WIE ALLE LEBEWESEN müssen sich der Elefant in der ostafrikanischen Steppe, der Steinbock im Hochgebirge und der Weisse Hai im Ozean um ihr Futter sorgen. Die Angst, selber Futter zu werden, kennen sie (in der menschenfernen Wildnis) indessen nicht. Anders die weniger mächtigen Tiere. Auf sie lauern fast pausenlos Krallen und Zähne. Wer überleben will, muss sich wehren – oder fliehen können.
Will ein Raubtier Beute machen, setzt es zumeist auf taktische Überraschung. Hat der Tiger ein mögliches Opfer entdeckt, schleicht er äusserst behutsam näher und versucht, unbemerkt auf Sprungdistanz zu kommen. Mit gesenktem Kopf und offenem Maul, den Bauch fast am Boden, scheint der Räuber geradezu dahinzufliessen. Schon 60 Zentimeter hohes Gras bietet dem Jäger genügend Deckung. Dabei setzt er die weich gepolsterten Sohlenballen derart sachte auf, dass sein Schleichen selbst auf trockenem Laub lautlos bleibt.
Um einen Hirsch zu erlegen, muss der Tiger mindestens auf 25 Meter unbemerkt herankommen. Nur so hat der Jäger eine Chance, im gewaltigen Sprung oder mit kurzem Spurt die Beute zu packen und mit einem Nackenbiss niederzuringen.
Sobald die Raubkatze aus der Deckung schnellt, sucht der anvisierte Hirsch sein Heil in der Flucht, indem er schnurstracks vom Angreifer wegrennt. Beträgt der Abstand zwischen Jäger und Opfer beim Beginn der Hatz mehr als 25 Meter, hat ein gesunder Hirsch gute Chancen, dass der Verfolger ausser Atem die Jagd abbrechen muss, bevor der Vorsprung des Flüchtlings dahingeschmolzen ist. Deshalb verzichtet der Tiger meist auf die Attacke, wenn er in der Nähe des Opfers keine Deckung mehr findet. Räuber und Beute verlassen sich in diesem animalischen Jagdszenarium also allein darauf, wie schnell und wie lange sie zu rennen vermögen.
Anders der Feldhase. Von Natur aus ein ziemlich wehrloses Tier, ist der einstige Steppenbewohner zum Meister der Tarnung geworden. Sein Balg ist ein Gemisch von hellen und dunklen Farbtönen, die das natürliche Spiel zwischen Licht und Schatten, den Farbwechsel am Erdboden und an den Pflanzenteilen nachahmen.
Zur Tarnfarbe des Haarkleids kommt ein diskretes Verhalten: Spürt der Hase eine Gefahr, drückt er sich flach in eine Mulde und verharrt völlig regungslos. Damit er auch möglichst bewegungslos bleibt, senkt der Hase seinen Puls von 120 Schlägen pro Minute auf die Hälfte. Mit den grossen, seitlich stehenden Augen verfügt das Tier – ohne den Kopf drehen zu müssen – über einen Rundblick von 360 Grad, Raubtiere können nicht unbemerkt näher schleichen.
Nähert sich trotzdem eine potentielle Gefahr, rast der Hase erst im letzten Augenblick wie aus der Kanone geschossen aus der Deckung und sucht das Heil in der Flucht. Um möglichst rasch auf die maximale Fluchtgeschwindigkeit von bis zu 70 Kilometern pro Stunde zu kommen, hat der Hase vor dem Start seinen Herzschlag auf die dreifache Ruhefrequenz hochgejagt. Und anstatt geradewegs wegzurennen, verwirrt der Flüchtling mit dem berühmten Hakenschlagen den dicht nachfolgenden Fuchs oder Jagdhund.
Dank dem sehr grossen Hebel der überlangen Hinterbeine und -füsse setzt der rennende Hase seine Hinterläufe weit vor die vorderen Füsse, die ihrerseits nach- und hintereinander aufgesetzt werden. Dies erlaubt es dem Tier, seinen Körper in vollem Lauf seitlich abzudrehen und so die Fluchtrichtung abrupt zu ändern. Die völlig unberechenbare Wende lässt jeden Verfolger unweigerlich ins Leere laufen.
Was als eigenwilliges Fluchtverhalten dieser Säugerart erscheinen mag, ist in der Natur weit verbreitet. Im Jahre 1950 veröffentlichte der Biologe Michael Chance die mittlerweile zum Klassiker gewordene Studie «The Role of Convulsions in Behavior». Chance hatte beobachtet, dass Laborratten zuweilen in merkwürdige Zuckungen verfielen, wenn ein Labormitarbeiter zufällig mit dem Schlüsselbund klimperte. Er interpretierte das Verhalten der Ratten als Reaktion auf das Herannahen eines möglichen Raubfeindes. Denn wilde Zuckungen, wie sie auch als «Todeskampf» zu beobachten sind, erschweren es einem Räuber, die zappelnde Beute zu packen und für den tödlichen Biss festzuhalten.
Schon bald fanden sich weitere Beispiele von Tieren, die sich in ihrer Verteidigungsstrategie zufällige Abfolgen von Bewegungen zunutze machen. Etwa die Nachtfalter, eine beliebte Fledermausbeute. Fledermäuse orten ihre Beute, indem sie durch Nase und Mund hochfrequente Ultraschallsignale ausstossen und sich an den Echos orientieren. Mit dieser Technik lokalisiert der fliegende Kleinsäuger Insekten selbst im völligen Dunkel millimetergenau. Etliche Nachtfalterarten haben nun im Lauf der Evolution eigentliche «Fledermaus-Warngeräte» entwickelt – akustische Organe, mit denen sie den Ultraschallverkehr der jagenden Tiere abhören können.
