NZZ Folio 07/08 - Thema: Dubai   Inhaltsverzeichnis

Der Lockruf des Geldes

© Lana Slezic / Panos
Dubai International Financial Centre: Die Wall Street der arabischen Welt. Linktext
Von Kreditkrise keine Spur, im Gegenteil: Der hohe Ölpreis hat Hunderte von Milliarden in die Kassen der Golfstaaten gespült. Dubai ist das neue Mekka der Banker.

Von Andreas Heller

Der Banker klappt das Mobiltelefon zu, rückt kurz die rosa Krawatte zurecht und raunt in vertrauensvollem Ton: «Das war Scheich Mansur. Er reist morgen nach Katar und möchte, dass ich ihn begleite.» Ein zufriedenes Lächeln umspielt seinen Mund.

Seine Hoheit Scheich Mansur bin Zayed Al Nahyan ist Minister für Präsidentschaftsangelegenheiten in der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate, Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi und ein prominenter Immobilienmagnat. Man sagt, in jedem Hochhaus der Hauptstadt der Emirate gehöre ihm die 23. Etage, denn 23 sei ­seine Glückszahl. Scheich Mansur hat einen Hang zur Extravaganz, was sich auch zeigt, wenn er auf Reisen geht; stets wird er begleitet von einem Tross von Beamten, Beratern, persönlichen Vertrauten.

Der Banker, Repräsentant der Liechtensteinischen Landesbank, sieht sich als Berater und Vertrauten. «Ich kenne Scheich Mansur seit Jahren, meine Meinung und meine Unterstützung sind ihm wichtig, nicht nur in geschäftlichen Dingen», sagt er. «Ich bin da, wenn er mich braucht.» Sucht der Scheich für eine seiner Töchter ein Internat am Genfersee, besorgt er ihm die besten Adressen, reist er mit seinem Gefolge in die Schweiz, reserviert er die standesgemässen Hotelsuiten und Limousinen. «Hier im Mittleren Osten sind persönliche Beziehungen besonders wichtig», sagt der Banker, der selber Palästinenser ist, «da geht es nicht nur um nackte Zahlen.» Noch hat er zwar keine Ahnung, worum es bei der Reise des Scheichs gehen wird. Aber eines ist klar, er wird dabei sein. «Der Scheich erwartet das von mir.»

Das arabische Geschäftsleben hat seine eigenen Regeln, und der ausländische Banker, der hier Kunden gewinnen will, tut gut daran, sie zu respektieren. Die wichtigste: Man sagt nie Nein, sondern allenfalls Inschallah. Die zweite: Man darf sich nicht als Besserwisser aufspielen. «Es herrscht eine andere Mentalität», sagt der Banker. Aber wenn man sich anpasse, sei das Potential enorm, gerade für Finanzdienstleistungsunternehmen. «Es gibt hier einfach unendlich viel Geld. Hier herrscht keine Kreditkrise – im Gegenteil. Hier gibt es eine Liquiditätsschwemme.»

Während in den USA und in Europa Rezessionsängste um sich greifen, herrscht am Persischen Golf Goldgräberstimmung. Hunderte von Milliarden hat der hohe Ölpreis in die Staatskassen und in die Privatschatullen der herrschenden Elite gespült und einen Boom entfacht, der ohne Beispiel ist. Scheinbar unberührt von der Immobilienkrise in den USA und in Grossbritannien werden Megaprojekte aus dem Boden gestampft, die Wirtschaft läuft auf vollen Touren, mit zweistelligen jährlichen Wachstumsraten. Davon profitieren in erster Linie die Herrscherfamilien, die alle Schlüsselpositionen besetzen, aber auch eine relativ breite Schicht einheimischer Unternehmer, die ihr eigenes Geschäft betreiben, mit Immobilien spekulieren oder Teilhaber sind. Laut Gesetz müssen ausländische Firmen, die in den Emiraten eine Niederlassung eröffnen, einen einheimischen Teilhaber beiziehen – und entsprechend bezahlen. Nirgendwo ist die Millionärsdichte so hoch wie in den Vereinigten Emiraten. 6,1 Prozent der Einwohner verfügen laut der Beratungsfirma Boston Consulting über ein Vermögen von über 1 Million Dollar.

