NZZ Folio 11/96 - Thema: Feuer, bitte!   Inhaltsverzeichnis

Menschen & Räume -- Dieter Meiers Backstube

© Martin Kloiber, Los Angeles
Er pendelt zwischen Zürich und Los Angeles, wo er vor einem Jahr dieses Haus gekauft hat: Dieter Meier, Musik- und Filmproduzent, Sänger und Mitbegründer von <Yello>. Linktext
Von Lilli Binzegger

«DIESES HAUS steht in Los Angeles, in einem Quartier, das Los Feliz heisst. Es hat die Stimmung eines Capri-Hauses, hat einen verwitterten hellroten Verputz und sanft abfallende Ziegeldächer. <Mediterranean> nennen sie das hier. Es hat einen irrsinnigen Blick auf die Stadt. Vor dem Haus ist ein uralter Garten mit riesigen alten Bäumen. Man fühlt sich wie in einer italienischen Villa, ist aber mitten am Hügel von Hollywood.

Das Haus wurde von einem gewissen Antonio Moreno gebaut, einem Stummfilmstar Los Feliz war in den zwanziger und dreissiger Jahren der klassische Wohnort von Schauspielern und Produzenten. Der Stummfilmstar heiratete aber eine Ölmilliardärin, der das Haus zu klein war. Sie bauten dann höher am Hügel eines, das jetzt ein Frauenkloster für 140 Nonnen ist.

Diese Gegend ist seit etwa 30 Jahren nicht mehr in Mode, sie gilt bei den ängstlichen Amerikanern nicht mehr als sicher. Der Hollywood Boulevard, der von hier vielleicht eine halbe Meile Luftlinie entfernt ist, ist schon gang land, da fährt man nachts auch mit dem Auto nicht hin. Die wohlhabenden Leute wohnen heute in Belair und in Beverly Hills, darum sind die Häuser hier relativ günstig zu haben.

Früher hätte ich Charlie Chaplin zum Nachbarn gehabt, der hier eine riesige Côte-d'Azur-Villa besass, und Cecil B. De Mille und überhaupt ganz viele von den Stars jener Zeit. Jetzt sind meine Nachbarn Chick Corea und die Schauspielerin Lily Tomlin, die ich aber beide noch nie gesehen habe. Sie leben offenbar zurückgezogen, wie ich eigentlich auch.

Das Haus hat einen Haupttrakt und zwei Seitenflügel, in denen vier abgeschlossene Wohneinheiten untergebracht sind. Der Raum hier, der Salotto grande sozusagen, hat palastartige Ausmasse, er ist etwa 9 Meter hoch und sicher 120 Quadratmeter gross. Das Esszimmer ist noch mit originalen Möbeln bestückt, die eine italienische Rustikalität vorgeben. So haben sich die hier in den zwanziger Jahren wohl die Einrichtung in einem italienischen Palazzo vorgestellt. Eigentlich ausgesprochener Kitsch, aber von guter Qualität. Die Möbel lügen, aber sie lügen gut, würde ich sagen. Das ganze Haus ist gut gelogen.

Unten gibt es einen Partyraum mit farbigen Mosaiken von Segelschiffen, die eine kindliche Vorstellung von Seefahrt verbreiten. Wahrscheinlich waren damals gerade Seeräuberfilme modern. Hinter einer langen Bartheke steht ein Flaschengestell, das allein dazu gemacht worden ist, leer zu sein. Es war ja die Zeit der Prohibition, und man hatte zu zeigen, dass man nicht trank. Das Gestell lässt sich mit einem Griff aber beiseite schieben, und dahinter führt eine Tresortür in einen Raum, in dem man dann wirklich soff.

Zu jedem Schlafzimmer gehören zwei Ankleidezimmer, eines, in dem man Hemd und Hose anzog, und ein zweites für den letzten Schliff, mit vielen Spiegeln, in dem man sich von hinten und von vorne sieht. Am Schluss kommen dann überall noch Schuhschränke mit Platz für etwa 100 Paar Schuhe. Wahrscheinlich hatte der Stummfilmstar vor, jeweils absolut impeccable aus dem Haus zu gehen. Nicht wie bei uns in der Schweiz, wo man einen Tschopen aus dem Kasten holt und vielleicht gerade noch knapp guckt, ob man gekämmt ist. Dort hat man an seinem Auftritt noch gearbeitet. Eine Kultur, über die ich lachen kann, da ich selber eine andere Form von Eitelkeit pflege.

Ich will hier einerseits mit Boris Blank, meinem «Yello»-Partner in Zürich, Musik für Filme machen und anderseits meine eigenen Filme produzieren. Was mich an Hollywood reizt, ist, dass Filmen ein ganz normaler Beruf ist. Man spricht in Hollywood ja auch von the industry, man sagt: he's working for the industry. Mich interessiert es, in diesem schnöden, rein profitorientierten Hollywood das Fähnlein meiner artistischen Identität durch den Haifischteich zu retten, mit einem Film kommerziell ohne Subvention zu überleben, ein Teil der industry zu werden. In diesem Haus will ich sozusagen ein Kleinhandwerker sein, der in einer überschaubaren Backstube seine Brötchen bäckt und wartet, ob jemand sie kauft.

Ich habe vor, etwa sechs, sieben Monate pro Jahr hier zu verbringen. Die spartanische Möblierung des Hauses soll so bleiben, ich mag das. Im Schlafzimmer stehen ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl, sonst nichts. So wohne ich am liebsten. Das Haus behält so etwas Fremdes, und ich bleibe ein wenig immer der Gast. Ich liebe das Gefühl, Gast zu sein, es entspricht unserem transitorischen Dasein auf der Welt. Einmal, als an einem Ort mein Gepäck nicht ankam, lieh man mir Kleider. Das war ganz wunderbar, sogar in Kleidern zu Gast zu sein. Ich müsste auch dieses Haus gar nicht besitzen, ich habe mit dem Kaufpreis einfach das Recht erworben, mich hier aufzuhalten und mir diese Einheit von ora et labora zu schaffen.

Der Hund gehört einem Mitarbeiter von mir. Er ist ein ganz schlauer kleiner Hund. Er heisst Spike, aber ich sage ihm Caesar, zur Ironisierung seiner Grösse.

In Zürich bin ich etwa zwei, drei Monate im Jahr. Meine Familie sehe ich natürlich häufiger, oft hier in LA, in den Ferien oft auch an anderen Orten. Wir haben immer eine irrsinnige Freude, wenn wir uns alle sehen.

Das Haus hat für mich genau die richtige urbane Geräuschkulisse. Man hört den gewaltigen Verkehrskörper der Stadt aus gewisser Distanz, es ist ein ständiges Summen, Tag und Nacht, aus dem sich dann und wann eine laute Harley-Davidson herauslöst.»


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.