«HEUTE MORGEN ERSPÄHTE einer unserer Matrosen eine Meerjungfrau. Sie kam nahe an das Schiff heran und blickte ernst zu den Männern hoch. Vom Nabel aufwärts waren ihr Rücken und ihre Brüste die einer Frau, ihr Körper war so gross wie der unsrige, ihre Haut sehr weiss, und langes, schwarzes Haar hing ihr vom Kopf herab. Als sie abtauchte, sahen die Männer ihren Schwanz, der wie der Schwanz eines Tümmlers war.» So beschrieb im 17. Jahrhundert der amerikanische Seefahrer Henry Hudson, was seine Männer auf Entdeckungsfahrt im Nordmeer gesehen haben wollten. Schon die Meeresgöttin Atargatis der Babylonier war halb Mensch, halb Fisch. Und was Odysseus diesbezüglich optisch wie akustisch erlebte, war der Stoff zu einem Klassiker der Weltliteratur.
Berichte über Sirenen, Zee-Wyven und «homen marinho» waren rund um den Globus derart häufig, dass an der Sache wohl etwas dran sein musste. Ein kühler Kopf kam dem Mythos schon früh auf die Spur. Am 9. Januar 1493 sah Christoph Kolumbus in der Karibik drei Sirenen auftauchen. Während nun seine Mannschaft ob der Verlockung aus dem Häuschen geriet, beobachtete der Weltentdecker die Geschöpfe mit wachem Auge. Und er notierte im Logbuch: «Sie sind nicht so schön, wie sie gemalt werden, denn in gewisser Weise haben sie ein Gesicht wie ein Mann.» Der Genuese klassierte die Sirenen als Säugetiere, und seine detaillierte Beschreibung gab 1535 Anlass zur ersten realistischen Zeichnung des Karibischen Manati, eines Vertreters der Ordnung der Seekühe. Obwohl damit der prosaische Kern der Matrosenphantasie erkannt war, zahlte noch im 19. Jahrhundert das Publikum auf den Jahrmärkten Europas und Amerikas Eintritt, um Mumien von Seejungfrauen zu begaffen, die aus getrockneten Fischen fabriziert waren.
Seekühe oder Sirenia, wie sie wissenschaftlich heissen, gehören erstaunlicherweise zu den Huftieren, und ihre nächsten lebenden Verwandten sind die Elefanten. Sie haben sich vor vielleicht 50 Millionen Jahren in der Gegend der Tethys (der Vorläuferin des heutigen Mittelmeers) auf ein Leben in warmen Küstengewässern spezialisiert. So ist aus dem grasfressenden Vierbeiner ein stromlinienförmiger Schwimmer mit Schwanzflosse geworden. Die Hinterbeine sind nur noch im Tierinnern als Skelettrudimente erkennbar; die vorderen Gliedmassen haben sich zu Flossen gewandelt. Das Skelett der Flossen zeigt aber noch vollständig die herkömmliche Struktur mit biegsamen Hand- und Fingergelenken. Beim Karibischen Manati sitzen an den Flossenspitzen als Relikt sogar abgerundete Hufnägel, weshalb er auch Nagelmanati heisst.
Die Manatis sind die einzigen im Wasser lebenden Säugetiere, die sich ausschliesslich von Pflanzen ernähren. Sie bevorzugen küstennahe Gewässer, Flussmündungen und Flüsse in den Tropen und Subtropen und werden bis vier Meter lang und über 500 Kilogramm schwer. Neben dem Karibischen Manati existieren als weitere Arten der Westafrikanische Manati sowie im Amazonasbecken der Flussmanati oder Amazonasmanati. Die drei Manati-Arten haben als gemeinsames Merkmal einen paddelförmigen Schwanz und bilden deshalb die Familie der Rundschwanz-Seekühe.
Einen zu zwei Zipfeln auslaufenden Schwanz hat der Dugong, der einzige Vertreter der Familie der Gabelschwanz-Seekühe. Sein Lebensraum sind die seichten Küstengewässer im Indischen Ozean und Westpazifik, von der Ostküste Afrikas bis zu den Philippinen und den Nordküsten Australiens. Der Dugong weidet besonders gerne, wo auf versunkenen Landbrücken riesige Wälder von Seegräsern und Algen wuchern. Zum Atemholen taucht er alle paar Minuten senkrecht auf, schaut sich kurz um und stösst dann die verbrauchte Luft mit einem weitherum hörbaren «p-haaa» aus. Wenn nun noch vom Fressvergnügen her lange Seegräser am Kopf kleben und bei einer Mutter die beiden Brüste am oberen Vorderkörper gefüllt sind, konnte für den ausgehungerten Matrosen die Seekuh schon mal zur holden Maid werden.
Die Sirenen haben sich dem Leben im Wasser hervorragend angepasst. Meeres- und Süsswasserpflanzen enthalten nur wenige Nährstoffe. Die Tiere müssen deshalb sechs bis acht Stunden pro Tag weiden und dabei bis zu 100 Kilogramm fressen. Das Verdauen solcher Pflanzenberge braucht viel Platz und Zeit - die Manatis haben einen 40 Meter langen Darm, und die Nahrung ist fast eine Woche lang im Körper auf Wanderschaft. Beim Knacken der Pflanzenzellen helfen Darmbakterien, was enorme Gasmengen produziert. Damit das grasende Tier nicht wie ein Ballon an der Oberfläche treibt, lässt es häufig Gas ab. Auch besitzen die Sirenen eine Lunge, die sich entlang der ganzen Körperhöhle erstreckt und so für gleichmässig verteilten Auftrieb sorgt.
