MEINE NACHBARN haben ein Baby bekommen. Woher ich das weiss? In einer Wohngegend der Mittelschicht kündigen sich Babies heutzutage nicht mehr durch herbeieilende Hebammen oder vorbeiflatternde Störche an, sondern durch die Ankunft eines Geländewagens. Der kam schon vor einigen Monaten. Ein riesiges Vehikel mit Vierradantrieb, das selbstgefällig auf seinen fetten, breiten Reifen hockt - jene Art Gefährt, mit der man problemlos auf Elefantenjagd gehen könnte. Die frischgebackenen Eltern behaupten allen Ernstes, dass sie ohne nicht mehr auskommen, weil sie nun auf jede Reise mehrere Tonnen absolut unentbehrlicher Babyausrüstung mitnehmen müssen. Und zur Erleichterung ihres schlechten Gewissens pappt auf der Heckscheibe ein Ökokleber. Es lohnt sich nicht, sich darüber aufzuregen, dass dieses Ungetüm die ganze Strasse versperrt. Denn meine Nachbarn werden bestimmt bald in ein grösseres Haus ziehen, um all die Sachen unterzubringen, die sonst den Laster füllen. Im Westen geht die Geburt eines Kindes vor allem mit einer massiven Umstellung der materiellen Kultur einher.
Es gibt Geschäfte, ja ganze Shopping-Center, die nichts anderes verkaufen als Gegenstände, die den Babies das Liegen oder Aufsitzen erleichtern, mit denen man sie im Türrahmen aufhängen, sich vor die Brust oder auf den Rücken binden kann. In Australien werden Känguruhs erschossen, damit aus ihrem Pelz jene schmusigen kleinen Känguruhtierchen hergestellt werden können, die unsere Babies die Liebe zum Tier lehren sollen. Es gibt endlos viele Wässerchen und Salben gegen jene Wehwehchen, die allein dadurch entstehen, dass wir unsere Kleinsten zwingen, Kleider zu tragen. Es gibt Dinge, die dazu da sind, ihre Aufmerksamkeit zu wecken, und solche, sie einzuschläfern; es gibt Geräte, mit denen wir sie beobachten und abhören können, und solche, die sie vom Schreien, Stinken und Kotzen abhalten und natürlich davon, das eigens für sie hergerichtete, bunt bemalte Kinderbettchen vollzupinkeln. Je mehr man in solche «Hilfsmittel» investiert, desto komplizierter wird das Leben der Erwachsenen. Das westliche Baby mit seinen Wegwerfwindeln, seiner Fertignahrung und seinem ganzen konsumorientierten Lebensstil dürfte zu den grössten Umweltverschmutzern auf unserem Planeten gehören.
Der Geländewagen ist das erste Anzeichen jenes merkwürdigen westlichen Konstrukts «Kindheit», das, statt von den Kindern die Anpassung an die Erwachsenen zu verlangen, ein eigenes Universum für sie reklamiert, welches umgekehrt in zunehmendem Masse die Erwachsenenwelt kolonisiert. Jede neue Modewelle verlangt von uns, dass wir auf lächerlichste Weise - mit Shorts, Zipfelmützen und Latzhosen - die lieben Kleinen imitieren.
DIE GEBURT ist ein höchst aussagekräftiges Indiz für die allgemeine Weltanschauung. Woher, heisst die grosse Frage, kommen eigentlich die Babies? In meiner eigenen Kindheit wurde sie mit Hilfe der Wissenschaft beantwortet oder vielleicht eher umgangen. Man hat uns das eine oder andere über Kaninchen und Blütenkelche erzählt, und dann hat man vage darauf hingewiesen, dass es bei den Menschen «ganz ähnlich» sei. Aus Furcht, dass die moralische Dimension dabei unter den Tisch gefallen sein könnte, schickte man uns dann den Pfarrer vorbei, der, an seiner Pfeife suckelnd, verkündete: «Sex ohne Ehe und Kinderwunsch ist wie ein Paar Fussballschuhe.»
Wir blickten überrascht auf. Er hatte unsere ganze Aufmerksamkeit. Wie? Weshalb? «Sie mögen als solches ja ganz nett sein, aber ohne den richtigen Sportsgeist fehlt es ihnen einfach an Sinn.» Seitdem habe ich keine Fussballschuhe mehr angerührt.
