In Kürze werden sich wieder einmal die guten Wünsche für die Feiertage häufen und die guten Vorsätze fürs neue Jahr. Voll der Güte also werden unsere Worte sein - und wieder einmal viel gütiger als das rauhe Leben. Das legt die Frage nahe: Wie überhaupt verhalten sich die Worte zur Wirklichkeit? Beschreibt die Sprache die Realität, nimmt sie sie vorweg, tritt sie an ihre Stelle? Im Verhältnis zwischen den Worten und der wahren Welt lassen sich fünf Grundmodelle unterscheiden.
1. Wir lieben es, das, was ist, auch noch zu sagen. Wenn alles vor Kälte klappert oder vor Hitze stöhnt, versichern wir einander millionenfach und bedeutungsschwer, wie kalt oder wie heiss es wieder einmal sei - eine der häufigsten Arten, Sprache zu verwenden.
2. Seltener betreiben, aber noch mehr lieben wir das Umgekehrte: das, was nicht ist, wenigstens zu sagen. Die Tischreden zur Silberhochzeit sind von dieser Art: Kein Gast würde einen Franken darauf wetten, dass die Ehe wirklich so verlief, wie sie hier dargestellt wird; doch die Reden wollen gehalten sein, und die mutmassliche Diskrepanz zwischen der Wirklichkeit und den Worten stört uns nicht. Wie schrieb Shaw im Nachwort zu seinem Briefwechsel mit der Schauspielerin Ellen Terry? «Wer sich darüber beklagt, dass alles nur auf dem Papier stattfand, der halte sich vor Augen, dass die Menschheit es bisher nur auf dem Papier zu Ruhm, Schönheit, Wahrheit, Weisheit, Tugend und ewiger Liebe gebracht hat.»
3. Wir lieben es, über das, was wir tun, etwas möglichst Angenehmes zu sagen. Es ist ja den meisten nicht gegeben, ihre wahren Motive zu ergründen; wer sie aber kennt, der hält es im allgemeinen nicht für dringend, sie unter die Leute zu streuen. Wenn Politiker, Wirtschaftsführer, Ärzte uns versichern, sie verzehrten sich im Dienst an Wählern, Kunden und Patienten, so dürfen wir davon ausgehen, dass sie uns weder frontal belügen noch mit der vollen Wahrheit bedienen; sie sagen einfach etwas Angenehmes in lockerer Anlehnung an die Wirklichkeit. Die Werbung findet hier ihr Tummelfeld: «Umweltschonend» nennt sie Produkte, die die Umwelt zumeist viel besser schonen würden, wenn ihre Herstellung unterbliebe.
4. Wir finden es normal, sehr oft das, was wir tun, nicht zu sagen. Und das muss keine Verstellung sein, es ist vielmehr häufig ein Beitrag zu den guten Sitten. Kein Pfarrer kann sein Kind so sittsam zeugen, dass nicht Pornographie daraus würde, wenn man den Zeugungsakt beschriebe. «Wir haben die Damen gelehrt zu erröten», schrieb Montaigne, «wenn sie dasjenige bloss nennen hören, was sie sich nicht scheuen zu tun.» Und Goethe notierte 1797 in der Schweiz: «Betrachtung, dass der Mensch die Rede eigentlich für die höchste Handlung hält, so wie man vieles tun darf, was man nicht sagen soll.»
5. Schliesslich lieben wir es, das, was wir sagen, nicht zu tun - womit wir wieder bei Silvester wären und bei den hochherzigen Sprüchen aufs nächste Jahr. Robert Musil hat dieses klassische Verhältnis zwischen Wort und Wirklichkeit in der Überschrift zu einem nachgelassenen Kapitel seines «Manns ohne Eigenschaften» auf die Formel gebracht: «Warum die Menschen nicht gut, schön und wahrhaftig sind, sondern es lieber sein wollen.» Ihre Feiertagsgedanken drückten sie eben deshalb aus, um dadurch des Handelns enthoben zu sein - wie der Raucher, der sich die Jahreswende mit dem Versprechen verschönt, nun wirklich aufzuhören.
Ihm liefert Jeremias Gotthelf das perfekte Modell mit dem Wortritual zwischen zwei Berner Bäuerinnen. Da besucht eine ihre Nachbarin, und vor der Haustür einigen sie sich, «sie könnten ja drinnen einander sagen, was der Brauch sei», und was war der Brauch? Das angebotene Frühstück abzulehnen, denn das möge doch keiner glauben, «dass sie ungegessen aus dem Haus ginge». Wenn schon Kaffee, dann wenigstens keinen Zucker hinein, «und da warf ihr doch die Frau den Zucker in denselben». Warum die Nachbarin keine Küchli wolle - sie glaube wohl, die seien nicht fett genug? «Und nun erhob sich ein eigentlicher Streit»: Die Besucherin dreht die Tasse um - der Kaffee schmecke ihr wohl nicht? Unter solchem Zeremoniell mästen sich die Weiber an einem Frühstück, «wie es Fürsten selten haben und keine Bauren auf der Welt als die Berner».
War so nicht am Ende auch die Millionenauflage von Günther Wallraffs Buch «Ganz unten» zu erklären, der traurigen Ballade vom türkischen Gastarbeiter? Lesen wollten das viele Deutsche, gut sein durch Lektüre wollten sie; und das Handeln ersparten sich die meisten von ihnen desto leichter. «Sein ist schwieriger und wird deshalb gern durch Worte ersetzt», sagt C. G. Jung.
So aber verhält es sich nicht, dass aus den schönen Worten überhaupt nichts folgte. Oft genug wiederholt, kann das Aussprechen einer guten Absicht durchaus eine gewisse Wirkung nach sich ziehen. Schon Ovid hat diesen psychologischen Mechanismus in seiner «Liebeskunst» beschrieben: «Rede dir ein, dass du liebst, wo du flüchtig begehrtest. Glaube es dann selbst . . . Aufrichtig liebt, wem's gelang, sich selbst in Feuer zu reden.» In André Gides «Schule der Frauen» sagt ein Abbé: Die Hauptsache sei «nicht so sehr, zu sagen, was man denkt (denn oft denkt man sehr übel), sondern, was man denken sollte; denn ganz natürlich, fast wider Willen, komme man dahin, zu denken, was man gesagt hat.»
Nun müsste man nur noch wissen, ob Gide oder Ovid dies ironisch gemeint haben. Aber wer wird schon so bohrend fragen, ausgerechnet in der Neujahrsnacht.