt ihm ins Gesicht. «Schneid endlich mal den Zopf ab», sagt Merens. «Sicher nicht!»

Jan Lüscher kommt aus dem Fricktal. Dort gibt es Kirschbäume, aber keinen See, und doch soll Jan bereits als Kind auf Familienbildern mit Schiffchen in der Hand zu sehen sein. «Ehrlich gesagt, wäre mir jede Lehre recht gewesen, nur weiter in die Schule zu gehen, hätte ich nicht überlebt», sagt er. Seit Lehrbeginn wohnt er in einem Zimmer in Wollerau. Jedes Wochenende fährt er zu seinen Eltern, in der Reisetasche die Schmutzwäsche. Sonntagabends ist die Tasche wieder prall gefüllt, mit sauberer Wäsche und zusammengerafften Lebensmitteln.

Er brauche nicht viel zum Leben, sagt Jan. Am wichtigsten sind ihm ein Full-Face-Helm, die Skibrille und seine Skateboards, die er nach Feierabend in der Bootswerft entwirft und zimmert. Das dafür verbrauchte Material wird notiert und vom Lohn abgezogen, «der Chef ist gross­zügig».

Und so kommt Jan morgens mit seinem Brett zur Arbeit. Er rast die steile Strasse nach Bäch hinab, sportlich und kühn, unter seinen Füssen ein Mahagoni-Kunstwerk, das heutige Brigitte Bardots bewundernd umschauen lässt.

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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