Der Psychologe
Eine Wohnung hat, so zeigt uns der Bewohner, klar definierte Funktionen: essen, arbeiten und schlafen, that’s it. Das soziale Leben, vom Einzelgänger immer wohldosiert, findet anderswo statt. In der Bar um die Ecke, auf Reisen oder im Business. Dieses dürfte grafisch oder fotografisch sein, vielleicht auch in der Werbung, jedenfalls gehört man dieser eigenartigen Apple-Sekte an.
Und bitte nur keinen Dekor. Die Ästhetik liegt in der klar definierten Entscheidung für das schlichte Mobiliar und in den noch viel grösseren Zwischenräumen: Im Weglassen zeigt sich der Geniesser. Und im sorgfältig ausgewählten Licht, das kaum von willkürlichen Farben gebrochen, auf keinen Fall durch Vorhänge, Bilder oder nette Abstelldinge eingedämmt wird. Einzige Konzession an das, was andere «Kultur» nennen, ist die perfekte Stereoanlage. Ist sie eingeschaltet, dann füllt sie ungebrochen von akustischen Hindernissen die Räume – hei, wie da das Concerto grosso klingt! Auf dem gezielt gewählten Lounge-Chair lässt sich die sonst herrschende Effizienz und Betriebsamkeit unterbrechen.
Der Bewohner weiss genau, was er will, sei es nun in der Musik, im Mobiliar oder auch in seiner Lebensart. No nonsense, please. Das, was man vielleicht vorschnell asketisch nennen würde, ist hier einfach dezidiert und cool, aber ohne Attitüde.
Gibt’s auch eine Frau? Auf dem Foto gewiss, aber sonst hinterlässt sie kaum ihre Spuren. Vielleicht ist sie heute zum Essen geladen. Warum eigentlich meint man so klar zu spüren, dass es sich um einen männlichen Bewohner der Spezies Single handelt? Man könnte sich allerdings auch täuschen, denn Individualdesign von solcher Art und Konsequenz bleibt letztlich immer androgyn. Berthold Rothschild
Die Innenarchitektin
Der Bewohner braucht wenig, und das wird sorgfältig ausgesucht: Die Entscheidung fällt vorwiegend auf Stahlrohrmöbel; zum einen auf weniger bekannte Trouvaillen aus den 1930er Jahren, zum anderen auf eine Serie diverser Charles-Eames-Entwürfe aus den 1950er und 1960er Jahren.
Gemeinsam ist den Möbeln, dass sie damals für den neuen Markt «moderne Architektur» gedacht waren, industriell hergestellt wurden und daher auch heute noch gut in den genormten, neutralen Wohnungstyp passen. Genauso stilsicher ausgesucht sind die Leuchten. Die allgemeine Beleuchtung wird am richtigen Ort mit dem intimen Licht von Steh- und Tischleuchten ergänzt.
Das Stereo-Zimmer scheint der Kraftraum zu sein. Hier wird Musik getankt und entspannt. So sieht der Klangraum eines High-End-Enthusiasten aus, auf die Raumgeometrie präzise ausgerichtete grosse Boxen dominieren dabei nicht nur akustisch, sondern leider auch visuell.
Die Klangindustrie bringt heute zwar technisch atemberaubende Produkte auf den Markt, bei deren Anblick aber dem Ästheten meist die Luft wegbleibt. Solches Funktionaldesign, das von monströs rotlackierten Hörhörnern bis zu mannshohen Mahagoniburgen reicht, ist nur für einen eingeweihten Kreis nachvollziehbar. Die hier gewählte Version zeugt auf dem Gebiet von gutem Geschmack und hat schätzungsweise einen mittleren Frauen-Akzeptanz-Faktor.
Ungezähmt bleibt trotz aller Souveränität der Einrichtung der Kabelsalat. Hier scheint der Purist bei aller Präzision noch keine Lösung anbieten zu können.
Fazit: Je reduzierter die Mittel, desto wichtiger wird das Detail. Jasmin Grego
Auflösung:
Ulrich Görlich, Professor für Fotografie
«Das Wichtigste an einer Wohnung ist Licht. Eine Wohnung mit kleinen Fenstern, wo man kaum hinausschauen kann, wo man tagsüber elektrisches Licht anmachen muss, damit man etwas sieht, wäre nichts für mich. Meine Wohnung hat grosse Fensterfronten. Ob es mich nicht stört, wenn Nachbarn bei mir hereinschauen können? Ich muss zugeben, ich schaue auch ganz gerne in anderer Leute Wohnzimmer. In diesem Quartier gibt es allerdings wenig zu sehen.
