NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Was wäre, wenn der Mensch nur einmal im Jahr brünstig wäre

Von Nigel Barley
Ich kannte einmal einen angesehenen Biologieprofessor, der immer wusste, wann seine Sekretärin ihre Tage hatte. Er könne es daran erkennen, dass die Topfpflanze auf seinem Schreibtisch zu welken anfange. Dann benahm er sich besonders rücksichtsvoll und vermied alle Provokationen.

Die Menstruation verbindet die Frauen mit dem Rhythmus des Universums, dem Mondzyklus, von dem die Männer abgeschnitten sind. Sie ist ihr grosses Geheimnis. In vielen Teilen der Welt wird Menstruationsblut als ein tödliches Blut betrachtet, das der Männlichkeit den Garaus macht; aber diese Vorstellung ist zugleich ein Fluch, weil er als Vorwand für den Ausschluss der Frauen aus der Öffentlichkeit dient. Muss das so sein? Hätte die Natur die Dinge nicht weiser einrichten können?

Die Alternative, die wir aus der Tierwelt kennen, ist der Östruszyklus. Er regiert nicht nur die Fruchtbarkeit als solche, sondern auch das Aufflammen des Sexualtriebs. Statt das ganze Jahr über sexuell empfänglich zu sein, teilt sich das weibliche Leben unter diesem Arrangement in Perio­den relativer Asexualität und in kurze, aber heftige Brunstzeiten mit allerlei Begleiterscheinungen im männlichen Verhalten. Elche heulen den Mond an, Hirsche lassen ihre Geweihe gegeneinanderkrachen, Kater verbringen ihre Nächte in lautstarker Raserei. Ein solches Arrangement brächte auch uns Menschen Vorteile.

Die Ungewissheit der Männer hat ein Ende. Ob sie mich liebt oder nicht liebt, ist keine Frage. Man kann es vom Kalender ablesen. Das ist kein sexistisches Gedankenspiel, denn die Weibchen behalten ja das Recht der Wahl: Sie können sich den Vogel mit dem schönsten Gefieder, den Hirsch mit dem prachtvollsten Geweih, den Bären mit der stärksten Pranke aussuchen, und der Östrus bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Männchen sich einen Harem von Weibchen hält. Zweierbeziehungen können mit dem Östrus Tatze in Tatze gehen, und vermutlich brauchte Brad Pitt mehr Schutz vor Frauen als umgekehrt.

Die Synchronisierung der männlichen und weiblichen Lust vereinfacht unser aller Leben. Wenn wir von einer neunmonatigen Schwangerschaft ausgehen, geraten die Frauen wahrscheinlich im Herbst in Wallung, damit die Kinder im Frühjahr zur Welt kommen. Männliche Flegel und Rüpel verschwinden aus unserem Strassenbild – bis am Erntedankfest das Chaos ausbricht und, angeregt durch die brünstige Empfänglichkeit der Frauen, das Testosteron wie ein Tsunami den männlichen Körper überschwemmt.

Das Oktoberfest stellt die Welt auf den Kopf, es wird zu einer Kreuzung aus Popfestival mit Fussballkrawallen und Orgien. Wir geben uns jeder erdenklichen Ausschweifung hin, blamieren uns bis auf die Knochen und stürzen in die Untiefen unseres unterdrückten animalischen Wesens hinab. Die Psychiater können ihren Beruf an den Nagel hängen, und wir brauchen nicht mehr jene langweiligen Gespräche darüber zu führen, was wir während des Urlaubs getrieben haben. Da der Hormonspiegel während des restlichen Jahres viel niedriger liegt als heute, überlassen wir uns in dieser Zeit ungestört der Herrschaft der Vernunft. Keuschheit und Mässigung werden nicht andauernd in Frage gestellt.

Die alten Römer haben, wie viele andere Gesellschaften, mit einer kulturellen Version dieses Systems geliebäugelt, in dem sich Abstinenz und dionysischer Exzess abwechselten, und hielten es für fruchtbar; aber erst saisonale Hormonschübe werden die kulturell und intellektuell quälende Frage nach dem richtigen Leben ein für alle Mal beenden.

Gewiss gibt es auch ein paar Probleme. Homosexuelle werden zwar nicht unbotmässig benachteiligt, und die Alten und Hormonlosen können weiter über die Torheit der Jugend wettern. Aber da die Brunstzeiten natürlich nur regional synchronisiert sind, können Fernreisende an einer neuen Form des sexuellen Jetlags leiden, die wesentlich störender ist als die simple Verschiebung des Wach-Schlaf-Rhythmus. Ein Nebeneffekt, den man je nach Auffassung, für segensreich oder für bedauerlich halten mag, ist, dass der Geschlechtsverkehr mit Australiern unendlich schwierig wird. Die Natur erhält die einmalige Gelegenheit, ein vollkommen neues Leiden zu entwickeln: die Sexuelle Synchronisationsstörung, einen chronisch verschobenen Brunst­rhythmus.

Wie ich mich kenne, würde ich mit Sicherheit an dieser Störung erkranken und erst dann zu glubschäugiger Hochform auflaufen, wenn all die anderen Überlebenden der diesjährigen Brunst bereits sexuell geläutert und ausgenüchtert den Schwanz einzögen und in Kirche, Spital oder Geburtshaus pilgerten. Dann bliebe mir nichts anderes übrig, als voller Geilheit durch die Flughafenterminals zu streunen und unter den abschätzigen Blicken anständiger Bürger mit geregeltem Hormonhaushalt die Ankunftstafel anzuröhren, auf der verzweifelten Suche nach frisch eingetroffenen Australierinnen mit Sexlag.

Nigel Barley ist Ethnologe; er lebt in London.

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