NZZ Folio 11/02 - Thema: Humor   Inhaltsverzeichnis

Humorexperiment Nr. 1

Thomas Maurer will Sissi Perlinger zum Lachen bringen. Schafft er es?

Von Thomas Maurer und Sissi Perlinger

Thomas Maurer:

Da die Schadenfreude der älteste und wichtigste, wenn nicht sogar der einzig wahre Quell des Komischen ist, kann man dem Folio nur aufrichtig zum hinterfotzigen Schachzug gratulieren, professionell Komikschaffende um komische Texte über das Komischsein anzugehen. Glückt die Übung, entstehen dabei Sachen, die ihren Zweck erfüllen, und die Leserschaft hat was zu lachen. Wer aber an der Aufgabenstellung scheitert, hat sich sehenden Auges vor aller Welt zum Idioten gemacht, und die Leserschaft hat erst recht was zu lachen.

Obwohl, andererseits: Es gibt massenhaft Privatfernsehformate wie «Die dümmsten Bankräuber Deutschlands» oder «Die albernsten Tiere der Welt», eine Sendung wie «Die unkomischsten Komiker aller Zeiten» fehlt aber bisher, und das liegt vermutlich nicht nur daran, das etliche der In-Frage-Kommenden vom Privatfernsehen als Komiker beschäftigt werden. Vielleicht sind ja Komiker, die nicht komisch sind, einfach wirklich nicht lustig. Tatsache ist jedenfalls, dass dem gewerbsmässigen Hervorbringen von Witz ohnehin und unheilbar etwas zutiefst Lächerliches anhaftet. Allein der Zwang zur vermeintlichen Absichtslosigkeit – Pointen, denen man anmerkt, dass sie welche sein wollen, gehen in aller Regel eisern in die Hose – ist eigentlich menschenunwürdig.

Dazu genötigt, selbst unleugbar konstruierte oder schamroten Kopfes aus dem Recyclingcontainer geklaubte Einfälle als beiläufig aus dem Schlafrockärmel geschüttelte Augenblickseingebungen erscheinen zu lassen, wirken selbst virtuoseste Komiker manchmal wie olympische Bodenturnerinnen, die ja selbst ihre sehnenmarterndsten und muskelzerfaserndsten Übungen noch vermittels eines wie in Kunstharz gemeisselten Lächelns als genuine Manifestationen mädchenhafter Anmut auszugeben trachten: lächerlich eben.

Und so wie die Turnerinnen, denen ja ein Grossteil des Publikums ungeachtet etwelcher technischer Finessen schlicht auf den Hintern stiert, leben auch die Komiker zumeist in gnädiger Verkennung der Ursachen ihrer Popularität.

Die luzideste und folgerichtig niederschmetterndste Kurzdefinition meines Berufes verdanke ich meinem damals fünfjährigen Sohn. Ich trat mit einem Solo-Kabarettprogramm auf – brillant, konzis, abgründig, von stupendem dramaturgischem Raffinement und darstellerischer Verve getragen –, und an einer Nachmittagsvorstellung hatte der Knabe erstmals Gelegenheit zu sehen, was sein Vater eigentlich beruflich so macht. Er war sehr angetan und begründete das wie folgt: «Der Papa steht da oben und erzählt Sachen, und wenn er ‹Scheisse› sagt, lachen die Leute.»

Tja. Andererseits sind natürlich alle Berufe irgendwie furchtbar, und der Beruf des Komiker ist nicht nur – zumindest verglichen mit Extrembranchen wie Söldner oder Aktienanalyst – einigermassen ehrbar und krisensicher, er bietet einem sogar, manchmal, wenn man Glück hat, das unschätzbare Privileg, das unvermeidliche Jammern über die eigene Arbeit zum Bestandteil der Arbeit selbst zu machen. Und es obendrein wildfremden Menschen aufzunötigen.

So wie jetzt eben. Schönes Gefühl, das. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Thomas Maurer ist Autor und Kabarettist und lebt in Wien.



Sissi Perlinger:

Dieser Mann hat nicht nur grösste Probleme, einen klar strukturierten Satz zu Papier zu bringen. So pseudoverschachtelt und mit Fremdwörtern gespickt, wie er hier sein Statement macht – so verquast erscheint mir auch die Einstellung, die er seinem Beruf gegenüber aufgebaut hat.

Ich stimme nicht überein mit folgenden Punkten:

1. Schadenfreude sei die einzig wahre Quelle des Komischen? In dieser Aussage spiegelt sich lediglich, wie der Autor in seinem Humorniveau gestrickt ist.

2. Der Mann versucht in seiner larmoyanten Art, einen ganzen Berufsstand auf seinen Horizont herunterzuziehen, wenn er behauptet, das «gewerbsmässige» Hervorbringen von Witz hätte etwas zutiefst Lächerliches. Humor ist für mich die intelligenteste Art, mit Verzweiflung umzugehen, und Menschen wie Woody Allen, Billy Wilder, Kurt Tucholsky, um nur ein paar wenige zu nennen, haben meine allergrösste Hochachtung. Zum an den Haaren herbeigezogenen Vergleich mit den Kunstturnerinnen kann ich nur sagen: Es stört mich persönlich nicht, wenn mir ein Zuschauer auf die Titten schaut, während ich eine Pointe erzähle.

3. Wenn der Mann findet, dass seinem Sohn tatsächlich eine «Kurzdefinition» seines Berufes geglückt ist, sollte er meiner Meinung nach seine Kabarettistentätigkeit an den Nagel hängen.

4. Das Publikum interessiert sich nicht für die berufsbedingten Nöte des «armen Künstlers», der da für eine Menge Geld auf der Bühne stehen muss, im Glanz der Scheinwerfer, und immer wieder neue Pointen zu drechseln hat.

Der einzige Punkt, wo ich Übereinstimmung erziele, ist die Bemerkung, dass es eine gute Idee von Folio war, Komiker etwas Komisches schreiben zu lassen.

Jetzt, wo ich wahrscheinlich einen berühmten und ungeheuer angesehenen Kollegen schriftlich niedergemacht habe, könnt ihr euch wenigstens alle schadenfroh ins Fäustchen lachen.

Sissi Perlinger war der Verfasser des Textes unbekannt.


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