NZZ Folio 08/05 - Thema: Männer   Inhaltsverzeichnis

Die beiden sind entsetzt

© Dani Levy
Momente der Männlichkeit, Bild 6. Linktext
Ein falscher Blick, ein unerhörtes Wort, und schon verfinstert sich die Liebe. Szenen einer Missverständigung.

Von Matthias Zschokke

Sie arbeiten im selben Reisebüro. Um vom Geschäftsalltag nicht gänzlich aufgesogen zu werden, haben sie angefangen, den Kraftsportclub Pumpe 2 aufzusuchen. Dort packt er ihr kleine Eisengewichte auf die Geräte. Sie müht sich mit ihnen ab und atmet dabei vor Anstrengung heftig durch die Nase. Dabei tritt aus den zwei dunklen Löchlein klares, salziges Wasser. Das sammelt sich auf ihrer Oberlippe, von wo sie es, bevor es zu rinnen beginnt, mit der Zunge wegleckt. Er betrachtet die Flüssigkeit jeweils voller Gier und kann sich kaum beherrschen. Er möchte sich über sie beugen und die glitzernden Tropfen trinken, fürchtet aber, das könnte ihr missfallen. Nach dem Training setzt sie sich hinten auf sein schweres Motorrad und nimmt ihn zwischen ihre kleinen, von den Übungen heiss gewordenen Schenkel. So fahren sie durch die Stadt nach Hause.


An den Sonntagen spazieren sie Hand in Hand durch den Park, er an ihrer linken Seite. Es ist Sommer. Seit Wochen fiel kein Regen. Eine Raupenplage hat eine bestimmte Sorte der Bäume befallen, deren Äste grau und kahl ins Grün rundum ragen. In den Gabelungen kleben spinnwebartige Schleier. Tausende von Raupen kriechen und ringeln sich um- und übereinander. Ein stummes, langsames, würgendes Vertilgen. Auf den Rasenflächen liegen dichtgedrängt die nackten Einwohner der Stadt und sonnen sich. Windböen wirbeln Sand und Staub von den Gehwegen in die Augen. Hunde liegen platt auf dem Bauch, die Beine links und rechts von sich weggestreckt. Insekten aller Art, grosse, kleine, träge, schnelle, fliegen den Spaziergängern ins Gesicht und in die Haare.

Die beiden gehen durch den gleissenden Nachmittag und denken nach oder denken nicht nach, es könnte spät sein oder früh in ihrem Leben, als die Frau zu ihrem Entsetzen plötzlich die Entdeckung macht, dass der Mann an ihrer Seite die liegenden nackten Mädchen anstarrt. Sie erblasst. Er meint sie sagen zu hören: Jahrzehntelang warst du mein Liebling, nun muss ich feststellen, du bist eine Sau?!

Erst begreift er nicht, wovon sie redet. Nachdem sie es ihm in knappen Worten erklärt hat, wird er rot vor Zorn und sagt: Aha, ich bin also eine Sau?! – Stumm gehen sie weiter. Sie kann es nicht fassen, dass er ein Spanner ist. Er hasst sie, weil sie ihn verdächtigt, ein solcher zu sein.

Ich darf also nicht mehr nach links und nicht mehr nach rechts schauen, weil überall nackte Frauen und Männer herumliegen, auf die meine Blicke unweigerlich fallen und die ich – nach neusten Erkenntnissen meiner mich offenbar wissenschaftlich durchforstenden Geliebten – somit anstarre, was mich als schäbigen Spanner, um nicht gleich zu sagen: als Wichser entlarvt!

