NZZ Folio 01/98 - Thema: Der Boss   Inhaltsverzeichnis

Wer schnell isst, der arbeitet auch schnell

Wie einer sich um jeglichen Expertenrat schert.

Von Markus Rohner

FERNAB DER GROSSEN VERKEHRSSTRÖME, zwischen Toggenburg und Bodensee, hat sich in Tobel ein Unternehmen angesiedelt, das man hier im Thurgauer Bauernland nicht unbedingt erwarten würde. Begonnen hat die Erfolgsgeschichte der Santex AG vor 15 Jahren in einem ausgedienten Schopf, wo Christian Strahm und sein Partner ihre ersten Maschinen zur Textilveredelung bastelten und sich mit Schlosserarbeiten über Wasser hielten. Zwischen Kuhweiden, Maisfeldern und Bauernhäusern gedieh das Unterfangen in den letzten Jahren derart prächtig, dass es heute zu einer der innovativen High-Tech-Fabriken des Landes avanciert ist.

So bodenständig wie der Ort ist auch der Boss der Santex AG, und die Art, wie Strahm sein Unternehmen führt, erinnert in manchem an die eines Patriarchen aus der Gründerzeit der Industrie. Berührungsängste vor dem «einfachen Volk» kennt er nicht, und mit seinen Aussagen zur Schweizer Wirtschaft fiele er in der Direktionsetage manchen Unternehmens wohl auf wie ein bunter Vogel. Um den heissen Brei zu reden ist nicht seine Sache. Und dem Sohn eines Aargauer Bauern- und Gewerbepolitikers sind mündliche Vereinbarungen auch heute noch heilig. Ein Mann - ein Wort! So kommt es vor, dass Santex-Maschinen im Wert von mehreren hunderttausend Franken per Handschlag den Besitzer wechseln, so wie es unter Viehhändlern und Bauern von jeher der Brauch ist. «Ohne Risiko kein Gewinn» lautet Strahms Devise.

Wäre Strahms Vater Bauer gewesen, so wäre der Sohn wohl auch Bauer geworden. Seine Mutter hätte ihn allerdings am liebsten als Pfarrer gesehen. Von seiner Postur her kann man ihn sich gut als einen vorstellen, der seinen Schäfchen von der Kanzel herab die Leviten liest. Bloss hätten dem Tüftler und Bastler da die Möglichkeiten gefehlt, seine Fingerfertigkeit unter Beweis zu stellen. Die Schlosserlehre bei BBC in Baden und das anschliessende Studium zum Maschineningenieur an der HTL Brugg waren für den handwerklich Begabten wohl doch der bessere Weg.

Mit eigenen Händen etwas anpacken, immer von neuem pröbeln und testen, bei der Herstellung eines Produktes von A bis Z dabeisein, das macht dem Maschinenbauer bis heute Spass. Reizt ihn eine technische Herausforderung, so zieht er die blaue Arbeitsmontur an, um das Innenleben einer Maschine bis ins Detail zu ergründen. «Eine Maschine ist nur dann gut, wenn der Konstrukteur in ihr gebadet hat.» Von Theorie hält er nichts. Strahm hält seine Maschinen immer auch noch selber feil, reist pro Jahr mehrere Monate in der Welt herum, holt Aufträge herein und versucht im direkten Kontakt mit Kunden zu erfahren, welches ihre Wünsche sind. In den USA spielt Strahm jeweils Golf, und zu Hause ist er in der Freizeit am liebsten mit Pferd und Wagen und seinem Labradorhund unterwegs: In der Natur entdeckt der Tüftler nicht selten Mechanismen, die er später bei Neuentwicklungen von Maschinen anzuwenden versucht.

1989 hatte Strahm als «kreativer und beispielhafter Jungunternehmer» den Branco-Weiss-Preis bekommen. «Für einen Jungunternehmer gibt es nichts Gefährlicheres, als sich auf den Lorbeeren des ersten Erfolgs auszuruhen», sagte er damals bei der Preisverleihung. Ein Jungunternehmer ist Strahm zwar längst nicht mehr, chrampfen tut er aber immer noch wie in den ersten Tagen der Santex. Selbst an seinem bevorstehenden 50. Geburtstag, einem Samstag im Februar, wird er im Geschäft anzutreffen sein. Denn was könnte es für ein Unternehmen Unproduktiveres geben als ein ausschweifendes Geburtstagsfest des Firmeninhabers?

