VOR DREI JAHREN - der Information Superhighway war als Polit- und Marketingkonzept gerade erst erfunden worden -, erschien die erste Ausgabe von «Wired». Die selbsternannten Trendsetter in San Francisco wollten damit die digitale Generation mit einer längst überfälligen Zeitschrift beglücken, die, im Gegensatz zu anderen Szeneblättern wie «Mondo 2000», ohne psychedelisches Layout und esoterische Ergüsse auskommen sollte. Statt dessen setzte man auf ein Techno-buntes Erscheinungsbild und auf «Inhalte».
Die Botschaft von «Wired» ist - getreu dem Leitspruch des Gesellschafts- und Medientheoretikers Marshall McLuhan - bis heute das Medium geblieben. Oder umgekehrt. Jedenfalls ist das Monatsheft ein voller Erfolg. Das Inseratevolumen hat sich im Vergleich mit den ersten Ausgaben zumindest verdreifacht, die Seitenzahl verdoppelt. Platz hat alles, vom Mikrokulturellen bis zum Makropolitischen, vom digitalen New Yorker Kleinkünstler und König einer Insiderszene bis zur heftigen Kritik an der Kongressdebatte über zu zensurierende «dirty words», die in den elektronischen Kommunikationskanälen dieser Welt ihr Unwesen treiben. Die Message ist das Digitale, ihr Medium ist «Wired». Oder umgekehrt.
«Die Technik ist das Lagerfeuer, um das wir uns versammeln, um unsere Geschichten zu erzählen. Da ist diese Anziehungskraft des Lichts und der Macht - gleichzeitig warm und zerstörerisch.» Die Sätze der Gesamtkünstlerin Laurie Anderson - von «Wired» als Amerikas Multimediatrix gefeiert - können gleichzeitig als Motto des Blattes und als Antriebskraft für die Magazinmacher gelten. Wer, sei es absichtlich als post-postmoderner Maschinenstürmer, sei es schlicht aus Angst, das sanft-gewalttätige digitale Lagerfeuer meidet, ist nicht etwa «out», sondern bestenfalls «tired». Wer sich der weltumspannenden rhizomatischen Herausforderung stellt, ist selbstredend «wired». Wer zwischenzeitlich den Überblick verliert und fürchtet, durch die Maschen des sozialen Netzes der digitalen Generation zu fallen, kann jeden Monat in der Rubrik «tired - wired» nachlesen, was zu tun und zu lassen ist. Jet lag - total müde; Melatonin - echt verdrahtet. Explodierende Kleinlaster - gähn; explodierende Laptops - auf Draht. Copyright auf Software -schnarch; Urheberrecht auf die eigene DNS - wired. Es muss allerdings entschieden davor gewarnt werden, die Rubrik allzu ernst zu nehmen. Auswendiglernen schützt nicht vor Lachern aus den eigenen Reihen.
Apropos eigene Reihen - hat «Wired» überhaupt einen Standpunkt? Ja - einen im weitesten und besten Sinn US-liberalen nämlich. Das zeigt sich auch bei «Hotwired», dem Stiefkind von «Wired». Als eine der ersten digitalen Publikationen im World Wide Web, die diesen Namen verdient, bietet die Site ausgewählte «Wired»-Artikel, eigenständige Beiträge, digitale Tips aller Art, das Diskussionsforum «Club Wired» und selbst den Cocktail-Vorschlag «Drink of the Week» - alles angereichert mit Bild, Graphik und Bunt-Hintergründigem.
«Hotwired» eignet sich wie kaum ein zweiter Treffpunkt als Ausgangshafen für eine Surftour durch das Netz. In der Rubrik «Renaissance» klickt man beispielsweise auf «CD-Rom» und bekommt eine ziemlich harsche Kritik der neuesten interaktiven Scheibe von Laurie Anderson vorgesetzt. Angefügt sind noch einige aktuelle CD-Tips, wärmstens empfohlen wird etwa eine Produktion von vietnamesischen Studenten in Kalifornien. Der Link ist perfekt, die Reise ins VietNet ein kurzer Klick. Zwar sind vielfältigste Links mittlerweile auf jeder WWW-Page gang und gäbe. Die Overview-Seite von «Hotwired» ist allerdings, gespickt mit diversen Zückerchen, im wahrsten Sinn des Wortes übersichtlich - ein idealer «Fixpunkt» eben. Kritiken, in denen behauptet wird, «Hotwired» sei mittlerweile zu bieder, erledigen sich angesichts der gebotenen Fluchtwege von selbst. Kritiken, in denen die «zunehmende Kommerzialisierung» sowohl der WWW-Site - in «Hotwired» findet sich auch ein elektronisches Einkaufszentrum - als auch des papierenen «Wired» angeprangert wird, dürften den Machern schon eher Kopfzerbrechen bereiten. Der politisch korrekte Kern der eingefleischten Internetler gehört schliesslich zu den «Wired»-Lesern und «Hotwired»-Besuchern der ersten Stunde.
Indes, die Reaktion der «Wired»-Leute auf derartige Vorwürfe fiel brüsk aus. In einer Spezialausgabe - der ersten der «Scenarios»-Reihe - wurde kürzlich «Die Zukunft der Zukunft» abgehandelt. Hervorstechendes Merkmal der Nummer: Gemessen an der überdimensionierten Schriftgrösse der redaktionellen Beiträge eine nie dagewesenen Werbefülle. Die Zukunft? Selbige, so der Science-fiction-Schreiber Bruce Sterling in seinem abschliessenden Essay, wollen wir sowieso nicht kennen. Täten wir es, «würden wir uns alle aufhängen, nachdem wir unsere Kinder getötet hätten».
«Wired»-Online: info@wired.com
«Hotwired» ist auf dem World Wide Web zu finden unter: http://www.hotwired.com