NZZ Folio 09/93 - Thema: Arbeit   Inhaltsverzeichnis

Werktätige -- Anton Imdorf, Bienenforscher

Von Herbert Cerutti

ICH BIN 46 JAHRE ALT und seit 1979 Bienenforscher in der Sektion Bienen der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Milchwirtschaft in Bern. In der Schweiz gibt es 25000 Imker und 300000 Bienenvölker. Damit die Imker mit vernünftigem Aufwand Bienen halten und einwandfreien Honig gewinnen können, brauchen sie fachliche Unterstützung. Meine Hauptaufgabe ist die Forschung und Beratung auf dem Gebiet der Varroatose, einer Milbenseuche, die vor einigen Jahren aus Osteuropa eingeschleppt worden ist und praktisch sämtliche Bienenstöcke unseres Landes befallen hat. Mit der jetzigen Tätigkeit habe ich meinen Traumjob gefunden. Ich kann meine Forschungsarbeit weitgehend selber planen und ausführen. Neben der Arbeit im Labor oder am Computer bin ich viel im Freien, denn ich betreue am Ufer des Wohlensees 40 Bienenvölker. Diese Bienen brauche ich für meine Forschungsarbeit. Eine eigene Imkerpraxis ist aber auch wichtig, damit man von den Imkern ernst genommen wird.

Die Arbeit am Bienenstock ist Knochenarbeit. Alle paar Wochen muss ich die Grösse meiner Bienenvölker schätzen. Dazu nehme ich jede Wabe in die Hand und versuche abzuschätzen, wieviel hundert Bienen auf der Wabe sitzen und wieviel Brut sie aufziehen. Im Sommer schwitze ich im Schutzanzug wie ein Bär. Trotz Schutz werde ich manchmal von mehreren Bienen gestochen. Geschwollen werde ich zwar nicht mehr. Die Stiche tun aber trotzdem weh.

Arbeit ist für mich sehr wichtig, und ich kann mir ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen. Ich möchte aber die Arbeit nicht verherrlichen, denn auch für mich ist sie eine Notwendigkeit zum Geldverdienen. Ich hätte nichts dagegen, weniger zu arbeiten, um mehr Zeit fürs Nichtstun zu haben, für kreative Ruhe, was nicht mit Faulheit verwechselt werden darf. Und wichtiger als die Arbeit ist mir meine Familie. Wir wohnen auf dem Land im Gürbental. Dort haben wir einen grossen Garten mit vielen Pflanzen. Aber keinen Bienenstock, denn das wäre eine ungute Vermischung von Job und Privatleben.

Ich interessiere mich sehr für Philosophie, Religion und Esoterik. Mit den Kirchen habe ich allerdings nicht viel gemeinsam, denn ich will meinen eigenen geistigen Weg gehen. Meine Arbeit mit den Bienen hat mir die Augen für die Schönheit der Natur geöffnet.

Als Bienenforscher werde ich von Leuten oft auf den sprichwörtlichen Bienenfleiss und auf den Arbeitseifer dieser Tierchen angesprochen. Wer die Bienen beobachtet, sieht aber bald, dass sie gar nicht so fleissig sind. Zwar gibt es Zeiten, in denen das Bienenvolk sehr eifrig Pollen und Honig sammelt. Irgendwann, mitten im Sommer, hört das Volk aber mit dem Sammeln auf, obschon es in der Natur noch ein grosses Honigangebot gibt. Es scheint, dass das Bienenvolk weiss, wann es für den Winter genug Vorräte hat. Die Bienen arbeiten also nur gerade soviel, wie sie für ihre Existenz brauchen, und chrampfen nicht blödsinnig, wie man es bei manchen Menschen sehen kann. Auch sorgt die Natur bei den Bienen für das richtige Arbeitsmass. So sind die Sommerbienen in ihrem kurzen Leben von zwei bis vier Wochen auf fleissiges Honigsammeln programmiert. Die Winterbienen aber, die ab Ende Juli auf die Welt kommen, hocken monatelang im Stock herum, denn sie sind nur dazu da, im Winter den Stock warm zu halten. Ursprünglich hatte ich Landwirt gelernt und auf verschiedenen Bauernbetrieben gearbeitet. Durch das Melken bekam ich aber chronische Beschwerden am Arm. Ich ergriff die Flucht nach vorne und bildete mich an der HTL Zollikofen zum Agroingenieur aus.

Heute muss auch ich um meine Stelle bangen. In der landwirtschaftlichen Forschung ist einiges im Umbruch, und man spürt jetzt in unserem Betrieb eine relativ grosse Spannung und Unruhe. Ich selber bin zwar Optimist und könnte mich mit einem notwendigen Arbeitswechsel abfinden. Mich stört aber, wenn bei Umstrukturierungen gewurstelt wird, wo man die Probleme sachlich lösen müsste.


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