NZZ Folio 02/07 - Thema: Teheran   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Gewinnwarnung im Affengehege

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«Geld kann man nicht essen»: Ökonomische Überlegungen eines Kapuzineraffen. Linktext
Wenn es ums Geld geht, machen wir Menschen uns zum Affen. Versuche zeigen: Affen verhalten sich wiederum wie Menschen, wenn es ums Geld geht: aggressiv und irrational.

Von Herbert Cerutti

Ökonomisches Denken schien lange Zeit das Privileg des Menschen. Dass aber auch Tiere Kapitalisten sind, weiss man mittlerweile aus zahlreichen Untersuchungen. Sei es das Sammeln von Nektar, das Jagen einer Beute, die Eroberung eines Geschlechtspartners oder die Aufzucht von Jungen – immer und überall zeigt die detaillierte Analyse animalische Strategien, die Energieaufwand und Risiko so dosieren, dass die Bilanz mehr Nutzen als Kosten verspricht.

Seit einigen Jahren untersuchen der Ökonom Keith Chen und die Psychologin Laurie Santos an der amerikanischen Universität Yale das ökonomische Talent von Kapuzineraffen. Schon nach wenigen Monaten wussten die Tiere, wie sich kleine Metallscheibchen als «Geld» für den Kauf von Esswaren einsetzen lassen. Ein Schlaumeier avancierte sogar zum Geldfälscher, indem er den Kollegen dem Geld ähnliche Gurkenscheibchen unterzujubeln versuchte.

Das ökonomische Verhalten der Affen entpuppte sich als erstaunlich subtil. So prüfte man die Logik der Tiere mit zwei scheinbar verschiedenen, mathematisch aber identischen Kaufsituationen: Im ersten Fall bekamen die Affen von einem Forscher für den «Preis» eines Scheibchens eine Traubenbeere. Und nachher noch eine zweite Beere, falls eine aufgeworfene Münze das passende Ergebnis brachte. Ein anderer Mitarbeiter offerierte den Affen von Anfang an zwei Traubenbeeren. Je nach Ergebnis des anschliessenden Münzwurfes ging aber eine der Beeren wieder in den Besitz des Forschers zurück. Bei beiden Handelsvarianten bestand also für die zweite Beere entsprechend dem Zufallsresultat des Münzwurfes die gleiche Chance von 50 Prozent.

In einer längeren Versuchsreihe wählten die Affen schliesslich in 75 Prozent der Fälle den ersten Handel mit einer offerierten Beere und dem möglichen Gewinn einer zweiten, anstatt sich von zwei Beeren allenfalls eine wieder wegnehmen zu lassen. Aus wirtschaftlicher Sicht erscheint solche Präferenz irrational. Und auch aus psychologischer Warte könnte man meinen, dass der Affe zu jenem Händler geht, bei dem zu Beginn mehr Nahrung liegt.

Die scheinbar unvernünftige Ökonomie der Affen entspricht indes den Erfahrungen aus unserer Wirtschaftspraxis. Auch der Mensch hat eine ausgeprägte Abneigung gegen Verluste, was sich etwa darin zeigt, dass bei fallenden Aktienkursen nicht verkauft wird, obwohl ein früher Verkauf die Chance für einen später günstigen Wiedereinstieg verbessern würde.

Beim Geld hört die Freundschaft auf

Dass nun auch Affen solches Verhalten zeigen, legt eine genetisch bedingte Ursache nahe. Laurie Santos vermutet, die Angst vor Verlusten könnte unseren Vorfahren ein Überleben in wechselhafter Umwelt erleichtert haben. Die Suche nach einem Lebensraum, wo ein mehr oder weniger zuverlässiges Nahrungsangebot durch gelegentlichen Überfluss versüsst wird, war zukunftsträchtiger als das Verbleiben an einem Ort, wo eine gute Ernährungsbasis stets wieder durch Hungersnöte verschlechtert wurde.

Die Abneigung gegen Verluste könnte auch für das soziale Zusammenleben von Vorteil sein. Denn der Forscher, der dem Affen zu der einen Beere noch eine zweite gibt, wirkt grosszügig und friedlich, während jener, der von der ursprünglich offerierten Gabe dann wieder die Hälfte einsackt, eher aggressiv erscheint.

Frans de Waal und Sarah Brosnan von der Universität Emory in Atlanta haben Kapuzineraffen beigebracht, Steinchen als Zahlungsmittel für Esswaren zu gebrauchen. In einer Versuchsreihe setzten sie zwei Affen nebeneinander und gaben ihnen ein Gurkenstück für jeden Stein. Als man dem einen Affen nach wie vor die Gurke, dem andern aber eine viel beliebtere Traubenbeere gab oder sogar eine Beere ohne Bezahlung schenkte, weigerte sich der benachteiligte Affe, weiterzuhandeln.

In einigen Fällen rastete das Opfer förmlich aus, warf all sein «Geld» dem Versuchsleiter an den Kopf und verzichtete sogar auf seine redlich erworbenen Gurkenstücke. Dieses Verhalten lässt vermuten, dass selbst Werte wie Fairness und Gerechtigkeit vormenschliche Wurzeln haben und mit ihrem emotionalen Potential sozial vorteilhaftes Verhalten fördern.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wolfhausen.

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