Das Beste wird wohl sein, ich beschränke mich von nun an auf die Baumwipfel über mir oder auf meine Schuhspitzen und den Rasen vor mir, auf die Maulwurfshügel, was alles sehr schön ist, grün, braun, grün, braun. Habe ich nicht als Knabe im Zeichenunterricht sogar beigebracht bekommen, Grün sei die schwierigste Farbe für einen bildenden Künstler? Zu Grün komme ein Maler erst im hohen Alter? An Grün würde sich mancher sogar sein ganzes Leben lang nicht wagen? – Es scheint, ich habe die Ehre, von meiner Geliebten in mittleren Jahren schon ins Grün hineingejagt zu werden. Ich werde künftig durch Parkanlagen flanieren und ausschliesslich grünes Laub und grünes Gras wahrnehmen, weil ich es nämlich entschieden ablehne, von irgendwem, und schon gar nicht von der Frau an meiner rechten Seite, der Spannerei bezichtigt zu werden.

Ich werde auf dem weichen Rasenteppich an den Homosexuellen vorüberschlendern, zwischen deren zarten Schenkeln glattpolierte, grosse Eier liegen, die sich in den wärmenden Strahlen der Sonne heben und senken oder, wie man es auch nennt, die pumpen. Doch ich werde sie nicht sehen, die Eier, denn ich werde in die grünen Baumkronen schauen und so, mit erhobenem Haupt, auf die Wiesen der Heterosexuellen gelangen, wo ich knabenhafte Frauenschenkel, genauer gesagt: Rasen, Maulwurfshügel und meine Schuhspitzen betrachten werde. Hochgeschlossen werde ich zwischen ihnen hindurchspazieren, während meine ehemals Geliebte misstrauisch neben mir hergehen und argwöhnen wird: Da meint man, einen feinen, wertvollen Mann an seiner Seite zu haben, und was ist er? Ein ganz gemeiner Spanner, ein Wichser wie alle.

Der sich nicht länger geliebt Wähnende beschleunigt seine Schritte und drängt in ein Gartencafé, wo sich die beiden hinsetzen. Seine Augen verfangen sich sofort unter der weissen Bluse der Kellnerin, auf ihrem Hintern, auf seinen Schuhspitzen. Verwirrt fixiert er den Tisch, die Zuckerdose, holt sich eine Zeitung und starrt auf die Buchstaben. Seine ehemals Geliebte hört er müde sagen: Tu dir bloss keinen Zwang an; geile dich nur auf an den fremden Brüs-ten, wenn dir danach ist.

Die beiden sind entsetzt. Ihre Zukunft liegt schwer und finster vor ihnen. Das wird wohl unser Spaziergang ins Unglück gewesen sein, denken sie, der Eintritt in die bitteren Jahre der Entfremdung, von der wir so viel gelesen haben.

Seit diesem Sonntag fallen ihm, wo er geht und steht, Beine, Arme, Haut, Nasen, Ellbogen, Gesässe, Brüste, Hälse, Haaransätze, Schenkel, Knöchel auf – und seine ehemals Geliebte geht traurig neben ihm her und seufzt. Er bäumt sich dagegen auf, von ihr verachtet zu werden. Wenn er durch Quartierstrassen geht, hebt er deswegen den Kopf und guckt in die Luft. Doch hoch oben, im milchblauen Himmel, verfängt sich sein Blick in einem nackten Frauenfuss, der dort zum Sonnen auf eine Balkonbrüstung gelegt wurde, und blöde bleibt er daran kleben.

Zwar waren sie ein wenig langweilig, als sie noch miteinander zufrieden waren, ein harmlos glückliches Paar. Doch jetzt, da sie unglücklich sind, erwecken sie Mitleid. Mögen sie der pochende Blumenstrauss sein: Er leuchtet blutigrot in den Händen, dann verfinstert er sich, verwandelt sich in eine graue Keule. Eine Wolke hat sich vor die Sonne geschoben. Die Wolke zieht weiter, der Blumenstrauss beginnt wieder zu leuchten. So soll es sein: die Wolke soll weiterziehen, und die beiden sollen wieder zu leuchten beginnen, wenn es auch ein dummes, einfältiges Leuchten ist.

Matthias Zschokke ist Schriftsteller. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihm «Ein neuer Nachbar» (Ammann 2002).


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