Wer nach dem Unterschied zwischen den Geschlechtern sucht, braucht bloss die Zeitung aufzuschlagen: «Dalia, dunkle Perle, gr. Busen, 10–20 h …», «Michelle, ohne Hemmungen, nur kurze Zeit …», «Iris, attr., sexy Fig., tägl. …». Auf Dutzende von «Vollblutfrauen», «Nymphchen» und «gierigen Susis» kommt ein einziges, trockenes Angebot eines Callboys: «Er verwöhnt Sie im Hotel oder zu Hause …» Das klingt nicht nach einer Vollzeitstelle.
Man kann auch zum Kiosk gehen und die Auslagen unter «Herrenmagazine» und «Frauenmagazine» vergleichen. Mit Bildern nackter Männer ist bei Frauen nichts zu holen.
Was die typischen Wünsche älterer Männer angeht, die berühmt genug sind, sie sich zu erfüllen, hier das Alter ihrer Partnerinnen. Die «orientalische Schönheit» Minu Barati, Freundin von Joschka Fischer (57), ist 29. Das Fotomodell Laetitia Boudou, die fünfte Frau von Rocklegende Johnny Hallyday (62), ist 30. Die Aerobiclehrerin Penny Lancaster, die zukünftige Frau von Rod Stewart (60), ist 34 – sieben Jahre jünger als seine älteste Tochter.
Warum inseriert nicht «Hanspeter, mollig und willig …»? Ist es nicht erstaunlich, dass die Werbung uns Red Bull schmackhaft machen konnte, dass es in 30 Jahren aber niemandem gelang, den Appetit der Frauen auf Bilder von untenrum nackten Männern zu wecken? «Playgirl», das zur Blütezeit des Feminismus gegründete Erotikmagazin für Frauen, wird im Internet von Schwulen empfohlen. Und wo sind die alternden Politikerinnen, die mit 25-jährigen Biobauern an Parties auftauchen?
Es gibt keine Zweifel: Mann und Frau ticken nicht gleich. Und der Grund dafür liegt in der Biologie. Männer wollen unverbindlichen Sex, nacktes Fleisch, junge, schöne Begleitung. Das liegt in ihrer Natur. Frauen teilen diese Vorlieben kaum. Da können Soziologen und Feministinnen noch lange bestreiten, dass es so etwas wie die Natur des Mannes überhaupt gebe, oder ihre Wirkung kleinreden. Die Fakten sprechen eine andere Sprache.
Doch was ist mit all den Frauen, die knackigen Männerärschen hinterherpfeifen? Keine Frage, die gibt es. Es gibt auch asexuelle Männer. Wie jede andere Eigenschaft des Menschen variieren auch die biologisch verankerten Empfindungen. Zudem wird jedes Verhalten stark von der Umwelt mitbestimmt. Auf die Durchschnittsnatur von Mann und Frau hat das wenig Einfluss. Das sieht man am deutlichsten dort, wo sexuelle Gepflogenheiten nicht vom anderen Geschlecht beeinflusst werden: bei homosexuellen Männern und Frauen. Lesbische Frauen, die ihre Sexualität unbeeinflusst von Männern ausleben können, treffen einander nicht in Bahnhoftoiletten auf einen schnellen Cunnilingus.
Nüchtern betrachtet ist es keine Überraschung, dass sich Männer und Frauen aus biologischen Gründen unterschiedlich verhalten, wenn es um Sex oder Partnerwahl geht. Wir wären das einzige Tier, bei dem das nicht der Fall wäre. Weil sich die Investition von Mann und Frau in die Fortpflanzung stark unterscheidet – drei Minuten Sex und ein Kaffeelöffel Sperma gegen ein kostbares Ei, neun Monate Schwangerschaft, eine gefährliche Geburt und eine lange Stillzeit –, führten im Laufe der Evolution von Mann und Frau nicht die gleichen Strategien zum Reproduktionserfolg.
Diese Unterschiede zeigen sich in fast allen Kulturen, und es gab sie, soweit wir wissen, zu allen Zeiten; sie widerstanden jeder Bemühung, sie einzuebnen, und die Evolutionsbiologie hat eine schlüssige Theorie darüber, wie sie entstanden sind. Trotzdem wollen vor allem Frauen nicht wahrhaben, dass sie biologischen Ursprungs sind. Sie befürchten erstens, die Natur des Mannes könnte als Entschuldigung dienen: Meine Gene haben mich zum Seitensprung getrieben. Die Existenz dieser Männernatur könnte zweitens zur Diskriminierung führen: Es liegt in der Natur der Männer, über Frauen zu bestimmen. Oder drittens zur Umdefinierung von Werten: Wenn es die Natur so vorgesehen hat, ist es bestimmt auch moralisch richtig.