Ich wohne seit drei Jahren in Stäfa, mit Blick auf den Zürichsee, in einer eher bürgerlichen Gegend. In den 15 Jahren, in denen ich im Kanton Zürich lebe und an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Fotografie lehre, habe ich mich von einer Einzimmer- zur Fünfzimmerwohnung hochgearbeitet. Gewohnt habe ich immer nur zur Miete. Ich möchte nichts besitzen. Besitz belastet. Obwohl ich schon lange in der Schweiz lebe, bin ich immer noch fremd. Das hat auch etwas Schönes: Ich führe eine Art Exildasein.
Durch meine Wohnung kann ich dreizehn Meter am Stück gehen, ohne durch eine Tür zu müssen. In der Verlängerung liegt zudem eine kleine Terrasse. Ich habe zwar keine Affinität zu Grünzeug, aber morgens zupfe ich schon mal etwas Unkraut aus, kürzlich habe ich sogar zwei Rosenstauden gepflanzt.
Die Experten halten mich für einen Single, ich schätze, das erkennt man an der fehlenden Dekoration. Würde meine Frau noch leben, wären sicher andere Details zu sehen.
Die relative Kahlheit herrscht, weil mich alles Überflüssige nervt. Dinge, die ich nicht haben will, mit denen ich nichts anfangen kann, verschwinden – es gibt ja Ebay. Ich behalte nur, was ich auch will. Mich zu beschenken, ist äusserst heikel, ausser bei Büchern und CD. Das Abstossen unerwünschter Geschenke geschieht natürlich nicht sofort, ich halte eine gewisse Schamfrist ein.
Weshalb ich keine Bilder aufgehängt habe? Weil es nicht geht. Nicht technisch oder handwerklich, nein, ich kann das ästhetisch nicht verkraften. Es sieht furchtbar aus. Ich habe auch keine meiner Fotografien stehen oder hängen, die sind im Computer oder hoffentlich verkauft. Als Kind gab es bei uns auch nicht viel. Meine Eltern flohen im Zweiten Weltkrieg aus Schlesien in die Nähe von Hannover aufs Land in eine kleine Wohnung. Da war kaum Platz. Ob das mein ästhetisches Bewusstsein geprägt hat? Man macht daraus eines. Ich behaupte: Zuerst war das Gefühl da, und erst später wird daraus eine Ästhetik.
Besonders gerne halte ich mich in der Gegend Esszimmer und Couch-Bereich auf. Auch wegen der Musikanlage. Bei mir gibt es zwei Arten von Musikhören: die Anlage läuft, und ich arbeite, oder ich stelle die Liege in die richtige Position und höre ernsthaft zu. Da die Qualität mit der Lautstärke wenig zu tun hat, höre ich selten laut, bei Opern ist es jedoch manchmal unabdingbar. Die Anlage ist eine Einzelanfertigung, alles handgearbeitet. Ich habe mir vor dreissig Jahren in Deutschland das erste Teil gekauft, seither lasse ich mir sporadisch neue Teile dazu anfertigen, die technische Entwicklung bleibt schliesslich nicht stehen. Meine jüngste Errungenschaft ist über der Anlage an der Wand befestigt, ein kleines goldenes und ein kupfernes Schälchen, sie schwingen mit und verändern den Klang. Raumtuning nennt sich das. Ob Frauen positiv auf das Design der Anlage reagieren, kann ich nicht sagen, das habe ich nie ausprobiert. Aber meine Frau hat sie toleriert, weil sie selbst sehr gerne Opern hörte. Ich höre fast nur Klassik. Ich bin Wagner-Fan.
Eigentlich bin ich ein ganz biederer Typ. Ich meide das Nachtleben, gehe auch nicht ins Kino. Nie. Aber ich gehe gerne auswärts essen – allein. Früher nahm ich noch ein Buch mit, an dem ich mich festhalten konnte. Heute geht das auch ohne. Ein typisch grossstädtisches Verhalten? Stimmt. Ich lebte zwanzig Jahre in Berlin. Ich gehe allein essen, weil ich beim Essen einfach gern nur esse und nicht Probleme wälze. Italiener reden beim Essen übers Essen. Das finde ich wunderbar. Wir aber gehen essen und reden über Probleme.
Gäste habe ich selten. Aus einem einfachen Grund: weil ich seit Jahren schon nicht mehr koche. Sollte aber doch Besuch kommen, lasse ich vorher meinen Staubsaugerroboter los. So ein kleines rundes Ding, ohne Kabel. Bei den leeren Flächen und wenig Möbeln hat er die Wohnung in kurzer Zeit vom gröbsten Staub befreit.