Für den Kauapparat musste sich die Natur Besonderes einfallen lassen. Viele Wasserpflanzen sind echte Gräser und enthalten harte Kieselnadeln - Schmirgelpapier für die Zähne. Den Manatis wachsen deshalb laufend Zähne nach: Je etwa zwanzig Mahlzähne stehen im Kiefer hintereinander; fallen die vorderen, abgenutzten aus, schieben sich von hinten neue ins Arbeitsfeld. So wandert die Zahnkette mit einem Millimeter pro Monat vorwärts, was lebenslang ein junges, kräftiges Gebiss garantiert.
Bei allem physiologischen Raffinement können die Manatis bei solch karger Ernährung nur existieren, indem sie den Stoffwechsel auf Sparflamme setzen und mit einem Fünftel der Energie anderer Säuger vergleichbarer Grösse auskommen.
Heikel ist auch der im Wasser generell hohe Wärmeverlust. Da Manatis die isolierende Transchicht vieler Meeressäuger fehlt, können sie ihre Körpertemperatur von 36 Grad Celsius nur halten, wenn das Wasser nicht kälter als etwa 16 Grad ist. Deshalb findet man an der amerikanischen Küste Manatis ganzjährig nur bis Georgia. Und wenn der Winter besonders streng wird, können sogar in Florida Jungtiere an Unterkühlung sterben. Dann ziehen die Manatis wie die amerikanischen Senioren nach Südflorida an die Küste von Fort Lauderdale oder Miami. Als Winterquartier beliebt sind auch Flüsse mit warmen Quellen (etwa der Crystal River am Golf von Mexiko) oder die Kühlwasserkanäle von Kraftwerken, wo sich jeweils Herden von mehreren hundert Tieren versammeln.
Gewöhnlich sind die Sirenen aber Einzeltiere und kennen weder Eigenreviere noch eine soziale Rangordnung. Gerangel gibt es nur, wenn das Weibchen alle zwei bis drei Jahre brünstig wird und eine Horde Bullen um die sexuelle Chance kämpft. Dreizehn Monate später bringt das Weibchen ein einzelnes Kalb zur Welt und stillt das Kleine mindestens ein Jahr lang. Nach ein bis zwei weiteren Jahren mit der Mutter geht das Kalb im marinen Pflanzengarten eigene Wege. Das wenig aufregende Leben kann bis zu sechzig Jahre dauern - falls die Seekuh den Menschen nicht in die Quere kommt.
Das schmackhafte Fleisch, der Speck und das zähe Leder haben die Seekühe weltweit zur begehrten Jagdbeute werden lassen. Mit Harpunen oder grossmaschigen Netzen holte man die friedlichen Viecher aus dem Wasser. Die Indianer nutzten zu Kolumbus' Zeiten Schilder aus Seekuhhaut. Im 17. und 18. Jahrhundert schaffte man aus Brasilien ganze Schiffsladungen Manatifleisch zu den Westindischen Inseln. Und im australischen Queensland florierte bis Mitte des 20. Jahrhunderts eine Industrie, die das Öl der Dugongs zum Kochen und für Heilsalben vermarktete. Im Amazonasgebiet wurden noch in den sechziger Jahren jährlich bis zu 7000 Tiere abgeschlachtet.
Für eine fünfte Sirenenspezies war die Begegnung mit Menschen gnadenlos kurz: 1741 entdeckten Schiffbrüchige einer russischen Expedition unter Vitus Bering auf den Kommandeurinseln vor Kamtschatka eine Riesenseekuh. Mit von der gestrandeten Partie war der deutsche Naturforscher Georg Wilhelm Steller, der das Tier dann wissenschaftlich beschrieb. Mit acht Metern Körperlänge, einem Gewicht von vier Tonnen und einer zerfurchten Haut wie alte Baumrinde verblüffte die Stellersche Seekuh durch ihre imposante Erscheinung. Den Schiffbrüchigen diente das Tier als rettende Nahrung. Die Kunde von der leichten Beute verlockte jedoch die russischen Pelztierjäger auf dem Weg zu den Aleuten, auf den Kommandeurinseln Halt zu machen, um sich an den Kühen gütlich zu tun. Nur 27 Jahre nach der Entdeckung war die gesamte Population von einigen tausend Stellerschen Seekühen niedergemetzelt.
Obwohl die Sirenen heute weltweit geschützt sind, droht ihnen weiterhin Gefahr. Die Meeresverschmutzung lässt die Weiden unter Wasser verkommen, die Tiere verfangen sich in Fischernetzen und ersticken jämmerlich.
In Florida leben noch um die zweitausend Manatis. Dort aber hat fast jeder Küstenbewohner sein Motorboot - die nur knapp unter der Wasseroberfläche grasenden Tiere werden jährlich zu Dutzenden von Schiffsschrauben zerhackt. Es gibt heute in Florida fast kein Manati ohne Narben; ein staatliches Computerverzeichnis führt die Narbenmuster von Hunderten von Florida-Manatis als Identifikation individueller Tiere für die Verhaltensforschung. Mit Geschwindigkeitsbeschränkungen für Boote werden jetzt immerhin die wichtigsten Winterquartiere der Tiere geschützt.