Gar unermesslich reich sind die Staatsfonds, in denen sich die Milliardenüberschüsse aus dem Ölgeschäft stauen. Der Krösus ist Abu Dhabi, das auf 94 Prozent der Erdölreserven der Vereinigten Emirate sitzt und mehrere solcher Fonds verwaltet. Der grösste heisst Abu Dhabi Investment Authority (ADIA) mit einem Anlagevermögen von 875 Milliarden Dollar (eine schier unvorstellbare Summe, mit der die Scheichs problemlos die 20 grössten an der Schweizer Börse kotierten Unternehmen aufkaufen könnten). ADIA hält Beteiligungen an lokalen Firmen und Infrastruktur­unternehmen, aber auch an internationalen Unternehmen, etwa an der notleidenden amerikanischen Bank Citigroup, bei der das zahlungskräftige Scheichtum im letzten Herbst mit 7,5 Milliarden Dollar eingestiegen ist.

Bescheidener dotiert ist mit 13 Milliarden Dollar der Fonds Dubai International Capital, der sich an internationalen Konzernen wie der britischen Bank HSBC, Sony, Daimler-Chrysler oder EADS beteiligt hat. In beiden Fonds sind noch immer reichlich flüssige Mittel vorhanden. Experten schätzen, dass die Emirate in den letzten zwei Jahren 400 Milliarden Dollar angehäuft haben. Ein Teil davon soll in die in der Region geplanten Megaprojekte fliessen. Aber auch für Investitionen an den Kapitalmärkten liegen Milliarden bereit.

Nigel Pasea ist Chief Operating Officer bei der UBS in Dubai, und selbstverständlich kennt er den anonymen Geldgeber aus dem Mittleren Osten, der im vergangenen Herbst der trudelnden Schweizer Grossbank mit 2 Milliarden das Eigenkapital stärkte – den Namen zu nennen, hütet er sich allerdings. Lieber spricht er von Allgemeinem: von den berauschenden Wachstumsraten der Ölländer, vom in den Golfstaaten akkumulierten Kapital, das vermehrt wieder in den Westen zurückfliesst, zum Beispiel in Form von Finanzbeteiligungen.

Daran ist für Pasea nichts auszusetzen, denn die Kapitalgeber verstünden sich als langfristige, passive Investoren und nähmen auf die operativen Geschäfte keinen Einfluss – wenigstens bis jetzt nicht. Pasea arbeitet im Dubai International Financial Centre (DIFC), einer Sonderzone für Banken und Finanzgesellschaften. Das im September 2004 eröffnete Zentrum liegt gegenüber den Emirates Towers, von wo aus Scheich Mohammed sein Reich dirigiert. Doch rechtlich gesehen befindet es sich offshore, vor der Küste.

Im Dubai International Financial Centre, hinter dem mächtigen Triumphbogen, vor dem auf einem digitalen Laufband die Kurse der Dubai International Exchange durch den manikürten Rasen laufen und goldene Ameisenskulpturen in der Wüstensonne leuchten, gelten Regeln und Gesetze, wie sie sich die internationale Finanzwelt wünscht: Hier werden weder Gewinn- noch Einkommenssteuern erhoben, es gilt internationales Handelsrecht, und die Regulierungen sind nach englischem Vorbild ausgestaltet. Selbst die Architektur erinnert eher an die Canary Wharf an der Londoner Themse als an Arabien. Im Innenhof sitzen elegant gekleidete europäische Banker und indische Sekretärinnen unter Sonnenschirmen beim Lunch.

Die Namenslisten an den Eingängen zu den Bürokomplexen aus Glas, Stahl und Beton lesen sich wie das «Who is Who» der internationalen Finanzwelt. Auch Schweizer Institute sind dem Lockruf der Petrodollars gefolgt, neben der UBS die Credit Suisse, die Privatbank Mirabaud, Zurich International Life, Julius Bär und die Sarasin-Tochter Alpen Capital. Ingesamt haben über 400 Finanzgesellschaften im DIFC ein Büro – das Zentrum, von Scheich Mohammed wie alles in Dubai sehr grosszügig geplant, ist ausgebucht.

