VOR GUT HUNDERT JAHREN sorgte eine wissenschaftliche Entdeckung für Unruhe unter den Biologen und löste vehemente Reaktionen beim gewöhnlichen Volk aus. Die verschiedenen Arten von Pflanzen und Tieren, dies ihr Inhalt, seien höchstwahrscheinlich nicht vom lieben Gott geschaffen und an ihren Ort gesetzt worden, sondern hätten sich im Laufe der Zeit aus primitiveren Vorfahren entwickelt. Die Aufregung schlug in Hysterie um, als sogar der Krone der Schöpfung das himmlische Label aberkannt wurde. Der Mensch nur noch ein hochspezialisierter Affe - das ging (und geht heute noch) manchen zu weit.
Schon in der Schule haben wir gelernt, dass der englische Gelehrte Charles Darwin die sensationelle Entdeckung auf Galápagos machte, den Inseln westlich von Ecuador, die er im Herbst 1835 auf seiner Weltreise besuchte. Da, fasst Grzimeks «Tierleben» die wissenschaftliche Grosstat zusammen, «entdeckte er unter anderem auch die heute nach ihm benannten Darwin-Finken. Durch das Nebeneinander überaus ähnlicher Formen kam er auf den umwälzenden Gedanken von der Veränderlichkeit der Arten und von der Herleitung ähnlicher Arten aus gemeinsamen Ahnenformen.»
Darwin also ein kritischer Geist, der die Natur mit wachem Auge zu beobachten wusste und angesichts der Diskrepanz zwischen Fakten und Dogma der vorherrschenden Gelehrtenmeinung mutig entgegentrat? Wie Politik und Sport hätschelt auch die Wissenschaftsgeschichte ihre Helden und nimmt es mit der Wahrheit nicht immer genau. So war die Geburt der Evolutionslehre keineswegs ein Heureka. Darwin brauchte Jahrzehnte, bis er sich überhaupt getraute, der Fachwelt die revolutionären Gedanken zu präsentieren. Erst 1859 publizierte er mit «On the Origin of Species» die mittlerweile klassische Theorie.
Darwin hatte Theologie studiert und Landpfarrer werden wollen. Sein Interesse für Naturwissenschaften liess ihn an einer fünfjährigen Forschungsreise rund um die Welt auf dem Schiff «Beagle» teilnehmen. Hauptzweck der Reise war die Vermessung der Küste Südamerikas, und die Expedition konzentrierte sich auch während der fünf Wochen im Archipel von Galápagos vor allem auf kartographische Arbeit. Insgesamt besuchte Darwin vier der vielen Inseln, wobei er vorwiegend Pflanzen sammelte. An Bord genommen wurden ausserdem 30 lebende Riesenschildkröten - aber nicht aus wissenschaftlichem Interesse, denn sie landeten auf der Rückreise eine nach der andern in der Kombüse. Dabei hätte die auf den einzelnen Inseln unterschiedliche Form der Schildkrötenpanzer Darwin durchaus stutzig machen können. Jahre später schrieb er, er sei von Inselbewohnern darauf aufmerksam gemacht worden.
Auch in den paar Dutzend gesammelten Vogelbälgen erkannte Darwin keineswegs nahe verwandte Arten. Er liess sich von der erstaunlichen Vielgestaltigkeit, vor allem den unterschiedlichen Schnabelformen, täuschen und ordnete die Tiere sogar verschiedenen Familien zu. Zurück in England, suchte Darwin 1837 den Kontakt zu Experten, die sein gesammeltes Material wissenschaftlich bestimmten. Der Ornithologe John Gould erkannte sofort, dass die Galápagosvögel unbekannten Arten zugehörten, die jedoch mit Formen des südamerikanischen Festlandes verwandt sein mussten. Alle waren sie Finkenarten.
Nachdem ein Paläontologe ausserdem die vom südamerikanischen Festland mitgebrachten Fossilien von Riesentieren als Vorfahren heutiger, kleinerer Tierarten interpretiert hatte, fiel bei Darwin der Groschen. Er erkannte, dass in der Natur ein Prinzip herrscht, das im Zeitenlauf aus den vorhandenen Tierarten neue schafft, wobei sich aus einer Vielfalt biologischer Varianten jeweils die am besten an die Umgebung angepasste durchsetzt. Die von Darwin schliesslich postulierte «natürliche Selektion» gilt auch heute noch als Triebfeder der Evolution. Das Gedächtnis des biologischen Wandels, die in jeder Zelle vorhandenen Gene, entdeckte die Forschung allerdings erst viel später.
Darwin notierte seine Gedanken über die «Transmutation der Arten» in mehreren Notizbüchern - eine Publikation getraute er sich nicht.
