NZZ Folio 07/01 - Thema: Käfer und Co   Inhaltsverzeichnis

Haustiere der anderen Art

Was in unseren Wohnungen alles kreucht und fleucht.

Von Lilli Binzegger

Schädlinge? Eine Frage des Standpunkts, sagen Gabi Müller, Isabelle Landau und Marcus Schmidt, die an der Walchestrasse 31 in Zürich im 3. Stock hinter der Tür mit dem grossen Plakat eines Speckkäfers sitzen und fast alles über das wissen, was wir Hausschädlinge nennen. Die Stubenfliege, die wir erschlagen, und das Silberfischchen, dem wir Chemie ins Gesicht spritzen, sehen das nämlich anders als wir.

Der Agronom und die beiden Biologinnen der städtischen Beratungsstelle für Schädlingsbekämpfung sind wochentags von halb zwei bis halb drei da für Leute, für die Hausgäste wie Mäuse, Ratten, Ameisen, Schaben, Milben, Teppichkäfer, Motten, Spinnen oder dergleichen meist definitiv unliebsam sind. Manchem graut's vor diesen Tieren ja schon, wenn er einem einzigen Exemplar begegnet, geschweige denn vielen. Oft graut's einem, weil ein Tier, etwa eine Made, keine Beine hat, oder dann, wie der Weberknecht, zu viele. Vor der dicken, haarigen Spinne graut es einem, weil sie unbewegt in einer Ecke hockt, und vor der Kakerlake, weil die beim ersten Lichtschein unter den Kühlschrank huscht. Wie sie's auch machen: es ist uns nicht recht. Und am allermeisten graut es einem vor denen, die so gut wie unsichtbar sind und die Phantasie daher am meisten beflügeln. Etwa vor der Hausstaubmilbe. Wenn man ihr dann auch noch ins mikroskopisch vergrösserte Gesicht geschaut hat, will man nicht mehr richtig glücklich werden mit der Vorstellung, dass Matratze und Kopfkissen ihre bevorzugten Behausungen sind.

Alles nicht so schlimm, sagen Müller, Landau und Schmidt. Die netten Spinnentierchen sind völlig harmlos, wenn man nicht gerade allergisch auf ihre Ausscheidungen ist, und man kann sie sich sowieso nicht völlig vom Leib halten. Viel mehr als alles immer schön ausschütteln und das Bettzeug nicht allzu alt werden lassen und regelmässig lüften kann man nicht tun.

Die drei hören sich an, was man ihnen am Telefon berichtet, und schauen sich an, was man ihnen im Konfitürenglas herbringt. Und die Leute, die sich manchmal mehr vor der Schande als vor dem Getier selbst fürchten, beruhigen sie erst mal, dass keiner etwas dafür kann, wenn er es im Haus hat. Alle Reinlichkeit schützt einen nicht vor den Kakerlaken, wenn man sie im Feriengepäck mit nach Hause gebracht hat oder wenn sie vom unteren Stock eingewandert sind.

Auch nicht vor den Silberfischchen, die sich's im nicht gut ausgetrockneten Neubau und in den warmen und feuchten Hohlräumen hinter Badezimmerkacheln halt einfach gern gut sein lassen. Unappetitlich wird's erst, wenn sich die Tiere ungehemmt vermehren. Die drei, vier Silberfischchen im Bad kann man sich also gut als nette Hausgenossen halten, sagen Müller, Landau und Schmidt. Das urtümliche Insekt, das die Erde seit 300 Millionen Jahren bewohnt, ist mit seinem silbernen Leib ja auch sehr schön. Als Kleinfamilie tun sie niemandem etwas, sie bescheiden sich meist mit dem, was in den Nassräumen einer nicht klinisch reinen, also normalen menschlichen Behausung halt an Hautschuppen, Haaren und Nahrungskrümeln für sie abfällt. Am liebsten mögen sie Zucker, weshalb sie auf Lateinisch Lepisma saccharina heissen. Aber sie fressen auch gern stärkehaltige Stoffe wie Leim. Wenn man nicht sowieso gerade seiner Briefmarkensammlung überdrüssig ist oder ein paar Bücher loswerden möchte, können sie in Mengen somit schon zum Ärgernis werden.

