Das Zahnen ist eine jener Entwicklungsstufen vom unkoordiniert strampelnden, nackten Bündel Mensch zum body- und kleidermässig durchdesignten Steuerzahler, die man mit Vorteil rückblickend betrachtet. Doch selbst ohne nostalgische Verklärung scheinen den Erziehungsberechtigten die schlaflosen Nächte am Bett des zahnenden Kleinkinds wie Peanuts, vergleicht man sie mit denjenigen, die man fünfzehn Jahre später im eigenen Bett zubringt. Schlaflos ist man diesmal nicht, weil das Kind schreit, sondern weil es weder schreit noch überhaupt etwas von sich hören lässt. Das Mobiltelefon, mit dem man es ausgestattet hat, damit es immer und jederzeit die drahtlose Nabelschnur zu Mami und Papi aufbauen kann, hat entweder einen leeren Akku oder keinen Empfang. Womöglich ruiniert sich das erwachsende Kind gerade die bleibenden Zähne mit Alcopops, die bekanntlich nicht nur zu viel Alkohol, sondern auch viel zu viel Zucker enthalten.
Das Frühere verhält sich zum Späteren häufig wie implizit zu explizit. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, sagt das Sprichwort und meint: Am Anfang liegen die meisten Dinge verborgen. Der Säugling stellt also - notgedrungen - eine grandiose Projektionsfläche dar. Die Deutungshoheit über seine nonverbalen Äusserungen obliegt meistens den Eltern, die zwar 26 Buchstaben voneinander unterscheiden können, aber nicht unbedingt Babys Müdigkeit von Babys Hunger. Und weil so ein Kind zwischen sechs Monaten und zwei Jahren doch häufiger mal grundlos fiebrig, unzufrieden, weinerlich usw. ist, sind wir froh, dass es etwas gibt, was für alle diese unbegreiflichen Zustände verantwortlich scheint: das Zahnen. «Es zahnt», erklären wir Grossmüttern und genervten Nachbarn, worauf wir viel Verständnis und wenig Erziehungsratschläge erhalten.
Die Zähne brechen durch. Sie sind schon vor der Geburt in doppelter Ausführung vorhanden, aber wir sehen sie nicht. Und plötzlich sind sie da. Das Verborgene entbirgt sich. Das Zahnen geht meist auch einher mit der zweiten Abnabelung, der von der Mutterbrust. Das Kind verkündet so, dass ihm die Muttermilch nicht mehr genügt. Das bedeutet für die Mütter (und Väter) meist beides: Erleichterung und Abschied von der Symbiose. Vielleicht begreifen wir damit zum ersten Mal, dass der menschliche Wachstumsprozess irreversibel ist und dazu führt, dass wir unsere Zähne eines mehr oder weniger fernen Tages auch wieder verlieren.
Die Zähne ermöglichen aber noch etwas anderes: die Sprache. Ohne Zähne keine Artikulation. Das mag später auf dem Zahnarztstuhl zum Ohnmachtsgefühl führen, das - nebst potentiell schmerzhaften Behandlungsprozeduren - die weit verbreitete Angst vor dem Zahnarzt erklärt. Auf dem Behandlungsstuhl werden wir alle für kurze Zeit wieder zum sprachlosen Kleinkind.
Und so plädiere ich dafür, den Begriff des Zahnens ins Erwachsenenalter hinüberzuretten. Statt unseren Mitmenschen zu erklären: Ich stehe vor einer sehr wichtigen Entscheidung oder kurz vor dem Durchbruch, seid bitte lieb zu mir und lasst mich in Ruhe, sagen wir einfach: «Ich zahne.»
Ruth Schweikert ist Schriftstellerin, sie lebt in Zürich.