Nigel Pasea lobt die «nahezu idealen» Bedingungen in der Sonderzone. Neben den Steuerprivilegien – auch die Angestellten zahlen keine Einkommenssteuern – schätzt er den Freiraum, den die Finanzinstitute hier geniessen. Anders als auf dem «Festland» sind sie in der Geschäftsführung völlig autonom, benötigen keinen lokalen Partner und sind auch nicht verpflichtet, einheimische Arbeitskräfte zu beschäftigen. Im DIFC sind die internationalen Banker unter sich. Es wird englisch geredet und in Dollars gerechnet. Nicht erlaubt sind dagegen Konten in der lokalen Währung Dirham, und auch Bargeld kann man in diesem topmodernen Bürokomplex nicht beziehen.

Die Freizone ist denn auch weniger für die lokale Klientel gedacht. Sie dient primär als Finanzdrehscheibe für Kundengelder aus der weiteren Region: aus den Golfstaaten, aus Iran, aus Saudiarabien. «Wir sind hier in unmittelbarer Nähe zu einer Kundschaft, die in den letzten Jahren enormen Reichtum erworben hat», sagt Pasea, «der Markt, den wir von hier aus bearbeiten, erstreckt sich von Marokko bis nach Indien.» Die Betreuung vermögender Privatkunden und das Investmentbanking stehen für die UBS im Vordergrund. Ausserdem haben die Finanzinstitute in der Sonderzone auch die Möglichkeit, Fonds und andere Finanzprodukte für Anlagen im Mittleren Osten zu registrieren und zu verkaufen.

Eine Spezialität unter den in Dubai entwickelten Finanzprodukten sind solche, die im Einklang mit dem islamischen Recht, der Scharia, stehen. Dabei geht es vor allem um die Respektierung des Zins-, Spekulations- und Glücksspielverbots sowie um ethische Kriterien. Verboten sind Investitionen in Firmen, die Alkohol oder Waffen herstellen oder mit Pornographie oder Schweinefleisch ihr Geld machen. Laut Nik Norishky Thani, Spezialist für Islamic Finance im DIFC, hat sich Dubai zu einem der Zentren für Scharia-konforme Finanzprodukte entwickelt. Bereits heute ist die Börse von Dubai einer der wichtigsten Handelsplätze für islamische Obligationen, die sogenannten Sukuks – ein Markt, der jährlich um 15 Prozent wächst und auf 2500 Milliarden Dollar geschätzt wird. Immer bedeutender wird auch der Handel mit Rohstoffen, mit Gold, Tee, Diamanten und – natürlich – Erdöl.

Ziel von Scheich Mohammed ist es, Dubai zum wichtigsten Finanzplatz zwischen London und Singapur zu entwickeln, und das DIFC ist das Vehikel dazu. Bereits heute zieht das rasant wachsende Finanzzentrum magnetisch die Gelder an und hat Finanzplätze wie Bahrain oder Kuwait überflügelt. «Es ist verrückt, alle wollen hier investieren», sagt Urs Stirnimann, ein Schweizer Anwalt, der Unternehmen berät, die in den Emiraten Fuss fassen wollen.

Das meiste Geld sei in den letzten Jahren in den Immobilienmarkt geflossen, sagt Stirnimann. Grossinvestoren aus Saudiarabien und Iran kauften Immobilien im Multipack, um die einzelnen Liegenschaften an Private aus Saudi­arabien und Iran weiterzuverkaufen. Russen, Engländer, Deutsche haben ebenfalls viel gekauft, und auch Schweizer Privatinvestoren mischen in diesem Geschäft mit – sie kauften laut Stirnimann vor allem Ferienhäuser. Nicht um dort zu wohnen oder die Ferien zu verbringen, sondern um die Häuser mit Gewinn weiterzuverkaufen.

Die Rechnung ging meistens auf: Ein Haus, das ab Plan 1 Million Dollar kostete, wechselt heute für 4 Millionen den Besitzer. «Wer da zur rechten Zeit zur Stelle war, hat gut verdient», meint Stirnimann, dessen Ehefrau im Immobiliengeschäft tätig ist. Mittlerweile mahnt der Schweizer jedoch die Investoren zur Vorsicht; es gebe Anzeichen, dass die Blase platzen könnte. Häuser und Wohnungen ab Plan wechseln mittlerweile für einen höheren Preis die Hand als identische Objekte, die bereits gebaut sind – ein klares Indiz für überbordende Spekulation.