Kalt und trocken mögen es die Silberfischchen wie die meisten der ungeladenen Hausgäste nicht, also kann man ihnen mit Lüften oft schon ziemlich gut beikommen. Oder man saugt sie mit dem Staubsauger gezielt aus Ritzen und Fugen. Solange der Befall nicht dramatisch ist, raten Müller, Landau und Schmidt nicht gleich zu Insektiziden. Sie selbst benutzen aber immer Gift, wenn sie in öffentlichen städtischen Gebäuden - alles andere wird den privaten Schädlingsbekämpfungsfirmen überlassen - eine Bekämpfung durchführen. Alle drei haben sie sich an einer obligatorischen Schulung zusammen mit Drogisten, Bademeistern (Chlor!), Automechanikern (Batterien!), Malern und so fort die Giftbewilligung C erworben, die sie nach Bundesgesetz über den Verkehr mit Giften zum Umgang mit Stoffen der Giftklassen 2 und 3 berechtigt.

Alle nichtabbaubaren Gifte sind seit den fünfziger Jahren verboten. Leider, sagt Landau, auch Arsen. Denn Arsen war das perfekte Ameisengift, weil es verzögert wirkt, von den Ameisen also erst noch in die Nester getragen werden kann, bevor sie selbst daran sterben. Also pröbelt man, versetzt die vanillepuddingähnliche Paste aus Hydramethylnon, die man jetzt als Köder benutzt, mit Fleisch, Honig oder anderen Ingredienzen, weil nicht alle Ameisen dasselbe mögen. Bei den Kakerlaken hingegen muss jede einzelne an den Köder, denn bei den Kakerlaken schaut jede nur für sich selbst. Das alles macht den Job so interessant, sagen Landau, Müller und Schmidt.

Schaben, auch Kakerlaken genannt, sind aber ohnehin das ernstere Problem als Ameisen, solange es Küchen- und nicht Waldschaben sind und die Ameisen einheimische und nicht Pharaoameisen. Die etwas kleinere, schmalere Waldschabe, die sich im Frühling und Sommer auf die Balkone und manchmal auch in eine Wohnung verirrt, ist nämlich völlig harmlos und kehrt von allein in den Garten zurück oder vertrocknet. Die kleine, tropische Pharaoameise hingegen ist einer der schlimmsten Hygieneschädlinge der Welt. Man hat sie, seit sie 1902 in der Schweiz zum ersten Mal beobachtet wurde, mit allen Mitteln daran zu hindern gesucht, ansässig zu werden. Denn die scheut auf ihrer Nahrungssuche vor gar nichts zurück. Die schafft es, weil sie sehr klein ist, selbst in steril verpackte Materialien und sogar unter Wundverbände.

Müller und Schmidt - Landau hat frei - haben mich auf Inspektion eines Hauses im Kreis 3 mitgenommen, aus dem die Meldung eingegangen ist, es sei von Kakerlaken befallen beziehungsweise von Schaben beziehungsweise von Preussen-, Franzosen- oder Schwabenkäfern: Man gab dem lichtscheuen Getier gern den Namen der ungeliebten Nachbarn. Das Mietrecht und die städtische Hygieneverordnung verpflichten die Hauseigentümer, ihre Wohnungen frei von Ungeziefer zu halten. Wir läuten. Niemand macht auf. Weil Kakerlaken sich von einer Wohnung über Leitungskanäle und Lüftungssysteme rasch in alle anderen Wohnungen des Hauses ausbreiten und man sowieso das ganze Haus behandeln müsste, versuchen wir es mit einer Wohnung einen Stock weiter oben. Jetzt öffnen zwei junge Südamerikanerinnen freundlich die Tür und lassen uns erstaunlich bereitwillig herein.

