NZZ Folio 06/03 - Thema: Düfte   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Marine Hausbesetzer

Von Herbert Cerutti

EINE WOGE HAT das Haus einer prächtigen Wellhornschnecke an den Strand gespült. Bald schon huscht ein Einsiedlerkrebs über den Sand. Er schreitet allerdings nur auf seinen drei Paar Laufbeinen; der Körperhinterteil mit den restlichen vier Beinen steckt in einem leeren Schneckenhaus. Das Kalkgehäuse dient dem Krebs als Schutzpanzer und wird auch auf der Futtersuche mitgeschleppt.

Mit den Antennen und den Scheren inspiziert der Krebs nun das angeschwemmte Haus sorgfältig. Als er erkennt, dass es leer ist und mehr Platz bietet als der bisherige Container am Hinterteil, verlässt er flink die alte Stube und schlüpft ins grössere Haus.

Minuten später taucht ein weiterer Einsiedlerkrebs bei der nun verlassenen Altwohnung des ersten Krebses auf. Und da sich auch ihm die Chance für ein Upgrade bietet, wechselt er ebenfalls die Wohnung. Im Laufe weniger Stunden kann so eine längere Kette von Mieterwechseln stattfinden – unserem Immobilienmarkt ähnlich, wo das Freiwerden eines attraktiven Objekts nicht selten eine ganze Zügelserie auslöst.

Die Suche nach einer grösseren Wohnung ist für den Einsiedlerkrebs lebensnotwendig. Denn als er vor Jahrmillionen auf die Taktik verfiel, den Panzer eines leeren Schnecken hauses als Schutz zu verwenden, musste er seinen Körper entsprechend optimieren.

So verlor der Hinterleib das bei Krebsen übliche äussere Skelett und wurde zum weichhäutigen Körperteil mit einer gekrümmten Form, die den Windungen der Schneckenschale angepasst ist. Die hinteren Beine wandelten sich zu Stummelgliedern, die mit Warzen ausgerüstet das Haus von innen her festhalten können. Und eine der beiden Scheren an den Vorderfüssen vergrösserte sich stark – eine gepanzerte Haustüre, sobald sich der Einsiedlerkrebs in seinem Schneckenhaus verkrochen hat.

Krebse können nur wachsen, indem sie alle paar Monate ihren Panzer aus Kalk und Chitin auflösen und sich eine Nummer grösser einkleiden. Beim Einsiedlerkrebs braucht die stattlicher werdende Figur auch das adäquate Heim, was das Tier im Lauf der Entwicklung immer wieder zur Wohnungssuche zwingt. Bei angespanntem Wohnungsmarkt kommt es zuweilen zu Keilereien, wenn sich zwei oder mehrere Krebse für dasselbe Objekt interessieren.

Wie heikel die Wohnungsnot werden kann, schildert der amerikanische Biologe Stephen Gould am Beispiel von Coenobita diogenes, einem an Land lebenden Einsiedlerkrebs auf den Bermudas. Gould war aufgefallen, dass die Einsiedlerkrebse in die eher mickrigen Gehäuse von Schwimmschnecken eingezwängt lebten, wobei ein Teil des Körpers heraushing. Dann fand er eines Tages doch noch einen Einsiedlerkrebs, der standesgemäss wohnte und in der grossen Schale einer Wellhornschnecke sass.

Bei genauerer Untersuchung stellte sich das Schneckengehäuse jedoch als 120 000 Jahre altes Fossil heraus, das aus einer alten Sanddüne ausgewaschen worden war. Die Wellhornschnecken waren auf den Bermudas seit Urzeiten heimisch gewesen. Das schmackhafte Fleisch machte sie aber bei den Inselbewohnern und Seefahrern zur begehrten Speise, so dass die Schnecke dort vor etwa 200 Jahren ausgestorben ist.

Damit fehlt dem Einsiedlerkrebs die traditionelle Unterkunft; die Gehäuse der kleinen Schwimmschnecken genügen höchstens noch den jungen Krebsen. Gould glaubt, dass die Einsiedlerkrebse auf den Bermudas noch einige Zeit dank der Wiederverwendung der fossilen Wellhornschneckenhäuser überleben werden. Über kurz oder lang wird aber auch der Krebs wegen der Wohnungsnot aussterben.

Etliche Einsiedlerkrebsarten sind Meeresbewohner. So lebt der Bernhard-Einsiedlerkrebs an den europäischen Küsten in 20 bis 40 Metern Tiefe. Nicht selten klebt auf dem Dach seines Schneckenhauses eine Seeanemone, die mit ihren giftigen Nesselkapseln sich selber und dem Krebs Feinde vom Leib hält. Als Gegenleistung trägt der Krebs die Anemone zu immer neuen Fressplätzen. Wie sehr sich die zwei Partner mögen, zeigt die Beobachtung, dass bei jedem Wohnungswechsel die Anemone mitzügelt, wobei der Krebs seiner Freundin mit sachtem Zangengriff von Hausdach zu Hausdach hilft, falls das Nesseltier den Wechsel nicht selber schafft.

Das innigste Verhältnis haben wohl der Anemoneneinsiedler (Eupagurus prideauxi) und seine Mantelaktinie (Adamsia palliata). Die Fussscheibe dieser Seeanemone vergrössert sich laufend und hüllt schliesslich als Röhre Schneckenhaus samt Krebs ein. Der Kalk des überflüssig gewordenen Schneckenhauses löst sich auf, und der Krebs ist seine chronische Wohnungssorge los. Die Mantelaktinie aber hat ihre Mundöffnung dicht neben dem Mund des Geschäftspartners, und wenn immer der Krebs sich ans Futtern macht, fallen für sie einige Brosamen ab.


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