NZZ Folio 02/96 - Thema: Vernetzte Welt   Inhaltsverzeichnis

Phänomene -- Spiel und Sport mit Ball im Weltall

Von Wolfgang Bürger

DER DEUTSCHE Astronaut Thomas Reiter, der kürzlich mit Sojus TM 20 an der Raumstation Mir andockte, unternahm einen Ausflug ins All. Am 5. November, 13 Uhr Moskauer Zeit, stieg er durch die Schleuse aus dem Weltraumlabor, befestigte sein Sicherungsseil mit einem Sicherheitssaugnapf an der Aussenhaut und liess sich von einem neuartigen Schubpropellerantrieb einige Meter von der Raumstation forttragen. Nachdem er den Motor abgestellt hatte, holte er zwei Bälle aus der Tasche und begann zu jonglieren. Bei diesem Versuch ging es darum, die Dynamik von Körpern im luftleeren Raum zu studieren. Anschliessend drehte sich Thomas Reiter zur Raumfähre um, aus der inzwischen sein russischer Kollege Juri Gibsenko ausgestiegen war. Aus etwa 20 Metern Entfernung warf ihm der ehemalige Baseballspieler mit voller Wucht ein Stück Watte zu, das Reiter nach weniger als einer Sekunde zurückwarf. Anschliessend begaben sich die beiden Astronauten auf Positionen in etwa 100 beziehungsweise 200 Meter Abstand hinter das Raumschiff, um die Schwerelosigkeit zu nutzen und sich auf grosse Distanz einen Handball zuzuspielen.

Dieser Bericht ist natürlich fingiert. Aber könnte sich ein Ausflug ins All so abgespielt haben? Dagegen gibt es ernsthafte Einwände. Saugnäpfe werden vom Druck an die Wand gepresst, sie sind also im luftleeren Raum ebenso unbrauchbar wie ein Propellerantrieb. Die Jonglierbälle gehen beim ersten Abwurf auf eigene Umlaufbahnen und werden selbst zu Satelliten der Erde. Ein Wattebausch bewegt sich im luftleeren Raum nicht anders als eine Eisenkugel. Beim Abwurf von Watte braucht man allerdings nur sehr geringe Kraft.

Das Ballspiel der Astronauten im Orbit wird voraussichtlich nicht lange dauern. Wenn der entferntere der beiden Astronauten den Ball auf die Raumstation zu wirft und genau auf den Mann zielt, besteht die Gefahr, dass der Ball über den Mann wegfliegt, weil er zu schnell für die Umlaufbahn der Raumstation ist und daher eine andere Kepler-Ellipse um die Erde beschreibt. Auf dem Rückweg ist der Ball zu langsam für den Orbit und neigt dazu, nach unten wegzutauchen. Durch das Ballspiel stossen sich die Astronauten voneinander ab. Je öfter sie es schaffen, den Ball hin- und herzuwerfen, desto schneller driften sie auseinander und desto grösser wird die Gefahr, dass der Ball irgendwann nicht mehr gefangen wird und auf Nimmerwiedersehen im Weltall verschwindet.


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