Auf längere Sicht ist Stirnimann jedoch optimistisch. Ist der grosse Immobilien-Hype einmal ausgereizt, dürften ­Finanzanlagen noch stärker in der Vordergrund rücken, und an Kapital werde es auch in Zukunft nicht fehlen. Denn der Ölboom in den Nachbarländern wird sich fortsetzen (die Vorräte in Abu Dhabi, Saudiarabien oder Iran reichen nach Meinung von Experten noch für gut 80 Jahre), und Dubai wird weiterhin profitieren von seiner günstigen Lage, seiner Infrastruktur und dem wenig freundlichen Klima für Investoren in Iran und den anderen arabischen Ländern. «Das Kapital geht dorthin, wo die Bedingungen am günstigsten sind.» Der Schweizer Anwalt kann sich sogar vorstellen, dass vermehrt Anleger, die ihr Geld auf einem Konto in der Schweiz parkiert haben, dieses nach Dubai transferieren, sollte der Druck auf das Schweizer Bankgeheimnis weiter steigen – «hier hat man von europäischen und amerikanischen Steuerfahndern nichts zu befürchten».

Wo so viel Geld zirkuliert, ist es freilich nicht immer einfach, seine genaue Herkunft zu eruieren. Wie hat der Russe, der ein Appartement in der Dubai Marina kauft und die erste Zahlung bar auf den Tisch blättert, sein Geld verdient? Ist es wirklich der reiche Onkel in Teheran, der dem iranischen Mittelsmann in Dubai über einen Geldwechsler eine grössere Summe überweist?

Für den britischen Journalisten Misha Glenny, Autor des Buches «Mc Mafia. A Journey through the Global Criminal Underworld», ist Dubai nicht nur die grösste Baustelle der Welt und der wichtigste Finanzplatz des Mittleren Ostens, sondern auch «die grösste Geldwaschmaschine». Neben Petrodollars und vor dem Fiskus und vor Potentaten flüchtenden Geldern, so seine Vermutung, sei Dubai auch für das organisierte Verbrechen, die Drogenmafia und Terroristen eine beliebte Adresse. Laut dem amerikanischen Geheimdienst soll bin Ladin vor dem September 2001 Gelder über Dubai verschoben haben, um seine Gefolgsleute zu bezahlen, und die Taliban sollen über die unregulierten Gold­märkte der Stadt ihre in Gold erhobenen Opiumsteuern gegen weissgewaschene Dollars eingetauscht haben. Das ­informelle Bankensystem, die Hawala-Geldwechsler, die Überweisungen tätigen, ohne die Identität der Auftraggeber zu kennen, der lokale Goldmarkt und die Immobilienbranche machen Dubai auch für dubiose Anleger attraktiv. «Wenn Terroristen und Gangster einen Platz brauchen, um sich zu treffen, sich zu erholen oder um zu investieren, ­gehen sie nach Dubai», schreibt das Magazin «US News & World Report». Immer wieder wird auch der düstere Verdacht geäussert, Dubai sei bis jetzt nur deshalb von terro­ristischen Anschlägen verschont geblieben, weil auch die al-Kaida hier ihr Geld gebunkert habe.

Von offizieller Seite werden solche Anschuldigungen mit Vehemenz zurückgewiesen. Man verweist auf die in den letzten Jahren getroffenen Massnahmen zur Bekämpfung der Geldwäscherei, die dem internationalen Standard entsprechen. Und das Bankgeheimnis sei weniger strikt als etwa in der Schweiz. So nimmt sich die Regierung etwa das Recht heraus, nach Lust und Laune Einblick in die im DIFC verwalteten Konten zu nehmen.

Eines ist klar: Auf schmutziges Geld wäre man in Dubai eigentlich nicht angewiesen – es ist genug anderes da.

Andreas Heller ist NZZ-Folio-Redaktor.




Leserbriefe:

Zu Der Lockruf des Geldes - NZZ-Folio Dubai (07/08)

Nach dem jüngsten Vorfall hacken nun auch die USA – wie bereits schon die EU – wegen den tiefen Steuern und dem Bankkundengeheimnis auf der Schweiz herum. Da ist Dubai geradezu ein Paradies: riesiges internationales Finanzzentrum in einer Sonderzone – keine Steuern (auch nicht für ausländische Angestellte) und keine europäischen und amerikanischen Steuerfahnder! Wann wachen wir endlich auf und verteidigen unsere tiefen Steuern und das Bankkundengeheimnis rigoros?
Daniel Furrer, Hildisrieden



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