Ich weiss nicht, ob ich gleich freundlich reagieren würde: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen arglos am Tisch und lesen zum Kaffee die Zeitung. Es läutet, und draussen stehen mit grossen Taschenlampen in der Hand Müller und Schmidt und sagen, aus Ihrem Haus seien Kakerlaken gemeldet worden und ob sie da mal nachsehen können. Ich meine: Wer hat denn schon immer so aufgeräumt und geputzt, dass man ihm unangemeldet in die Besteckschublade und unter den Kochherd gucken kann. Müller und Schmidt leuchten auf Knien hinter und unter dieses und jenes und entdecken schliesslich hinter dem Lüftungsgitter des Kühlschranks ein paar tote Kakerlaken, aber nirgends ein Eipaket oder den charakteristischen kaffeesatzähnlichen Kot, nichts, was auf lebende hinweisen würde. Die Kadaver müssen noch vom letzten Mal sein, das Haus ist vor ein paar Monaten schon einmal behandelt worden.

In keiner der anderen Wohnungen ist einer zu Hause. So leicht ist es nicht, der Anzeige nachzugehen, deren Erstatter den Hausbewohnern gegenüber anonym bleiben muss, was ihr etwas Denunziatorisches gibt. Müller und Schmidt werden es an einem anderen Tag nochmals versuchen, ohne Anwesenheit der Mieter geht nichts, und wenn er anwesend ist, muss er mit der Wohnungsdurchsuchung auch noch einverstanden sein. Andere Male ist der Fall schon im Treppenhaus klar, manchmal wimmelt es schon dort von Kakerlaken. Da verkriechen die sich auf der Flucht vor dem Licht oft noch in die Hosenumschläge von Müller, Landau und Schmidt. Manchmal, sagen sie, treffen sie auf ihren Inspektionen ganz elende Verhältnisse an, bei Leuten, die nicht oder nicht mehr imstande sind, dem Leben und dem Getier die Stirn zu bieten.

Dass aus den Stadtkreisen 3 bis 5 öfter Kakerlaken gemeldet werden als vom Zürichberg, liegt aber nicht daran, dass die Leute vom Zürichberg dem Leben besser gewachsen wären, sondern daran, dass es dort mehr Wohneigentum hat und somit weniger Wechsel der Bewohner: je höher ihre Fluktuation, desto grösser das Risiko, dass auch unliebsame Mitbewohner einziehen. Am grössten ist das Risiko dort, wo Mieter sich nicht zu reklamieren getrauen, weil sie fürchten, man ziehe sie für den Schädlingsbefall zur Rechenschaft. Das sind oft der Sprache unkundige Ausländer, und wenn sie aus einem Kriegs- oder anderen Krisengebiet kommen, wo man anderes im Kopf hat, als Kleingetier zu bekämpfen, haben sie tatsächlich oft Schädlinge mit im Gepäck.

Müller, Landau und Schmidt lieben ihren Beruf. Sie lieben es, mit Menschen in Kontakt zu kommen, in Vorträgen und Schulungen und bei den Leuten, die Rat suchen, Aufklärungsarbeit zu leisten: dass das, was da im Haus und ums Haus herum kreucht und fleucht, selten wirklich bedrohlich ist; dass Ameisen, die ein paar Tage lang eine Strasse durch die Wohnung ziehen, oft ohne Eingreifen plötzlich wegbleiben. Dass Kleidermotten nicht Schaben sind, obwohl die Hälfte der Leute sie so nennen, und uns die Wollpullover und Pelze wegfressen, wenn wir sie nicht daran hindern. Das tut man am einfachsten, indem man ein Mottenpapier zu den Sachen legt und sie nicht ungewaschen überwintert, weil den Kleidermotten unser Körperschmutz sozusagen die Butter aufs Brot ist.