Heutzutage muss der westliche Mann ein komplettes Vaterschaftstraining durchlaufen. Er muss lernen zu sagen, «wir bekommen ein Baby» statt «sie bekommt ein Baby». Die meisten Völker dieser Erde würden bei der Vorstellung, dass Männer bei der Geburt der Kinder dabei sind, zutiefst erschrecken - oft werden sogar Frauen, die noch nie entbunden haben, davon ausgeschlossen -, aber im Westen führt inzwischen kein Weg mehr daran vorbei. Gott helfe dem Gatten, der so uneinfühlsam ist, sich nicht mit seiner Frau auf den Boden zu legen und atmen zu üben.
Auf der ganzen Welt sind Geburten Anlass zum Abstecken männlicher und weiblicher Territorien. Die Kinder gehören entweder primär den Männern oder primär den Frauen, und die Vorstellungen über die Empfängnis untermauern die Weltanschauung der betreffenden Kultur. Im Westen hängt man einer halbherzigen genetischen Weltsicht an, bei der sich das Spermium durch die Hintertür in die aktive, kerlige Rolle hineinschlängelt. In patrilinearen Gesellschaften, in denen der Vater für die Identität des Kindes von grösserer Bedeutung ist, wird der Fötus als Ganzes vom Vater in den passiven weiblichen Brutkasten eingeführt. In matrilinearen Gesellschaften können die Mütter ihre Kinder manchmal ganz alleine zeugen und empfangen, und Männer braucht es nur, um für die Babies «den Weg frei zu machen». Solche Vorstellungen tragen immerhin dem verblüffenden Faktum Rechnung, dass man Sex haben kann, ohne dass dabei Kinder herauskommen, und dass es Leute gibt, die viel zu hässlich oder zu göttergleich sind, als dass sie mit jemandem schlafen, aber dennoch Kinder kriegen. Bei den kooperativeren Auffassungen von Empfängnis kommt das Fleisch meist von den Frauen, während die Knochen, das heisst die dauerhaften Bestandteile des neuen Körpers, von den Männern beigesteuert werden - die umgekehrte Vorstellung ist seltener -, und beim Tod müssen die unterschiedlichen Bestandteile des Körpers den Ursprungsfamilien zurückerstattet werden.
Im Westen werden dergleichen Rechte über das Kind meist im Rahmen von Ehescheidungen ausgehandelt, wenngleich für gewöhnlich dieser Kampf schon zwischen Mutter und männlichem Arzt beziehungsweise Hebamme seinen Anfang nimmt; ein Kampf, in dem es darum geht, ob die Schwangerschaft als Krankheit oder als Höhepunkt des Frauseins zu begreifen ist.
Die Sache mit den Leihmüttern ist übrigens ein alter Hut. Einer amerikanischen Frau wurde kürzlich ein in vitro mit dem Sperma ihres neuen Ehemanns befruchtetes Ei ihrer Tochter eingepflanzt. Aber in Afrika können Frauen sich sogar Ehefrauen nehmen und unter Mithilfe eines männlichen Verwandten zu «Vätern» werden. Und es gibt Orte, an denen die Vaterschaft so hoch gehalten wird, dass manche Männer ihr ganzes Leben damit zubringen, im Namen unfruchtbarer toter Verwandter Kinder zu zeugen, ohne je «eigene» Kinder zu haben; diese werden erst von der nächsten Generation auf die Welt gestellt, welche die Bürde zu übernehmen hat. Denn an den meisten Orten dieser Welt wird man nicht durch Heirat, sondern durchs Kinderkriegen zum Erwachsenen, und bei der Vorstellung vom Fortleben in den eigenen Kindern handelt es sich nicht bloss um eine romantische Einbildung. Ohne Kinder fehlt nicht nur die Altersversorgung, sondern viel schlimmer: Ohne Kinder wird der Geist nach dem Tod für alle Ewigkeit ins Nimmermehr entschwinden.
IN EINEM AFRIKANISCHEN DORF, in dem ich eine Zeitlang lebte, hing man dem «Topfmodell» der Geburt an. Frauen wurden dort als undichte Gefässe betrachtet, als eine Art Topf, in den die Männer die Babies hineinlegen, und es war besonders wichtig, während der Schwangerschaft häufig miteinander zu schlafen, damit das Kind dem Vater glich. (Per Zufall stiess ich einmal auf einen alten Brief, in dem sich ein Dolmetscher bei einem Kolonialbeamten über seine Entlassung beschwerte. «Wie können Sie es wagen, mich als <faul> zu bezeichnen?» beklagte sich jener wutentbrannt. «Habe ich nicht zehn Kinder gezeugt, die mir alle sehr gleichen?»)
