Aus der öden Felsenwüste am Fuss des schroffen Mummy Mountain wächst - von weitem kaum erkennbar - ein Haus, das die Phantasie beflügelt. Im gleissend hellen Lichte Arizonas gleicht es einer Fata Morgana. Romantiker mögen in ihm ein Wüstenschloss erkennen, distanziertere Betrachter dagegen ein surreal verfremdetes Adobe-Haus, das entfernt an eine kubische Skulptur erinnert.
Obwohl das Haus kaum ein Dutzend Meilen von downtown Phoenix und dem «Sky Harbor» entfernt ist, erhebt es sich in ähnlich stiller Abgeschiedenheit wie Taliesin West von Frank Lloyd Wright im nahen Scottsdale. Gleich den Bauten dort ist es ein Teil der Landschaft, deren Grösse es die subtile Monumentalität seiner turmbewehrten Fassade entgegenhält. Wenn sich auch das Grau und Lila der wolkig verputzten Betonmauern etwas von den Erdtönen der traditionellen Architektur der Pueblo-Indianer abhebt, so verweist es doch gleichermassen auf die historische Baukunst des Südwestens wie auf die Felsen der Sonora-Wüste.
Die vielfachen Naturbezüge von Predocks Bauten und ihre kosmischen Dimensionen haben dem 1936 in Missouri geborenen und seit rund 25 Jahren in New Mexico tätigen Architekten das Attribut eines New-Age-Gurus eingetragen. Zwar wurde er durch Siedlungen bekannt, die den Pueblo neu interpretieren, doch spürt er nicht nur dem Genius loci nach. Seine Häuser sind vielmehr das Resultat einer Auseinandersetzung mit der Eigenart der Landschaft. Besonders schön beweist dies das behutsam in das Ökosystem des Rio Grande eingefügte Naturmuseum von Albuquerque.
Dem Haus in Paradise Valley am engsten verwandt ist jedoch das 1989 vollendete Fine Arts Center der Arizona State University in Tempe mit seinen bald kubistischen, bald konstruktivistischen Formen, seinen surrealistisch anmutenden Schattengängen und überdachten Brunnen. Anlässlich des für dieses Kulturzentrum ausgeschriebenen Wettbewerbes lernte Predock 1985 die in der Werbebranche tätige Kunstmäzenin Judy Zuber und deren Gatten, den Mediziner Sidney Zuber, kennen. Die beiden hatten seit geraumer Zeit Ausschau gehalten nach einem Architekten, der ihren Traum von einem naturbezogenen und doch zeitgenössischen, gleichermassen ihrem Kunstverständnis wie ihren vielfältigen gesellschaftlichen Verpflichtungen angemessenen «adult house» erfüllen konnte. Im Sommer 1987 beauftragten sie Predock mit der Planung des Baus, den sie an Weihnachten 1990 beziehen konnten.
Fasziniert von der Lage des Grundstücks in der felsigen Sonora-Wüste am Rand von Phoenix' grünem Villenvorort Paradise Valley, wollte Predock der Wildheit der Natur keine verhaltene Architektur entgegenstellen, vielmehr ein markantes Zeichen setzen. Er konzipierte das Haus deshalb als abstrakte Skulptur, die dank Verzicht auf Pool und Rasen Teil der ariden Landschaft wird. Der von Buschwerk und Kakteen durchsetzte Felshang wurde - sorgsam rekonstruiert, wo er durch die Bauarbeiten verletzt worden war - zum eigentlichen «Garten».
Der aus grossen Quadraten mit eingeschriebenen Rechtecken bestehende Grundriss und die von tief in die Mauern eingelassenen Fenstern erhellten Bauvolumen richten sich nach dem Lauf der Sonne. Gleichzeitig antworten der sich parallel zum Hang erstreckende Wohn- und der quer dazu gestellte Privattrakt dem Strassenschachbrett der Agglomeration von Phoenix. An den entscheidenden Stellen wird der rechtwinklige Grundriss sparsam akzentuiert durch Diagonalformen. Diese markieren die beiden übereck gestellten Türme aus rötlichem Stein, die bugförmige Terrasse, die Kaminnische im Salon und das quadratische Wasserbecken an der Schnittstelle der beiden Hofachsen. Bereits in der Vorhalle umgibt den Besucher das für Predocks Bauten typische Spiel von Licht und Schatten. Im Inneren lockt dann rechter Hand eine in geheimnisvolles Zwielicht getauchte Rampe, die - vorbei am Studierzimmer mit seinem Ausblick auf den Wasserfall im Hof - hinaufführt in den Master-Bedroom und von dort ins schwarze Marmorbad. Im Schlafzimmer geben flach gewölbte Fenster, die an der Hauptfassade als corbusianisches Bogenmotiv in Erscheinung treten, allseitig den Blick frei auf den Horizont.
Weitet sich hier die Sicht zum All, so kapselt sich das Innere des Hauses um so stärker ab. Der Patio mit dem geometrisch strengen Wassergarten versteht sich im Gegensatz zur naturbelassenen Umgebung bewusst als künstliche Welt, an welcher die Natur nur «abstrakt» in Form von Licht und Wasser Anteil hat. Dieses offene, nur durch die Wasserflächen des kühlen, höhlenartigen Nymphäums belebte Atrium gibt sich karg wie die Landschaft, von der man jenseits der bergseitigen Mauer nur einen kleinen Ausschnitt erhascht.
Ein Rinnsal führt aus dieser burgartigen Introvertiertheit zu einer runden Wasserfläche im Wohnbereich, von wo gezielte Ausblicke die Sicht freigeben auf die bizarren Camelback Mountains oder die Hochhäuser von Phoenix. Hier vereint sich optisch nicht nur das Innen mit dem Aussen; es fliessen auch die Räume ineinander: von der schwarz glänzenden Küche bis zum Salon, in welchem ein Kamin ähnlich einem präkolumbianischen Altar seine skulpturale Präsenz markiert. Schliesslich erweitert eine Rampe, die man als konstruktivistisches Zitat interpretieren kann, den Wohnbereich hin zur Stadt und zur endlosen Wüste Arizonas. Diese Rampe könnte man in der trügerischen Mittagshitze leicht verwechseln mit der Zugbrücke einer Felsenburg, einer geheimnisvoll-modernen Alhambra. Des Nachts jedoch, wenn dieser Laufsteg wie eine beleuchtete Startbahn hinausführt hoch über das uferlose Lichtermeer, verwandelt sich das Haus in eine Art Science-fiction-Vision.