Diesen Dialog führen zwei Figuren aus verschiedenen literarischen Werken. Wer sind sie?
Ein 26jähriger, vornehm gekleideter und offenkundig von des Gedankens Blässe angekränkelter Mann - A - schreitet moros einen Hügel hinauf und bleibt verdutzt vor einer «Erscheinung» stehen: B ist eine üppige, für die trostlose Landschaft doch etwas merkwürdig ausstaffierte Frau um die Fünfzig, die ihrerseits wie angewurzelt wirkt. Den verstreut herumliegenden Utensilien nach zu schliessen scheint B hier zu campieren. Auf eine Begegnung sind beide nicht gefasst, B fängt sich aber sogleich auf und ruft erfreut:
B: Das ist aber in unverhofftes Vergnügen! Ein himmlischer Tag! Nun ja, was für eine Freude jedenfalls, zu wissen, dass jemand da ist. Jemand sieht mich immer noch an. Das eben finde ich so wundervoll.
A: (um Contenance bemüht) Es ist gütig von Ihnen, hochverehrte Dame, meinen Zustand zu übersehen und Ihrer Befremdung den Ausdruck der Leichtigkeit zu geben.
B: (plappert munter drauflos) Es gibt so wenig, was man tun kann. Man tut es alles. Alles, was man kann. Es ist nur menschlich. Menschliche Natur.
A: Früher war es anders. Das ganze Dasein erschien mir als eine grosse Einheit. In allem fühlte ich Natur. Wenn ich die schäumende laue Milch in mich hineintrank, die ein struppiges Mensch einer schönen, sanftäugigen Kuh aus dem Euter in einen Holzeimer niedermolk, so war mir das nichts anderes, als wenn ich aus einem Folianten süsse und schäumende Nahrung des Geistes in mich sog.
B: (sprudelnd) Na ja, die Naturgesetze, es ist wie mit allem anderen, alles hängt davon ab, was für ein Geschöpf man zufällig ist. Alles, was ich für mein Teil sagen kann, ist, dass sie für mich nicht mehr sind, was sie waren, als ich jung war und . . . dumm und . . . schön . . . womöglich . . . irgendwie . . . lieblich . . . anzuschauen.
A: (jäh bekenntnishaft) Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen. Es ist mir unmöglich, ein höheres oder allgemeineres Thema zu besprechen und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen. Die Worte zerfallen mir im Munde wie modrige Pilze.
B: (staunt über die Beredsamkeit des Sprachskeptikers, nickt dann aber) Ach ja, so wenig zu sagen, so wenig zu tun, und die Angst so gross, an gewissen Tagen, sich verlassen zu finden . . . im Stich gelassen . . . noch Stunden vor sich, bis zum Schlaf, und die Tage gehen vorbei, gewisse Tage, ganz vorbei, und wenig oder nichts gesagt, wenig oder nichts getan.
A: (düster) Ich führe ein Dasein, das man, fürchte ich, kaum begreifen wird, so geistlos, so gedankenlos fliesst es dahin. Freilich ist es nicht ganz ohne freudige und belebende Augenblicke. Irgendeine Erscheinung meiner alltäglichen Umgebung: eine Giesskanne etwa, eine auf dem Felde verlassene Egge, ein Hund in der Sonne, kann dann das Gefäss meiner Offenbarung werden.
B: (strahlend) Das eben finde ich so wundervoll, dass kein Tag vergeht - um im alten Stil zu sprechen -, kaum ein Tag, ohne irgendein Anwachsen des Wissens, so gering es auch sein mag, ich meine das Anwachsen, vorausgesetzt, dass man sich darum bemüht. Und wenn aus irgendeinem dunklen Grund kein Bemühen mehr möglich ist, nun dann ganz einfach die Augen schliessen.
B schliesst die Augen und murmelt ein Gebet. A sieht verlegen weg und entfernt sich leise.
Auflösung Rätsel Folio Nr. 11: A ist Lord Chandos aus Hugo von Hofmannsthals berühmtem Prosatext «Ein Brief» (1902); B ist Winnie aus Samuel Becketts Stück «Glückliche Tage» (1961).