NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch   Inhaltsverzeichnis

Beim Coiffeur -- «Notfalls schneidet mir der Kapitän die Haare»

© Gudrun Sachse, Foto Morgan
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Von Gudrun Sachse
Isabell Adamski, auf der MS «Bremen», geographische Breite: 55°53’ Süd, geographische Länge: 66°56’ West; vor Kap Hoorn, Chile. Sie ist 22 Jahre alt, Single und lebt, wenn sie nicht unterwegs ist, zu Hause bei ihren Eltern in Bonefeld, Deutschland. An Bord teilt sie sich mit einem Crewmitglied eine Kabine auf dem Unterdeck. Sie ist auf dem Schiff die Coiffeuse, Kosmetikerin und Masseuse. In ihrer Freizeit fährt sie Passagiere in Schlauchbooten durchs Eis. Isabell verdient im Monat rund 1400 Euro.

Welcher Haarschnitt ist im Moment angesagt?

Auf dieser Tour in die Antarktis ganz wichtig: Die Frisur muss sturmfest sein.

Was würden Sie mir empfehlen?

Ihre Bobfrisur passt sehr gut zu Ihnen, klassisch und doch frech. Ich würde die Spitzen nachschneiden und noch einige helle Strähnchen färben.

Belassen wir es beim Spitzenschneiden, draussen tobt ein Sturm. Mindestens Windstärke neun!

Die meisten Kunden haben Angst, ich könnte ihnen bei hohem Wellengang die Frisur zerschneiden.

Und?

Ich schneide auch bei Orkan sicher. Leider kann ich das selten unter Beweis stellen. Auf den üblichen Reisen drehe ich älteren Damen für den Kapitänsempfang die Haare frisch ein. Die meisten meiner Berufskolleginnen können das gar nicht mehr, die machen nur noch Trendfrisuren.

Wie haben Sie Ihr Handwerk erlernt?

Drei Jahre Friseurausbildung in Neuwied, dann ein Jahr Kosmetikschule in Köln. Eines Tages dachte ich: Warum nicht auf ein Schiff, da kann ich meinen Beruf ausüben und sehe etwas von der Welt. Ich fahre jetzt schon zwei Jahre als Coiffeuse zur See. Auf der «Bremen» bin ich seit acht Monaten. Eingestiegen bin ich in Iquitos im Amazonas. Ich kann es kaum erwarten, ins Eis zu kommen.

Zuerst müssen wir noch die Drakestrasse überleben. Ist schon mal einem Kunden schlecht geworden?

Nicht hier auf dem Stuhl. Aber ich hatte schon einige, die sich kaum hingesetzt hatten und schon wieder aufstanden, um in ihre Kabine zu rennen. Viele Termine werden auch kurzfristig abgesagt.

Werden Sie nie seekrank?

Jedes Mal, wenn ich nach dem Urlaub aufs Schiff zurückkomme, vertrage ich den Seegang schlecht. Aber ich gewöhne mich rasch ans Schaukeln.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich möchte noch ein paar Jahre auf diesem Expeditionsschiff bleiben. Ich gehöre hier zur Zodiac-Crew. Wir booten Gäste in robusten Schlauchbooten aus, um zwischen den Eisbergen herumzufahren. Das ist etwas sehr Besonderes. Ich bin also nicht nur die Friseuse.

Wer schneidet Ihnen die Haare?

Meinen jetzigen Schnitt hat mir die Arzthelferin verpasst, gefärbt hat meine Haare eine Freundin, die an der Bar arbeitet. Wir haben eine sehr lockere Atmosphäre hier an Bord, notfalls würde mir auch der Kapitän die Haare schneiden.

Hatten Sie schon mal einen Prominenten an Bord, dem Sie die Haare geschnitten haben?

Nein, und ich bin ganz glücklich darüber. Das wäre mir zu heikel.

Welche Art Kunden sind für Sie die grösste Herausforderung?

