WLADIMIR ANATOLEWITSCH SCHYSCHKOWSKI, TIRASPOL (MD), ist 47 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Er liest gern und liebt die Unterhaltungen mit seinen Kollegen am Taxistand. Er fährt einen 7er-BMW, Baujahr 1981. Der Zähler zeigt 250 964 Kilometer, wurde aber einmal ausgewechselt. Tiraspol ist die Hauptstadt der nicht anerkannten moldawischen Republik Transnistrien, die sich nach einem Bürgerkrieg 1992 für unabhängig erklärt hat und neben einer eigenen Regierung auch eine eigene Währung besitzt.
Wladimir Anatolewitsch lebt in einer Dreizimmerwohnung in einem Dorf bei Tiraspol. Er verdient, nach Abzug der Kosten für das Auto und die Rentenversicherung, 120 Franken im Monat. Das reicht mit den 40 Franken Einkommen seiner Frau für den Lebensunterhalt.
Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?
Ich arbeite normalerweise zehn Stunden täglich und fünf Tage die Woche. Je nach Schicht, die ich habe, arbeite ich auch sonntags.
Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?
Von meinem Lohn geht ein Pflichtteil in einen Pensionsfonds. Darüber hinaus bleibt mir praktisch kein Geld für eine private Vorsorge.
Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht?
Ehrlich gesagt, weiss ich das gar nicht mehr so genau. In den letzten drei Jahren bestimmt nicht. Dieses Jahr plane ich, mit der Familie an das Schwarze Meer zu fahren, aber ich bin noch nicht sicher, ob wir uns das leisten können.
Warum wurden Sie Taxifahrer?
Ich fahre schon lange Taxi, seit 1987. Davor habe ich alles mögliche ausprobiert, aber Taxifahren passt am besten zu mir. Alles andere würde ich nicht mehr machen. Ich habe es auch als Geschäftsmann versucht, aber dafür fehlt mir das rechte Gefühl. Das Geld, das ich als Taxifahrer verdiene, gehört mir – früher hatte ich in dieser Hinsicht eher Pech.
Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?
Etwa 100 Kilometer.
Welches war Ihre längste Fahrt?
Lassen Sie mich nachdenken, das war nach Odessa, etwa 100 Kilometer.
Was tun Sie in den Wartezeiten?
Oft lese ich Bücher, Romane vor allem, am liebsten sind mir Krimis. Oder ich löse Kreuzworträtsel und höre dazu Musik.
Wer war Ihr aussergewöhnlichster Gast?
Es gab mal einen, ich weiss nicht, wie er hiess, aber ich habe ihn noch heute vor Augen: Er war sehr gut gekleidet, hat sich einfach gedankenverloren in mein Auto gesetzt und aus dem Fenster geschaut. «Wohin soll’s denn gehen?» habe ich ihn gefragt. Und er antwortete barsch: «Was geht dich das an?» «Wissen Sie, in gewisser Weise geht es mich schon etwas an», hab ich gesagt. Da kam er zu sich und entschuldigte sich. Das erzähle ich heute noch meinen Freunden hier.
Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?
Normalerweise wird nur der vereinbarte Preis gezahlt. Es kommt sehr auf das Einkommen des Fahrgasts an. Das höchste Trinkgeld, das ich bekam, waren mal zehn Dollar, aber das war wirklich eine Ausnahme.
Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?
Ach, was hat man hier nicht schon alles vergessen! Sehr oft Mobiltelefone, Regenschirme. Einmal hat hier jemand einen Ohrring vergessen – er war leider nur aus Silber. Meistens finden mich die Leute, die etwas vergessen haben, problemlos wieder. Sie wissen, wo ich stehe, und holen sich ihre Sachen ab.
Wie hoch war Ihre teuerste Busse?
Acht Franken, wegen Geschwindigkeitsüberschreitung.
Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt vom Flughafen dorthin?
Tiraspol ist überhaupt eine sehr schöne Stadt, man kann sie nicht einfach in schöne oder hässliche Gegenden einteilen. Und meine Stadt ist mir einfach ans Herz gewachsen. Der nächste Flughafen ist der in Chisinau, für die Strecke von dort nach Tiraspol nehme ich 20 Franken.
Haben Sie Angst vor Überfällen?
Darüber sollte ich eigentlich hinweg sein. Aber warum sollte ich keine Angst haben? Ich bin doch auch nur ein Mensch wie alle anderen. Hier, sehen Sie mal die Narbe an meinem Hals – das war vor acht Monaten. Aber eigentlich kann ich es mir nicht leisten, Angst zu haben.
Womit verwöhnen Sie sich?
Ich liebe das Essen, Glace mag ich besonders gern.
Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?
Da ich nicht reich bin, will ich auch gar nicht anfangen, mir darüber Gedanken zu machen. Aber wenn ich viel Geld hätte, hätte ich sicher auch eine gute Idee, was ich damit anfangen könnte.
Taxameter sind sehr selten. Ein Kilometer kostet etwa 40 Rappen.
Transnistrien
Einwohner: 630 000
BIP pro Kopf (Moldau): CHF 2800
Benzin: 1 l CHF 0.50
Milch: 1 l CHF 0.30
Coca-Cola: 1 l CHF 0.95
Brot: 1 kg CHF 0.35
Reis: 1 kg CHF 0.55
Kinobillett: CHF 1
Zigaretten: 1 Packung CHF 0.50