Und dass die Kleidermotte nicht zu verwechseln ist mit der Dörrobstmotte, die ihrerseits einen verwirrlichen Namen hat, weil sie beziehungsweise ihre Larven sich heutzutage eher über unsere Spaghetti, Frühstücksflocken und Guetsli hermachen. Die suchen sich ihren Weg manchmal selbst durch die Windungen von Schraubverschlüssen, und was sie vor ihre Nager bekommen haben, ist voller Spinnfäden und Kot und nicht mehr zu geniessen. Man wirft es weg, aber da irgendwo in der Küche die erwachsenen Motten darauf warten, ihre Eier auf neuen Nahrungsmitteln abzulegen, bewahrt man die Spaghetti, Frühstücksflocken und Guetsli am besten eine Zeitlang im Kühlschrank oder in luftdichten Gefässen auf.

Es gibt 350 000 Käferarten, und wir haben noch keinen einzigen genannt, obwohl Teppichkäfer und Pelzkäfer uns sehr wohl auch an die Wäsche gehen und der Nagekäfer Anobium punctatum beziehungsweise seine Larve ans Holz. Das Anobium punctatum ist gewissermassen der Antikkäfer, der neue Möbel zu alten macht und alte zu Staub. Es gibt 4000 Schabenarten, also sei neben der Küchenschabe und der Waldschabe wenigstens noch die Braunbandschabe erwähnt, einfach weil einem so gefällt, was man sich über sie erzählt: dass sie sich gern in schön warmen Computergehäusen breitmachen und dort schon auch mal für einen Absturz sorgen und nicht ungern auch in Telefone kriechen. Und aus ihnen heraus!

Müller, Landau und Schmidt lieben ihre Arbeit und lieben dennoch auch, was sie töten müssen. Wenn sie gegen Kakerlaken Giftköder auslegen, fällt ihnen das aber doch weniger schwer, als wenn sie mit Blutgerinnungshemmern den Ratten zu Leibe rücken. Und gegen Ratten müssen sie jeweils ausrücken, bevor die Lokalradios wieder einmal den Niedergang der Stadt beschwören. Sie zerstören kein Wespennest gern, ist die Wespenart selten, lassen sie es umsiedeln, ebenso Hornissennester. Die Tiere, die geschickt Jagd auf Spinnen, Fliegen und Baumschädlinge aller Art machen und nicht gefährlicher als Wespen sind und sogar weniger aggressiv, haben wir schon fast ausgerottet, weil wir all den Geschichten aufsitzen, wonach zehn Hornissenstiche ein Pferd töten sollen und drei einen Menschen.

Manchmal bringen die Leute in die Beratungsstelle Insekten und Spinnen, die Müller, Landau und Schmidt noch nicht kennen oder jedenfalls noch nicht in ihrer Sammlung haben, die sie, jeder für sich, sorgsam nachführen. (Meinen Dickmaulrüssler hatten sie aber schon.) Unter dem Binokular werden die auf Nadeln gespiessten Punkte zu faszinierenden Wesen mit gemusterten Flügeln und geschuppten Panzern, mit gefiederten Fühlern, gepunkteten Beinen. Spinnenliebhaber kommen vorbei, um Spinnen zu betrachten, Spinnenphobiker rufen an, es solle sofort jemand die Spinne in ihrer Wohnung beseitigen kommen. Für sie kann man hier nicht mehr tun als ihnen raten, das Tier in Gottes Namen halt mit dem Staubsaugerrohr einzusaugen. So müssten sie wenigstens nicht so nahe daran. Einer Frau mussten sie schon ausreden, die Feuerwehr zu rufen, damit die eine Wespe vom Vorhang entferne. Leute aus Phobienbehandlungen kommen zum Härtetest her und schaffen es kaum über die Schwelle, obwohl die Spinnen, die Silberfischchen ja tot und aufgespiesst sind.

Gabi Müller, die eine Doktorarbeit über Elritzen verfasst hat, hat neben dem Computer ein Glas mit einem Gewusel grosser australischer Kakerlaken stehen, die sie liebevoll betreut. Sie füttert sie mit Bananen und Äpfeln, und manchmal bekommen sie ein bisschen frischen Salat. Es sind alles Töchter und Söhne der Urkakerlake, die sich in einer Schublade in einem Büro des Arbeitsamtes fand. Die Mutter, die zu Müllers Glück ein befruchtetes Eipaket mit sich getragen hatte, haben sie schon lange gefressen.


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