|
|
Das Experiment -- Der Badewannenastronaut
Im Januar 1960 verbrachte der amerikanische Mediziner Duane Graveline mehr Zeit in einer Badewanne als je ein Mensch zuvor.
Von Reto U. Schneider
Am Mittwoch, 27. Januar 1960, um 8 Uhr stieg Duane Graveline am Aerospace Medical Center Brooks in San Antonio, Texas, in einen ein mal zwei Meter grossen Tank. Am 3. Februar – sieben Tage später – um 8 Uhr verliess er ihn wieder. Der 28-jährige Graveline war Mediziner und wollte die Wirkung der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper untersuchen.
Mit dem Start von Sputnik, dem ersten Satelliten, den die Sowjetunion 1957 ins All schickte, war das Rennen um den ersten Menschen im Weltraum eröffnet. Eine Frage, die dabei geklärt werden musste, war, wie sich die Schwerelosigkeit auf den Körper eines Astronauten auswirken würde. Sicher war, dass der erste Astronaut «bei Wiedereintritt in die Atmosphäre ein anderer Mann ist, als er beim Start war», wie Graveline sich ausdrückte. Seine Muskeln würden bei fehlender Schwerkraft schwinden. Könnte ein so geschwächter Astronaut die Belastung bei der Rückkehr zur Erde überhaupt ertragen?
Um das herauszufinden, unternahm Graveline zuerst sogenannte Bettruhestudien, bei denen zehn Männer zwei Wochen liegend verbrachten. Auf diese Weise sollte der Effekt, dass der Körper des Astronauten in der Schwerelosigkeit durch keinerlei Gewicht belastet ist, simuliert werden. Doch Graveline war nicht zufrieden. «Die Männer lasen Bücher, rasierten sich, sassen im Bett auf und unternahmen heimliche Ausflüge zur Toilette, um die Bettpfanne zu vermeiden.» Und auch wenn sie untätig dalagen, war die Simulation nicht perfekt: Astronauten würden ja nicht untätig sein, sie würden bloss kein Gewicht spüren bei dem, was sie taten. Die Lösung hiess: Wasser. Auf der Erde liess sich die Schwerelosigkeit am besten im Wasser simulieren.
Graveline liess sich eine grosse Badewanne bauen, in die er einen Liegestuhl stellte, wie ihn die Astronauten in der Raumkapsel antreffen würden. Er kaufte einen Trockentaucheranzug und begann mit ersten Tests. Der einfachste davon kostete ihn beinahe das Leben: An einem Sonntag ging er allein ins Labor und prüfte, wie dicht der Anzug war. Weil Wasser eintrat, versuchte er, die Dichtung zwischen Hosen und Oberteil zu verbessern. Mit zwölf Windungen eines Gummischlauchs presste er die beiden Teile an den grossen Aluminiumring, der um seinen Bauch verlief, und stieg ins Wasser. Doch die Gummischläuche rutschten vom Ring und schnürten Gravelines Bauch mit unglaublicher Kraft zusammen. Schon stellte er sich vor, wie man ihn am Montagmorgen tot in der Wanne finden würde. «Was für eine dumme Weise zu sterben.» Schliesslich gelang es ihm, einen Finger unter den Gummischlauch zu bekommen und eine Windung nach der anderen zu zerreissen. Noch Wochen nach diesem Zwischenfall zog sich ein zwanzig Zentimeter breiter Bluterguss wie ein Gürtel um seinen Bauch.
Gravelines Stundenplan während des Experiments sah so aus:
8 bis 12 Uhr: Psychomotorische Tests (bei bestimmten Ereignissen auf dem Bildschirm über der Wanne bestimmte Tasten drücken).
12 bis 13 Uhr: Nahrungsaufnahme. Graveline ernährte sich ausschliesslich von der Flüssignahrung Sustagen.
13 bis 17 Uhr: Psychomotorische Tests.
17 bis 23 Uhr: Fernsehen. «Die Soaps waren schrecklich», erinnert er sich heute.
23 bis 3 Uhr: Psychomotorische Tests.
3 bis 4 Uhr: Verlassen der Wanne. Medizinische Tests. Unterwäsche wechseln.
4 bis 8 Uhr: In die Wanne zurück. Schlafen. Überraschend erwachte Graveline nach nur zwei Stunden ausgeruht.
Das Experiment zeigte den erwarteten Effekt: Graveline fiel es jeden Tag schwerer, aus der Wanne zu steigen. Auch die gleich nach dem letzten Tag in der Wanne angesetzten Tests in der Zentrifuge setzten ihm viel mehr zu als vor dem Experiment.
Viele Zeitungen berichteten über den «Hauptmann in der Badewanne». Graveline trat sogar in der «Today Show» im Fernsehen auf. Dort wollten sie ihn zuerst in Taucheranzug und Flossen interviewen. Graveline weigerte sich und bestand auf der Uniform. «Wäre ich noch einmal in derselben Lage, ich würde die Flossen anziehen», sagt er heute, «das Publikum hätte sich viel länger an meinen Auftritt erinnert.»
Graveline verfeinerte seine Experimente später. Anders als bei seinem Versuch trugen die Versuchspersonen dabei auch einen wasserdichten Helm und verbrachten Tage komplett unter Wasser.
1965 wählte die NASA Graveline als Astronauten aus. Kurze Zeit später schied er aber «aus persönlichen Gründen» – wahrscheinlich war damit die schmutzige Scheidung von seiner Frau gemeint – wieder aus. Er praktizierte dann als Allgemeinmediziner und betreibt heute als Spacedoc eine Website.
Reto U. Schneider ist stellvertretender Redaktionsleiter von NZZ Folio.
Teilen
Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.
Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.
|
Verrückte Experimente: jetzt auch in Englisch
Unter dem Titel "The Mad Science Book" ist das "Buch der verrückten Experimente" von Folio-Redaktor Reto U. Schneider auch in Englisch erschienen.
"Mad Science Book" kaufen
|
|