Die Santex ist eine der führenden Produzentinnen von Textilveredelungsmaschinen. Der Renner des Fabrikationsprogramms ist die Schrumpftrocknungsanlage Santashrink. Sie sorgt dafür, dass Baumwollgewebe beim Waschen nicht mehr so stark einläuft wie früher. Die Textilien werden statt einer chemischen einer mechanischen Prozedur unterzogen, die auch umweltfreundlicher ist. Strahms Anlagen sind keine Massenware, sondern Stück für Stück Spezialanfertigungen, zugeschnitten auf die Bedürfnisse der einzelnen Kunden.

Mit einem Umsatz von rund 125 Millionen Franken (1997) und 300 Beschäftigten (225 davon arbeiten in der Schweiz an den Standorten Tobel, Münchwilen und Tübach, der Rest in einem Tochterunternehmen im deutschen Gera und in einer Verkaufs- und Servicestelle in den USA) ist die Santex, verglichen mit Saurer, Rieter oder Sulzer Rüti, in der Textilmaschinenbranche ein Zwerg, aber ein äusserst erfolgreicher. «In dem Bereich, in dem wir tätig sind, hat unser Produkt das beste zu sein», sagt der Firmenboss. Je unmöglicher der Wunsch eines Kunden, desto grösser Strahms Ehrgeiz: Ist er einmal überzeugt, eine Lösung zu finden, so werden daheim im Thurgau alle Hebel in Bewegung gesetzt. Seine Mitarbeiter sind in solchen Situationen hart gefordert. Da hält er seine besten Leute manchmal auch am Samstag und nach Feierabend auf Trab.

Wer bei Strahm anheuert, muss wissen, worauf er sich einlässt. Auf dass einer das zeit seiner Tätigkeit bei der Santex nicht mehr vergisst, wird ihm beim Eintritt als erstes ein kleines Plastikkärtchen in die Hand gedrückt, auf dem die «7 Gebote» und die «Leitsätze der Firmengruppe» festgehalten sind. «Qualität ist für mich das Höchste», hat da der Neueingetretene zur Kenntnis zu nehmen, «denn das bringt uns unser Brot von morgen.» Jeder Mitarbeiter soll stets danach streben, mehr und besser zu arbeiten als die andern. Aber, bitte schön, ohne allzuviel Papier. «Alles, was Papier produziert, ist unproduktiv», sagt Strahm. Schlank und effizient sei die Verwaltung seines Betriebs, und mit der Einführung einer neuen Datenverarbeitung soll bald alles noch schneller und speditiver werden.

«Wenn das in den Verwaltungen des Staates nur auch so wäre», sagt Strahm, ein notorischer Schnellfahrer, dem es durchaus einfallen kann, mit selbstgebastelten Schildern die Autofahrer vor Radarkontrollen zu warnen. Nicht ohne zuvor den Polizisten, die die Radarkontrolle durchführen, die Meinung gesagt zu haben. Von Staatsbeamten «schikaniert» zu werden kann dieser Mann ganz und gar nicht leiden. Hat Strahm sich einmal seine Meinung gemacht, so kann er wie ein Berserker dafür kämpfen. Seine Mitarbeiter wissen das längst, Polizisten, Zöllner und andere Beamte dürfen ihre Erfahrungen mit dem Heisssporn immer von neuem machen. Wird Strahm dann etwa wegen «Hinderung einer Amtshandlung» vor Gericht zu einer Busse verurteilt, so nimmt er das gelassen hin, auch wenn sie 1500 Franken beträgt. Hauptsache, er hat mit seinem harten Schädel in einer Beamtenstube wieder einmal für Aufregung gesorgt und dort, wie er glaubt, vielleicht sogar «zum Nachdenken angeregt».