Falls es zu irgendwelchen Komplikationen kam, schickte man nach der Hebamme, die gleichzeitig die Töpferin des Dorfes war, damit sie die Mutter mit Töpferwerkzeug behandle. Die Kinder kamen bleich und zerbrechlich zur Welt; die Knaben wurden in der Pubertät dann «gebrannt», indem man zu Beginn der Töpfersaison Brandzeichen über ihren Köpfen schwenkte. Nach dem Tod entwichen die Geister der Frauen in Wassertöpfe, bis sie sich schliesslich in Ahnengeister verwandelten und als Neugeborene wiederkehrten. Manche Leute sahen in diesem Kreislauf den Grund für das typische Gestammel von Kleinkindern und Greisen. Beide redeten Geistersprache.
Im Westen gestaltet sich das Kinderkriegen als eine höchst dramatische Sache. Zu den Requisiten gehören nervliche Anspannung, exotische Diäten aus Fisch und Eiscrème, wilde mitternächtliche Hetzjagden ins Krankenhaus, falscher Alarm, Sirenen, Türenschlagen, Marathongeburten und als dringende Erfordernis männliche Zuwendung - das Ganze erinnert an Zauberei und Geisterbesessenheit. In der übrigen Welt erscheinen Geburten mehrheitlich als etwas ziemlich Alltägliches, vergleichbar etwa mit dem Aufstellen eines Gartenhäuschens.
Was nicht heissen soll, dass die Männer dort nichts damit zu tun hätten oder dass die Geschlechter den mitunter nur widerwillig als verbindend akzeptierten Akt der Geburt nicht zum Anlass nähmen, ihre Territorien abzustecken. So gibt es beispielsweise in Südamerika die Institution der «Couvade», die vom Vater verlangt, sich in seine Hängematte zu legen und die gesamten Geburtswehen mitzufühlen. Schon während der Schwangerschaft hatte er sich mit ebenso grosser Sorgfalt um das Wohl seines Körpers und seine Ernährung zu kümmern, so als trage er selbst die ganze Last. Manchmal wird er sogar länger umhegt als die Frau, die schon bald nach der Entbindung wieder zur Arbeit aufs Feld geht. Und in Melanesien gibt es unzählige Kulte, bei denen die Knaben, sei es durch Blutrituale oder eine besondere Ernährung, in einer reineren, männlicheren Form wiedergeboren werden sollen, fast als sei das Gebären eine viel zu wichtige Angelegenheit, als dass man sie allein den Frauen überlassen könnte. (In Jeremias Gotthelfs «Anne Bäbi Jowäger» gebären die Frauen übrigens in Soldatenuniform. Man glaubte nämlich, dass diese einen günstigen Einfluss ausübe sowohl auf die Mutter, die dadurch die Geburtsschmerzen leichter ertrage, wie auch auf das männliche Kind, das so einmal gross und stark und ein tapferer Soldat werden würde.)
Im Westen sind Mehrlingsgeburten inzwischen an der Tagesordnung; der jüngste Rekord waren Siebenlinge. Diese Geburten sind meist eine Folge von Fruchtbarkeitsbehandlungen, die heute sogar Frauen in den Fünfzigern ermöglichen, noch Kinder zu gebären. In nichtwestlichen Ländern dürften solche tierisch anmutende Vermehrungsweisen tiefe Empörung auslösen. Viel willkommener ist dort die Möglichkeit, das Geschlecht des Kindes vor der Geburt zu erkennen, und so folgt dem ersten Fotokopierer in den Städten der Dritten Welt oft das Ultraschallgerät auf dem Fusse.
DIE FRISCHGEBACKENEN ELTERN haben gerade eben den Garten hinter ihrem Häuschen betreten. Er hängt Handtücher mit rosaroten Rehlein auf die Wäscheleine. Es ist also ein Mädchen. Sie baut einen Gegenstand zusammen, der aussieht wie ein Laufgitter aus Plastic, aber die verschiedenen Teile scheinen nicht recht zusammenzupassen. Es muss sich um emanzipierte Eltern handeln, die die herkömmliche Rollenverteilung ablehnen. Sie haben mich zu einem Fest eingeladen. Nein, nicht etwa zu einer Taufe, sondern zu einer «Willkommen auf dieser Erde»-Feier, gedruckt auf Umweltschutzpapier. Aber Moment mal. Das ist ja gar kein Laufgitter. Jetzt klettert sie mit dem Ding auf den Geländewagen - mein Gott, es ist ein Dachgepäckträger! Sind die beiden am Ende wieder schwanger?
Nigel Barley, Ethnologe, ist Kustos für Nord- und Westafrika am British Museum; er lebt in London.