So vergingen mehr als zwanzig Jahre, bis sich der Gelehrte plötzlich gezwungen sah, seine Entdeckung der Öffentlichkeit zu präsentieren. 1858 schickte der englische Naturforscher Alfred Wallace einen Fachaufsatz an Darwin mit der Bitte, die Arbeit zu kommentieren. Wallace hatte durch Studien an Pflanzen und Tieren im Malaiischen Archipel herausgefunden, dass es eine natürliche Selektion geben muss, die an Nachbarorten, die durch Berge oder Gewässer geographisch getrennt sind, laufend neue Arten und Unterarten entstehen lässt.
Darwin erkannte mit Schrecken, dass er hier die eigene Theorie in Händen hielt - die Lorbeeren waren nur noch mit einem Blitzmanöver zu gewinnen. Einflussreiche Kollegen arrangierten, dass der Aufsatz von Wallace gemeinsam mit einem Aufsatz von Darwin vor der Linnean Society of London verlesen wurde. In einem Gewaltsakt produzierte Darwin jetzt innert Monaten sein längst überfälliges Buch über die Entstehung der Arten. Von den Galápagosfinken steht indes kein Wort drin. Darwin hatte es nämlich auf Galápagos verpasst, die Vogelbälge nach genauem Fundort zu etikettieren, was seine Sammlung als Beweis für eine inselspezifische Entwicklung der Finken untauglich machte. Als Kronzeuge für biologische Anpassung und Veränderlichkeit präsentierte Darwin die domestizierte Taube.
Den Finken auf Galápagos verhalfen andere zum Ruhm. Um die Mitte unseres Jahrhunderts zeigten die Ornithologen David Lack und Robert Bowman, dass die 13 verschiedenen Finkenarten alle von einem Urahnen abstammen müssen, der vor Hunderttausenden von Jahren vermutlich im Sturmwind vom südamerikanischen Festland auf die 1000 Kilometer entfernte Inselgruppe getrieben worden war. Sukzessive besiedelten diese frühen Finken dann Insel um Insel, wobei sie sich an die jeweilige lokale Umgebung anpassten. Da die Galápagosinseln erst vor wenigen Millionen Jahren als Vulkane aus dem Meer emporgewachsen waren, gab es dort nur sehr wenig anderes Tierleben. Die Finken konnten ökologische Nischen nutzen, die auf dem viel älteren südamerikanischen Festland Vertreter verschiedener Vogelfamilien und sogar kleine Säuger besetzen.
So gibt es heute auf Galápagos drei Arten von Bodenfinken mit grossem, mittlerem und kleinem stumpfem Schnabel sowie eine vierte Gruppe mit scharfem spitzem Schnabel, die jeweils an das Fressen von Samen verschiedener Grösse und Härte angepasst sind. Vier Arten leben auf Bäumen, wobei sich eine vegetarisch ernährt und die andern je ihre eigene Insektennahrung konsumieren. Der Laubsängerfink gleicht in Gestalt und Verhalten einer Grasmücke; der Spechtfink sucht sich als Werkzeug ein Stecklein oder einen Kaktusdorn und stochert damit Insekten aus ihrem Versteck. Der Spitzschnabel-Grundfink schliesslich hat gelernt, grossen Seevögeln beim Brüten die Haut zwischen den Federn anzupicken und so als Vampir vom Blut seiner Opfer zu leben.
Dass sich Evolution nicht nur bei Mikroorganismen, sondern selbst bei höheren Organismen direkt mitverfolgen lässt, gehört zu den spannendsten Ergebnissen moderner Feldforschung. Das amerikanische Forscherpaar Peter und Rosemary Grant studiert seit mehr als zwanzig Jahren auf der nur 33 Hektaren grossen Galápagosinsel Daphne Major alle vorhandenen Finken. Um die Einzeltiere zu identifizieren, beringen sie jeden Vogel, was bei den zahmen Tieren problemlos möglich ist. So sammelten sie Informationen über 19 000 Finken während zweier Dutzend Tiergenerationen.
Dabei zeigte sich, dass wechselnde Klimabedingungen, wie sie auf den Galápagos infolge des launenhaften El-Niño-Phänomens der Meeresströmungen auftreten, innert Monaten die Finkenpopulationen modifizieren: Eine Dürre im Jahre 1977 reduzierte den auf Samen angewiesenen Mittleren Grundfinken von 1400 Individuen auf nur noch 200, während der von Kaktusfrüchten lebende Kaktusfink besser über die Runden kam. Beim Mittleren Grundfinken blieben vor allem die Typen mit besonders grossem Schnabel übrig, denn sie allein konnten jetzt die grösseren und harten Samen knacken, nachdem der Vorrat an weichen Samen aufgebraucht war.