So hemdsärmelig Strahm sein Unternehmen führt, so solid ist die finanzielle Struktur seiner rasant wachsenden Firmengruppe. Nicht umsonst hat seine Mutter ihm beigebracht, von einem Franken immer nur 90 Rappen auszugeben. So wird in der Santex auch jetzt noch, da sie wirtschaftlich erfolgreich und hochprofitabel ist, sparsam mit dem Geld umgegangen. Strahm gibt keinen Rappen für Gutachten und Analysen externer Experten aus, und Maschinen kauft er erst, wenn er sie auch bezahlen kann. Da erstaunt es keinen mehr, dass der Boss zuoberst unter dem Dach, dort, wo eigentlich der Hauswart hätte wohnen sollen, in bedrückender Enge sein Unternehmen führt. Auf Designermöbel und Kunst am Bau stösst man im Unternehmen Santex nirgends. Das sind Investitionen, die einem eitlen Ego schmeicheln mögen, dem Unternehmen aber, sagt Strahm, «rein gar nichts» eintragen.

Dieser Mann gibt schon gar nicht erst vor, für ihn stehe - sonst eine Stereotypie fast jedes Managers - die Familie an erster Stelle. Diesen Platz nimmt bei ihm ganz klar die Arbeit ein. Er ist auch nicht einer, der sich mit Jogging oder dergleichen fit halten würde; seinen Körper nimmt er erst wahr, wenn dieser Alarmsignale aussendet. «Er lebt unter Dauerstress», heisst es unter seinen engsten Mitarbeitern. Auch wenn der Chef an sie nicht die gleich hohen Anforderungen stellt wie an sich selbst, wissen sie alle, dass sie hart gefordert sind. In den Sitzungen der Geschäftsleitung knallt der erregte Boss gelegentlich die Fäuste auf den Tisch. Und es komme zwischen ihm und den Kaderleuten schon einmal zu Frontalkollisionen, sagt Uwe Sick, der fernab von Tobel, in Pfaffhausen bei Zürich, seit vielen Jahren das Verkaufsbüro der Santex leitet. Der Arbeitsatmosphäre tue das aber kaum Abbruch. Im Gegenteil: Im Hause Santex (aber wie sollte er auch etwas anderes sagen) glaubt Sick immer wieder «den besonderen Geist» zu spüren, der für einen guten Zusammenhalt der Belegschaft so wichtig ist. («Mag er auch viel verlangen, wir wissen bei ihm stets, woran wir sind», meint eine Arbeiterin.) Fotos und Pokale zeugen denn auch von Firmenanlässen. Bei speziellen Gelegenheiten spielt die firmeneigene Hausmusik «Santasound» auf.

Bezahlt werde bei ihm einer, sagt Strahm, für die Arbeit, die er im Betrieb leiste, und nicht für die Stunden, die er dort absitze. Die Kadermitarbeiter verdienen nach seinen Angaben überdurchschnittlich gut - nach der simplen Rechnung: mehr Geld, mehr Arbeit. Bekomme einer 20 Prozent mehr Lohn, so sei er zu einer Mehrarbeit von über 20 Prozent bereit. Die Fluktuationsrate ist gering, was aber auch damit zusammenhängen mag, dass es im Hinterthurgau nicht eben viele qualifizierte Arbeitsplätze gibt. In der Santex finden Berufsleute wie Elektromonteure, Schlosser, Schweisser oder Mechaniker ihr Auskommen, und in der Konstruktionsabteilung sind mehr als ein halbes Dutzend Maschinenbau-Ingenieure gefragt.

Christian Strahm bezeichnet sich als «Patriarchen im positiven Sinn». Als einen, der es verstehe, Mitarbeiter zu motivieren, und nicht als kleiner Diktator unter den Leuten Angst und Verunsicherung verbreite. Er wisse, wovon er spreche: Bevor er die Santex gründete, hatte er während rund zweier Jahre im Solde eines «fürchterlichen Patriarchen» gestanden. Als geschäftsführender Direktor sei er mit seinen Leuten permanent den Launen und Schikanen des frustrierten Firmeninhabers ausgesetzt gewesen und habe nie gewusst, woran er mit ihm war. In jener Zeit schwor er sich, nie so zu werden.