Da ein entdeckter Nachtfalter aber mit seinem Flatterflug der sehr schnellen Fledermaus nicht entkommen kann, unterlaufen gewisse Nachtfalter die Ultraschalltaktik mit einem zufälligen Bewegungsmuster: Sobald das Insekt die feindliche Ultraschallwelle erkennt, faltet es die Flügel und taumelt wie ein welkes Blatt zu Boden. Das zufällige Hin und Her wirkt als Tarnkappe, denn das Hirn der Fledermaus erkennt die Beute nur, wenn diese mit rhythmischem Flügelschlag flattert.
Im Jahre 1970 deuteten die britischen Verhaltensforscher Peter Driver und David Humphries das Benehmen von Hasen, Ratten und Nachtfaltern als Ausdruck eines im Laufe der Evolution bei sehr vielen Tieren entwickelten unvorhersehbaren Verhaltens, das den Tieren einen gewichtigen Vorteil im Überlebenskampf schafft. In Anlehnung an den griechischen Flussgott Proteus, der seinen Häschern immer wieder entkam, indem er seine Gestalt nacheinander in ein Tier, eine Pflanze, eine Wolke und in einen Baum verwandelte, nannten die beiden Forscher die animalische Taktik «proteisches Verhalten».
Mit dem Proteismus lassen sich zahlreiche bizarre Verhaltensweisen erklären. So wird zum Beispiel plausibel, weshalb es schwieriger ist, die Flugbahn einer aufgescheuchten Stubenfliege in den nächsten zehn Sekunden vorherzusagen als die Kreisbahn des Jupiters in den nächsten zehn Millionen Jahren.
Und nicht nur Verfolgte, sondern auch Räuber nutzen proteische Macht. So führt das Wiesel, wenn es eine Maus fangen will, zuweilen einen verrückt erscheinenden Tanz auf: Es springt wie wild umher, schüttelt den Kopf, jagt den eigenen Schwanz – und nähert sich dabei mehr und mehr der Beute, die verblüfft auf das seltsame Treiben starrt. Eine ähnliche Verwirrtaktik setzt selbst der Mensch ein: Bei den australischen Aborigines bannen die Jäger die Kängurus mit einem wilden Tanz.
Der amerikanische Evolutionspsychologe Geoffrey Miller betrachtet den Proteismus auch als wichtiges soziales Phänomen. Zwar wird vermutet, Affen und Menschen hätten nicht zuletzt grössere Gehirne und eine höhere Intelligenz entwickelt, damit sie das Verhalten ihrer Artgenossen besser vorhersehen und damit sozial berechenbarer agieren können. Neben einer solchen gruppenstärkenden Verlässlichkeit dürfte aber zum individuellen Vorteil durchaus auch ein gewisses Mass an Unberechenbarkeit von Nutzen sein.
Für ein dominantes Männchen ist es etwa durchaus von Vorteil, wenn die andern Männchen nicht genau wissen, wie weit sie es mit ihrem aufmüpfigen Verhalten treiben können. Aus Angst vor den unkalkulierbaren Wutausbrüchen des Chefs bleiben sie lieber brav und gehorsam.
Leben Affenweibchen in Gruppen mit mehreren Männchen und paaren sie sich mit einem bestimmten Männchen, müssen sie fürchten, dass ihre Jungen von einem andern Männchen, das selber Vater werden möchte, aus dem Weg geräumt werden. Wenn sich das Weibchen jedoch sexuell freizügig verhält und mit einer Vielzahl von Männchen kopuliert, ist die Vaterschaft unsicher. Kindstötung wird jetzt für das einzelne Männchen unattraktiv, denn das Kleine könnte ja sein eigener Nachwuchs sein.
Das Interesse höherentwickelter Tiere für Neues und die Suche nach Abwechslung könnten ebenfalls von der Evolution begünstigte Varianten unvorhersehbaren Verhaltens sein. Die Lust nach Neuem führt zu spielerischem Erkunden und Ausprobieren und letztlich auch zu Kreativität: dem Schaffen von geistig oder materiell Neuem durch überraschendes Kombinieren bekannter Elemente. Selbst den menschlichen Humor, das Verknüpfen wohlvertrauter Gedanken und Handlungen zur Neuschöpfung, sieht Geoffrey Miller als eine Manifestation unserer proteischen Veranlagung.
Verspieltheit, Humor, Neugier und Erfindungsreichtum weisen auf positive Eigenschaften wie Jugendlichkeit, Vitalität und Intelligenz hin – solche Tüchtigkeit dürfte besonders sexy wirken und bei der Partnersuche entsprechend vorteilhaft sein. Schon Charles Darwin sah in der Suche nach Neuem eine wichtige Kraft bei der sexuellen Selektion. Er machte dies für die rasche Evolution von geschlechterspezifischem Schmuck wie Federbüschen oder bunten Gesichtsmustern verantwortlich.
Auch ist mittlerweile bekannt, dass die Weibchen verschiedener Vogelarten Männchen vorziehen, die ein Gesangsrepertoire mit grösserer Vielfalt und mehr Neuerungen erklingen lassen. Und wenn bestandene Männer und Frauen sich in einer neuen Liebe plötzlich wieder wie Kinder benehmen und Unvernünftiges und Unerwartetes tun, wird wohl unbewusst nochmals die proteische Karte der Jugend gezückt.