NZZ Folio 11/96 - Thema: Feuer, bitte!   Inhaltsverzeichnis

Dipl. Nichtraucherin

Tagebuch einer Entwöhnung.

Von Lilli Binzegger

BEGINNEN WIR, wo es begann. Ich bin schwer vom Land. Als ich fünfzehn war, waren auf den Zigarettenreklamen schicke Leute in schicken Nachtclubs in funkelnden Grossstädten abgebildet, und ich scheute keine Anstrengung, die Landluft in meiner Lunge mit der Luft der grossen weiten Welt zu vertauschen. Natürlich hatte ich mit zehn, wie alle im Dorf, mit den Brüdern Nielen geraucht und daraufhin im Wald herumgekotzt und hätte von daher für alle Zeiten von der Lust zu rauchen geheilt sein sollen. Als ich dann mit fünfzehn, finster entschlossen, meinem Dasein als Landei ein Ende zu setzen, auf dem Heimweg vom Konfirmandenunterricht meine Stuyvesants hereinzuziehen begann, war das eine meiner frühen Erfahrungen, dass man alles kann, wenn man nur will.

Zwei Jahre danach hatten sich die sogenannten Werte gewandelt, der Landflucht war auf dem Fuss die Stadtflucht gefolgt. Nun sprudelten glasklare Bergbäche durch die Zigarettenwerbung, junge Leute in roten Socken setzten fröhlich über Weidezäune oder sassen glückselig an Lagerfeuern, einen Berner Sennenhund neben sich. Um so zu sein wie die, hätte ich nicht rauchen müssen. Aber da war ich schon auf 20 Marlboros am Tag.

Rauchen ist schön, die Zigarette eine willfährige Gefährtin. Ist man nervös, beruhigt sie einen, ist man müde, so törnt sie einen an. Alles, was sonst scharfkantiges Problem sein könnte, weichzeichnet sie mit ihrem blauen Dunst, und alles, was ohnehin schon schön ist, ist noch schöner mit ihr. Ach, was waren das alles für schöne Zigaretten danach und davor. Und dann kommt trotz allem der Tag, an dem man sich zuschaut, wie man wieder einmal alle Schubladen nach Zigaretten absucht, weil man unachtsam war und die Vorräte hat ausgehen lassen. Wie man alle Manteltaschen durchstöbert. Unter die Möbel kriecht. Im Abfall nach noch rauchbaren Stummeln wühlt. Schliesslich den Mantel über den Pyjama zieht und mitten in der Nacht zwanzig Minuten durch den Regen zum nächsten Zigarettenautomaten geht. Zu Hause feststellt, dass man auch keine Streichhölzer mehr hat. Die Herdplatte glühend werden lässt, die Zigarette anzündet daran. Und die nächste an dieser, und so fort. Einmal kommt dieser Tag.

Tagebucheintrag 4. November. «Es braucht keinen Willen», hat Blum, der Kursleiter, gesagt. Das ist gut. Auf meinen Willen möchte ich mich nämlich nicht verlassen müssen. Denn mein Wille wird sicherlich weiterrauchen wollen, ich kenne ihn.

Wir durften fürs erste Gott sei Dank weiter rauchen. Elf Frauen und ein Mann waren in dem Rauchentwöhnungskurs, der mich von nun an ein paar Donnerstagabende und - wie ich (zu Recht) befürchtete - auch die ganzen Zeiten dazwischen beschäftigen sollte. Wir müssten, sagte Blum, lediglich Protokoll übers Rauchen führen, lediglich auf ein A4-Blatt jede Zigarette eintragen, die wir rauchten. Die Zeit eintragen und die «äusseren Umstände» (was tue ich? mit wem?), den «inneren Zustand» (wie bin ich gestimmt?) und den «Grad des Verlangens» (gering / mässig / mittel / stark / unwiderstehlich). Und immer die Zigarettenschachtel ins Protokollblatt einwickeln und mit zwei Gummiringen verschnüren. Und das bei einem Zigarettenkonsum von unterdessen vierzig Stück am Tag.