Auch wenn Strahm zu seinen Mitarbeitern engen Kontakt pflegt und regelmässig gesellige Anlässe für die Belegschaft organisiert, ein schulterklopfender Kumpel ist er nicht. Trifft er aber im firmeneigenen Restaurant, dem Landgasthof Kreuz in Tobel, ein paar seiner Mitarbeiter, so setzt er sich selbstverständlich schon mit an den Tisch. Am meisten freut es den Boss, wenn sich Techniker und Konstrukteure bei ihm fachlichen Rat holen. «Dann weiss ich, dass ich als Maschinenbauer noch nicht zum alten Eisen gehöre.»

Die Art, wie Strahm seine Kaderleute aussucht, ist ziemlich unkonventionell. «Ich verfüge über gute Menschenkenntnisse und merke schnell, ob einer zu uns passt oder nicht», sagt er. Hat ihm ein Personalberatungsbüro ein paar Bewerber für wichtige Funktionen im Betrieb vorgeschlagen, werden sie ins Chefbüro geladen. Dort kommt eine ungewöhnliche Kaderselektion in Gang. «Wie halten Sie's mit Gelb an der Kreuzung?» ist die Gretchenfrage, die Strahm jedem Bewerber stellt. Fährt er bei Gelb noch durch, oder bremst er ab? Manch einer soll bei dieser Frage ziemlich verdattert ausgesehen haben.

Strahm will damit herausfinden, ob einer als künftiges Mitglied der Geschäftsleitung zum Beispiel bereit ist, Risiken einzugehen. Spricht ein Bewerber nicht Klartext und flüchtet sich in gewundene Formulierungen, läuten bei ihm die Alarmglocken. Auch das Tierkreiszeichen eines Bewerbers bezieht Strahm in sein Urteil mit ein. Er, «ein typischer Wassermann» («kraftvoll, eigenständig, stark im Willen»), wird vorsichtig, wenn er es mit einem Schützen oder einer Jungfrau zu tun bekommt. Mit den Krebsen kann er es sehr gut. So sind denn auch besonders viele Krebse in seinem Unternehmen angestellt. Und mit Vorliebe geht Strahm mit den Bewerbern ins Restaurant, um zu sehen, wie schnell einer isst. Denn wer schnell esse, könne auch schnell arbeiten. Jedem Headhunter würden bei einer solchen Kaderselektion die Haare zu Berge stehen.

Externe Unternehmensberater nennt Strahm «Grabsteinhändler», die sowieso immer zu spät kämen. Und auf Ratschläge von «sogenannten Fachleuten» hört er nur, wenn diese ohnehin mit seiner eigenen Meinung übereinstimmen. Als ihm ein HSG-Professor vor Jahren empfahl, dort zu produzieren, wo er seine Ware verkaufe, schüttelte er nur den Kopf. Strahm ist von den Vorzügen des Werkplatzes Schweiz überzeugt. «Meine Leute hier sind zwar teuer, aber die besten der Welt.»

Strahms Ziel? Kreativ bleiben, Neues auf den Markt bringen. Und spätestens mit 55 will der bald 50jährige wissen, wer dereinst die Leitung des Unternehmens übernehmen soll; der unvermittelte Tod eines 45jährigen St. Galler Industriellen letzten November hat dem Dauergestressten zu denken gegeben. In Strahms Familie ist nicht mehr alles zum besten bestellt. Er hat eine Tochter, Sandra, die gleich alt ist wie sein Unternehmen und nach der er dieses benannt hatte. Ob er sein Lebenswerk einst aus freien Stücken in andere Hände legen können wird, das wird im Hause Santex eher bezweifelt. Der Patriarch selber beantwortet die Frage nach seinem Nachfolger im Augenblick noch mit Galgenhumor: Vielleicht sei ja in ein paar Jahren das Klonen von Menschen erlaubt.

Markus Rohner ist freier Journalist in Altstätten SG.


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