Die, die ständig erwähnen, ihr Coiffeur zu Hause mache das aber ganz anders als ich hier. Besonders ältere Leute sind da immer sehr pingelig, die mögen es auch gar nicht, wenn ich sie fünf Minuten warten lasse.

Wie reagieren Sie auf böse Worte?

Ich lächle und bleibe freundlich.

Haben Sie Stammkunden?

Die Crew. Die bezahlen natürlich einen Spezialtarif.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?

Dass ich die unterschiedlichsten Menschen kennenlerne. Schön wäre es natürlich schon, wenn ich mal so richtig drauflosstylen könnte.

Sie haben hier wenig Platz, können Sie trotzdem allen Wünschen nachkommen?

Ich habe auf meinen fünf Quadratmetern Salon alles, was ich brauche. Nur Dauerwellen mache ich nicht, aber die möchte sich hier auch keiner machen lassen.

Wohin fahren Sie in die Ferien?

Nach Hause, zu meinen Eltern nach Bonefeld. Diesen Monat gehe ich in Ushuaia von Bord. Dann habe ich zwei Monate Urlaub, in denen ich nur schlafe, faul bin und alles, was ich gesehen und erlebt habe, verarbeiten kann.

Wo würden Sie denn gerne mal hin?

Nach Neuseeland oder Australien.

Bin ich fertig? Ich bin fertig, der Seegang nimmt zu…

Ich bin für heute auch geschafft. Sie waren meine letzte Kundin. Ich hoffe, es gefällt Ihnen. Leider wird das bei dem Sturm da draussen nicht lange so gut aussehen.


Der Coiffeursalon hat keinen Namen

Passagiere bezeichnen ihn als Beautysalon und Spa des Schiffes. Er befindet sich auf dem obersten Deck, Deck 7, des Expeditionsschiffs MS «Bremen». Er ist etwa fünf Quadratmeter gross.

Preis für einen Haarschnitt

35 Euro

Chile

Einwohner: 15,9 Millionen
BIP pro Kopf: 10 356 CHF
Milch: 1 l CHF 1.10
Brot: 1 kg CHF 1.80
Kinobillett: CHF 4.50
Zigaretten: CHF 2.80 bis 3.40
Taxi: 10 km CHF 10.–

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.




Leserbriefe:

Zu Beim Coiffeur -- «Notfalls schneidet mir der Kapitän die Haare» - NZZ-Folio Jung und jüdisch (01/08)

Zuerst dachte ich an einen Scherz. Nun aber hat es Folio geschafft, nicht Kult zu werden. Die Taxifahrer sind durch Coifeussen ersetzt worden. Wer kam denn auf die Idee, die wirklich perfekte Taxiseite durch eine eieiei-weichei frauliche Coiffeurseite zu ersetzen? Eine Hardcore-Feministin? Ein männlicher Warmduscher? Nun denn, die Wahl ist schlecht getroffen, ich und wir trauern den Taxifahrern nach! Folio fügt sich schweizerischem kompromisslerischerm Einheitsbrei. Schade um die Taxifahrer, schade ums Folio, das war wahrerer Globalisierungjournalismus der feinen Art.
Markus Lüthi, Muensingen



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Der Salon auf der MS Bremen hat einen Namen: Friseursalon Jumel. Die Familie Jumel betreibt seit über 50 Jahren Friseurläden auf Schiffen. Die Familie stammt aus München und betreibt ausser auf der MS Bremen weitere Friseuläden auf Kreuzfahrtschiffen. Nachzusehen unter: www.schiffsfriseur.de
Eleonore Wanner-Keil, München D



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Im Portrait “Notfalls schneidet mir der Kapitän die Haare” beschreiben Sie Isabell Adamski als Coiffeuse, Kosmetikerin und Masseuse. Darf ich Sie höflich darauf hinweisen, dass “Masseuse” in den Rotlicht-Bezirk gehört, den es auf einem Schiff ja möglicherweise auch gibt - Sie meinten jedoch sicher “Masseurin”. Der Unterschied mag klein sein, kann aber grosse Auswirkungen haben.
Georg Bringolf, per E-Mail



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