Tagebucheintrag 11. November. Blum will von uns wissen, was wir vom Kurs und von ihm erwarten. Eine sagt: «Ehrlich gesagt, von Ihnen erwarte ich gar nichts.» Ich erwarte auch nichts von ihm, weil er mir ein bisschen viel quasselt, und beschliesse, ihn nur als Instrument zu gebrauchen, als Befehlsausgeber, dem ich blind folge. Weil ich mich nicht auf meinen Willen verlassen will, habe ich (ich!) mir (mir!) für das Unternehmen Rauchentwöhnung Kadavergehorsam verschrieben.

Vor den Freunden und Kollegen wäre die Eintragerei ins «Protokoll» und die Einpackerei und Verschnürerei mit den Gummiringen ja noch gegangen, obwohl ihr Kichern und ihre Sprüche («Ab nächster Woche musst Du dann jedesmal den Handstand machen, bevor Du rauchst») mir ziemlich auf den Wecker gingen. Aber tun Sie so etwas mal, wenn Sie allein im Café sitzen und die Blicke der anderen Gäste auf Ihnen ruhen. Wickeln Sie Ihre Zigarettenschachtel aus einem mit Gummiringen verschnürten Paket. Entnehmen Sie ihr eine Zigarette, machen Sie eine Eintragung aufs Blatt, das aussieht, als hätten Sie es gerade noch knapp einem Kuhmaul entrissen. Tragen Sie also beispielsweise ein: «Im Café sitzend. Allein. Hässig. Mässig.» Wickeln Sie die Zigarettenschachtel wieder in dieses Schmuddelpapier ein und spannen Sie die Gummiringe wieder drumherum. Und nun rauchen Sie. Und rauchen Sie da noch mit Genuss! Tagebucheintrag 22. November. Kollege T., Kettenraucher (Muratti), ist überzeugt, dass Blum mir den Umgang mit ihm verbieten wird. Kollege K., Kettenraucher (Marlboro), krümmt sich vor Verachtung, wenn er mir zusieht, was ich da tue. Die meisten anderen nehmen meine Verrenkungen gelassen hin. Vermutlich denken sie: das geht bestimmt rasch wieder vorbei.

Tagebucheintrag 5. Dezember. Heute Zigarettenschachtel in Manuskriptpapier statt in Rauchprotokoll eingewickelt. Dafür um ein Haar dieses in die Setzerei gegeben. Gummiringe im ganzen Büro herumgespickt.

Tagebucheintrag 9. Dezember. Ab sofort dürfen wir nicht mehr unsere Marke rauchen und müssen sie jeden Tag wechseln. Mir dreht sich der Magen bei der Vorstellung, eine Barclay rauchen zu müssen.

Tagebucheintrag 17. Dezember. Das wird mir in dem Ausmass bald nicht mehr passieren. War an einem Presseempfang irgendwelcher Briten. Stehparty mit Buffet. In der rechten Hand einen Teller mit Essen und ein Glas, in der linken die Zigarette, die Handtasche unter dem linken, ein Gastgeschenk unter dem rechten Arm, zwischen Wange und Schultern ein Brötchen geklemmt: in der Pose stellte man mich dem britischen Gastgeber vor.

