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Editorial -- Der andere Alltag
Von Lili Binzegger
Es kann einer zu Hause auf den Tod krank sein, so richtig ernst wird es erst, wenn er ins Spital muss. Umgekehrt verbindet man das Spital fast immer mit Schlimmem und Schlimmstem: Da kann noch lange bloss eine Routinesache wie ein Beinbruch oder ein entzündeter Blinddarm der Grund dafür sein, irgendwie ist einem, wenn man ins Spital muss, der Gedanke an die Endlichkeit der Existenz näher als sonst.
Vielleicht haben Spitalserien am Fernsehen deshalb solchen Erfolg, weil dort Leben und Tod so nahe beieinander sind und sich dazwischen all die Geschichten, die das Leben ausmachen, so gut auf 50 Minuten komprimieren lassen - die Geschichten um Liebe und Hass, um Erfolg und Scheitern, um Treue und Verrat.
Ob einer sich in eine Privatklinik mit Fünfsternservice begibt oder ein anderer im Regionalspital ein Zimmer mit drei anderen teilt, eines macht sie gleich: Sie sind beide auf die Hilfe anderer angewiesen, und für beide ist der Spitaleintritt etwas Aussergewöhnliches. Es ist für jeden die eigene und einzige Unversehrtheit, die in Frage gestellt ist, es ist der eigene Blinddarm, das eigene Bein, das einzige Herz. Für das Spital, dem wir uns übergeben, ist aber genau diese Ausnahmesituation Alltag. Ein Spitaleintritt ist auch ein Übertritt in eine andere Normalität, mit der man sich notgedrungen abzufinden hat.
Wir haben uns in diesem anderen Alltag umgeschaut und dazu ein Objekt von überschaubarer Grösse ausgesucht: das Bezirksspital Affoltern am Albis, das eine Region mit rund 40 000 Bewohnern medizinisch versorgt. Wie kommen die Leute, die im Spital arbeiten, damit zurecht, dass sie es mit lauter Menschen in Ausnahmesituation zu tun haben? Was hat diese Menschen hergebracht? Wir haben im Operationssaal Dr. C. über die Schultern geschaut, auf Arztvisite Frau I. und die neugeborene Elena kennengelernt, waren dabei, als sie Herrn J. mit dem Sanitätswagen nach Zürich brachten, haben die Pflegerin Frau D. gefragt, ob sie nicht auch manchmal lieber wegsehen würde. Und haben festgestellt, dass wir uns nicht nur ein kleines, sondern offenbar auch feines Spital ausgesucht hatten.
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