Das klingt nach berechtigten Befürchtungen – bloss berühren sie die eigentliche Frage nicht: Verhalten sich Männer und Frauen aus biologischen Gründen verschieden? Stattdessen setzen sich viele Frauen mit den möglichen Folgen der Existenz einer Männernatur auseinander, beurteilen sie als negativ und kommen dann rückwärts zum Schluss, dass es diese Unterschiede deshalb nicht geben kann. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Weil ein Mann den Gang ins Bordell vor seiner Frau mit seiner Natur entschuldigen könnte, darf es diese Natur erst gar nicht geben. Das ist so absurd wie das Bekenntnis: Ich glaube nicht an die Schwerkraft, weil mir sonst ein Ziegelstein auf den Kopf fallen könnte.
Die drei Befürchtungen sind nicht nur Teil einer unzulässigen Argumentation, sie lösen sich bei näherer Betrachtung auch in Luft auf.
Wer behauptet, die Natur des Mannes könne als Entschuldigung für die Affäre mit der Praktikantin herhalten, verwechselt Erklärung mit Entschuldigung. Zudem kann jede Erklärung einer Tat – ob die bösen Gene oder die böse Stiefmutter – zur Entlastung des Täters herangezogen werden. Wie eine Gesellschaft diese Einflüsse gewichtet, ist eine schwierige Angelegenheit. Mit der Frage, ob es die Natur des Mannes gibt oder nicht, hat sie nichts zu tun.
Die Idee, die Verantwortung für eine Tat auf die Gene abzuwälzen, zeigt, dass viele Leute bei biologisch verankertem Verhalten an willenlose Zombies denken, die von ihren Genen ferngesteuert werden. Die genannten Eigenschaften der männlichen Natur – Lust auf Sex mit wechselnden Partnerinnen, starke Erregung durch nackte Frauenkörper, Vorliebe für junge und schöne Frauen – sind aber nur drei aus einem Orchester verschiedener Stimmen im Gehirn, die biologische und anerzogene Tendenzen repräsentieren. Aus dieser Kakophonie – Lust auf Sex, Anstand, Mitgefühl, Verantwortungsbewusstsein usw. – wird schliesslich ein Verhalten destilliert. Es besteht also immer die Wahl aus verschiedenen Möglichkeiten.
Bei anderen angeborenen Bedürfnissen akzeptieren wir diese Erklärung bereitwillig. Obwohl Hunger zweifellos ein biologischer Trieb ist, gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen. Einen McDonald’s aufsuchen, zwei Stunden auf ein siebengängiges Essen warten, kein Fleisch essen, Diät halten, fasten.
Von den Einwänden gegen die Existenz einer männlichen Natur wiegt der zweite, die Diskriminierung, zweifellos am schwersten. Es wird immer Ewiggestrige geben, die jedes nur erdenkliche Argument – darunter auch jenes der Natur des Mannes und der Frau – benutzen werden, um den Frauen das Recht auf Selbstbestimmung streitig zu machen. Gleichberechtigung darf jedoch nie darauf basieren, dass beide Geschlechter im Kopf gleich gebaut sind. Wird sie nicht unabhängig von biologischen Fakten postuliert, würde sie mit jeder neuen Entdeckung im Gehirn in sich zusammenstürzen.
Das dritte Argument ist so falsch, dass es vor mehr als hundert Jahren sogar einen eigenen Namen bekam: der naturalistische Fehlschluss. Die Meinung, was die Natur hervorbringe, sei auch moralisch richtig, ist heute noch verbreitet. Dokumentarfilme nähren den Mythos, Killerwale töteten nur, um das eigene Überleben zu sichern, und Löwen seien eigentlich Sterbehelfer, die nur geschwächte Tiere anfallen. In diese Reihe passt der Mensch, der von Natur aus edel ist und gut und erst von der Gesellschaft verdorben wird.
Wenn Fremdgehen ein von der Natur begünstigtes Verhalten ist, wird es nach dieser Denkweise zu einem achtbaren Benehmen. Da bleibt nur ein Ausweg: Die Natur des Mannes darf es nicht geben.
Wir sind aber nicht auf dieser Erde, weil unsere Urururahnen sich besonders moralisch verhalten haben, sondern weil sie, auf welchen Wegen auch immer, einen Menschen gezeugt haben, der unser Vorfahre wurde.
Die Welt wird nicht schlechter, wenn wir dieser Tatsache ins Auge blicken – bloss ein bisschen ehrlicher.
Reto U. Schneider ist NZZ-Folio-Redaktor.