Später sollten wir dann eine Woche lang während täglich drei Stunden nicht rauchen, während «drei Wachstunden» (Gott sei Dank betonte das Blum, sonst hätten wir womöglich drei Stunden im Schlaf nicht geraucht). Mein «innerer Zustand» stand nun bis zu den drei rauchfreien Stunden stets auf «hässig» und nach den drei Stunden immer auf «froh», aber ich hielt durch. Ich hielt auch weitgehend durch, als man eine Woche lang täglich «sechs Wachstunden» lang nicht rauchen sollte (Tagebucheintrag 28. Dezember: Heute nur vier Stunden nicht geraucht. Blum soll sich mit vier Stunden zufriedengeben.) Nach zwei Stunden flackerten mir jeweils die Augen vor Gier. Die Kollegen, die einst zuversichtlich gewesen waren, dass sich das mit mir rasch wieder geben werde, sprachen in meiner Gegenwart nun im Flüsterton und gingen auf Zehen. Blum rief angesichts unserer Standhaftigkeit begeistert ins verbliebene Grüppchen Unentwegter (die Hälfte hatte unterdessen schlappgemacht): «Share the feeling!» (of no smoking). (Tagebucheintrag jenes Abends: Schlage Blum nächstesmal tot.)

Ich hielt auch durch, als zu den anderen Schikanen die mit dem Konfitürenglas kam: Man liess uns zwar ausserhalb der sechs rauchlosen Wachstunden immer noch rauchen, soviel wir wollten, wir hatten als Aschenbecher aber ausschliesslich ein grosses Konfitürenglas zu benutzen, das wir nie leeren durften. Es war die Jahreszeit der Theaterpremieren, und so konnte man mich denn in der Pause im Schauspielhausfoyer dabei antreffen, wie ich eine Zigarette, nachdem ich sie aus dem schmuddeligen, zerknautschten Papier herausgeschält und sie auf dem Rücken meines Begleiters auf das Blatt eingetragen hatte, nach und nach in ein Konfitürenglas entsorgte, das halb voll stinkender Zigarettenstummel war. Ich im kleinen Schwarzen, versteht sich. Kurz, ich liess alles mit mir machen, folgte willenlos und missmutig Blums Programm, fromm glaubend, dass es eines Tages wie von allein zu rauchen aufhöre bei mir.

JETZT RAUCHE ICH schon lange nicht mehr. Ganz von allein hat es allerdings nicht aufgehört. Blum, der Verräter, sagte nie: jetzt dürft ihr nicht mehr rauchen, Blum, dieser Verräter, setzte letztlich eben doch auf den Willen und auf die Vernunft. So stand ich denn da mit meinem Gehorsam ohne Befehl und hielt, während ich weiterhin dreissigmal am Tag meine Zigarettenschachtel einpackte (immerhin schon nur noch dreissigmal!), Ausschau nach einer neuen Autorität. Ich hörte von einer Organisation, die einem per Klammer im Ohr das Rauchen abzugewöhnen versprach, beschloss, mich dort anzumelden und den Termin, den man mir gab, den 12. Januar, 14 Uhr 15, als Befehl zum Aufhören zu interpretieren.

Bis dahin wollte ich, um mich später bei der Stange zu halten, die gelbgerauchten Wände meiner Wohnung streichen und mir das Rauchen nur noch in den jeweils noch ungestrichenen Räumen erlauben. Da mich schon beim Streichen des Schlafzimmers der Hexenschuss traf und ich mich für jede Zigarette in eines der anderen Zimmer schleppen musste, obwohl ich kaum liegen, geschweige denn gehen konnte, war ich richtig erleichtert, als der 12. Januar kam.

Am 12. Januar um 14 Uhr 10 habe ich meine letzte Zigarette geraucht. Nicht, dass das für mich und meine Umgebung ohne Folgen geblieben wäre (Tagebucheintrag 22. Januar: R. [der Freund] ist über meine Entwöhnung, obwohl selber Nichtraucher, nicht froh. Tagebucheintrag 15. März: Ehe ich noch lange so weiterfresse, fange ich an zu fixen.) Für die Klammer hatte ich 350 Franken hingelegt, nicht viel, gemessen an dem, was ich mit dem Nichtrauchen an Geld sparen würde. Weil ich von nun an so viel Geld sparen würde, belohnte ich mich unablässig für das Nichtrauchen, bis ich die Belohnungen einmal zusammenzählte und feststellte, dass ich ungefähr 120 Jahre lang hätte nichtrauchen müssen, um all das viele Geld wieder hereinzuholen.


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